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VERSICHERUNG: Allianz-Chef will Skeptiker verstummen lassen

Bis zur Schaffung einer gemeinsamen Gruppenidentität wird es wohl noch dauern. Analysten sind über die Höhe der Synergieeffekte beeindruckt.

Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle hat es eilig. »Speed, speed, speed« lautet das Motto bei der Übernahme der Dresdner Bank, sagte er am Donnerstag in München. Bevor die Stimmen der Skeptiker noch lauter werden, will der 58-jährige Konzernlenker mit einer konsequenten Integration der Bank und mit Gewinnsteigerungen in Milliardenhöhe Fakten schaffen. Denn nach der Anfangseuphorie über den Zusammenschluss des größten deutschen Versicherungskonzerns mit dem drittgrößten Kreditinstitut ist die Skepsis in der Branche über das Allfinanzkonzept in den vergangenen Wochen größer geworden.

Kritik am Zusammenschluss

Die Rentenreform hat die Neuordnung der Finanzlandschaft eingeleitet. Angesichts des Booms bei privater Altersvorsorge wollen Banken und Versicherungen durch Zusammenschlüsse und Fusionen den Kunden eine Produktpalette aus einer Hand anbieten. Kritiker halten einen Zusammenschluss aber für nicht nötig. »Wozu die Kuh kaufen, wenn man nur die Milch braucht«. So betonte Münchener Rück-Chef Hans-Jürgen Schinzeler, seinem Konzern würde eine starke Beteiligung an der HypoVereinsbank ausreichen. Eine Übernahme binde zu viel Kapital.

Bankkauf bleibt umstritten

Zwar gibt es Beispiele für funktionierende Allfinanzkonzerne. »Die niederländische ING ist gut aufgestellt«, sagte Merck Finck-Analyst Konrad Becker. Dennoch ist die Skepsis vielfach groß. Auch AXA-Chef Henri de Castries sprach sich immer wieder gegen den Kauf einer Bank aus. Als Schulte-Noelle die Vision der neuen Allianz präsentierte, wurde bekannt, dass die Franzosen auch die Gespräche über eine Kooperation mit der Deutschen Bank abgebrochen haben sollen.

Schulte-Noelle rechnet anders

Schulte-Noelle machte eine Gegenrechnung auf: Bei Fonds sind Banken heute mit einem Marktanteil von 70 Prozent der mit Abstand wichtigste Vertriebsweg. Hinzu kommt, dass beim Vertrieb von Altersvorsorgeprodukten 50 Prozent der Gewinnmarge bei der Bank als Distributor bleiben. »Ein Bankenvertrieb im Verbund belässt diese Erträge in der neuen Allianz-Gruppe.« Mit gemeinsam 20 Millionen Kunden ist der neue Konzern auch in der Fläche stark aufgestellt.

Große Umstellung für alle

Dennoch birgt die Übernahme für die Allianz Risiken. Zwar ist der Konzern in seiner 111-jährigen Geschichte oft durch Übernahmen gewachsen. In Vertrieb und Vermögensverwaltung krempelt er sich mit der Übernahme aber neu um und verlagert wichtige Aktivitäten zur Dresdner Bank. »Das alles bedeutet für Allianz-Mitarbeiter eine gewaltige Umstellung«, sagte ein Unternehmenskenner.

Auch der Unterschied bei den Kulturen ist nach Einschätzung von Beobachtern groß. »Ob unsere Bankberater am Schalter gerne auch Sachversicherungen verkaufen, muss man abwarten«, hieß es im Umfeld der Dresdner. 1.000 Allianz-Experten sollen daher als Bankreferenten für den Verkauf von Versicherungen in den Filialen der Dresdner eingesetzt werden. Die »Schaffung einer starken Gruppenidentität« wird wohl noch etliche Jahre dauern, räumte Schulte-Noelle ein.

Vorbild für andere

Analysten zeigten sich von den Synergien beeindruckt. »Das ist mehr, als wir erwarteten«, sagte Analyst Becker. Die Zusammenlegung der Vertriebswege macht Sinn. »Die Krux wird die Umsetzung sein.« Die Allianz hat aber dank der Übernahme die volle Kontrolle über die Bank. Bei einer reinen Beteiligung sind Veränderungen schwer durchsetzbar. Auch mit Blick auf Münchener Rück und HypoVereinsbank kann er sich daher vorstellen, dass Beteiligungsmodelle nur ein Zwischenschritt zu neuen Allfinanzriesen nach Allianz-Vorbild sind. Axel Höpner und Daniela Wiegmann