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Verspätungen bei der Bahn: Haben Sie Geduld und lesen Sie ein Buch!

Die Hochwasserfolgen wirken sich noch Monate auf die Fahrpläne aus - und auch sonst stimmen die Bahnchefs Kunden auf viel Frust ein. Die Lösung: kostenlose Lektüre für alle.

Von Lutz Meier

Die Bahn hat ein Mittel gegen den wachsenden Frust ihrer Kunden gefunden. Auf den Strecken, auf denen die Fahrt wegen der Hochwasserschäden immer noch länger dauert, will sie demnächst Zeitschriften und Reclam-Bände an die Fahrgäste verteilen, kündigte Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg am Donnerstag an, "damit sie die längere Verweildauer sinnvoller nutzen können". Welche Literatur ausgeteilt wird, werde derzeit noch besprochen. Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen unter 900-Seiten-Schwarten wie "Schuld und Sühne" umgucken. Denn bei der Bahn dauert es noch sehr lange sehr lange, wie die Bahnspitze gleichzeitig eingestehen musste. Und das nicht nur wegen des Hochwassers.

Wie wäre es mit einem Fahrpreisrabatt?

Auf den hochwassergeschädigten Strecken, die ein Viertel des gesamten Fernverkehrs ausmachen, wird es bis September dauern, bis die Bahn überhaupt die Schäden überblickt. Erst dann will der Staatskonzern anfangen, Reparaturarbeiten zu vergeben. Wie lange diese brauchen, vermag er nicht zu sagen.

Für regelmäßige Nutzer der Strecken von Berlin Richtung Frankfurt oder Hannover bedeutet das: Es lohnt sich, mit der Lektüre eines mehrbändigen Werkes zu beginnen. Denn es kann gut sein, dass noch bis Jahresende die Fahrt eine Stunde länger dauert. Und, falls sich irgendjemand Illusionen gemacht hat: "An eine Fahrpreisreduzierung denken wir nicht", sagt Homburg.

Die ICEs pfeifen aus dem letzten Loch

Aber auch die restlichen Bahnfahrer werden von dem Transportkonzern auf fortdauernde Probleme eingestimmt. Man versuche, den ICE-Verkehr "so stabil wie irgend möglich" zu halten, kündigt Vorstand Homburg voller Hoffnung an. Denn im ICE-Verkehr pfeift die Bahn erklärtermaßen aus dem letzten Loch. Die 16 neuen ICE-Züge von Siemens, die eigentlich schon von 2011 an im Wagenpark der Bahn hätten laufen sollen, fehlen schmerzlich. Das führt zu der paradoxen Situation, dass die Nachfrage nach Sitzplätzen seit zehn Jahren stürmisch steigt, die Bahn aber das Angebot sukzessive einschränken muss. Von der Qualität des Angebots gar nicht erst zu sprechen: Die vorhandenen Züge sind im Dauereinsatz und entsprechend störanfällig und wenn irgendetwas schiefgeht, fehlt Ersatz. Gleichermaßen fehlt Zeit, um Züge zwischen den Einsätzen zu reinigen, in die richtige Wagenreihung zu bringen, Reservierungen zu programmieren oder die Speisewagenausrüstung in Schuss zu bringen. "Wir haben uns darauf eingestellt, mit der vorhandenen Flotte klarkommen zu müssen", stöhnt Homburg. Die Bahn macht jetzt beim umstrittenen Zulassungsverfahren für die Züge Druck, aber sie rechnet dennoch frühstens 2014 mit dem ersten Zug.

Wie die Bahnreise zum Wunder wird

Ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel für die tägliche Geduldsprobe der Bahnfahrer ist ICE 1616 von Berlin nach Hamburg. Ein ganz normaler Zug, vom Hochwasser nicht betroffen. Eigentlich ein hervorragendes Angebot für Pendler mit Arbeitsplatz in Hamburg oder Geschäftsleute mit Frühtermin, wo der Zug fahrplanmäßig um sieben Minuten vor neun ankommt. Aber unter den Fahrgästen ist auch eine junge Frau, die den Zug immer wieder nutzt, um Richtung Cuxhaven weiterzufahren. Als sie am Montag dieser Woche zum ersten Mal seit fast drei Monaten ihren Anschluss um 9.06 Uhr erreicht, kann sie ihr Glück kaum fassen. Mal funktioniert das Zusammenkoppeln der Zugteile in Berlin nicht, mal macht Hamburg Probleme. Die Wagenreihung schließlich geht seit Monaten derart durcheinander, dass man sich fragt, warum die Bahn überhaupt noch eine reguläre Zugordnung anbietet und nicht mit variablen Anzeigen arbeitet. Die regulär verlaufende Bahnreise ist in Deutschland zum kleinen Wunder geworden.

Ratlos sitzen acht graugesichtige Herren von der Bahnführung auf dem Podium des Berliner Marriott-Hotels und blicken alle gleich hoffnungsfrei drein, wenn sie über diese Probleme sprechen. Denn sie könnten einen funktionierenden Fernverkehr im Augenblick gut brauchen. Hier steigt ungeachtet aller Schwierigkeiten die Nachfrage immer noch leicht, die Kunden schlucken geduldig jede Fahrpreiserhöhung, und die Konkurrenz bereitet keine Sorgen. Jahrelang hat sich die Bahn einseitig auf das Güterverkehrsgeschäft verlassen, doch nun steckt dieses wegen der Wackelkonjunktur heftige Schläge ein, wie die am Donnerstag vorgelegte Halbjahresbilanz zeigt, derzufolge die Bahn im Vorjahresvergleich fast 30 Prozent ihres Gewinns verloren hat. Der Fernverkehr könnte somit das letzte stabile Rückgrat sein, wenn nicht Hochwasser und Kundenfrust auf Dauer auch geduldige Bahnkunden zu verschrecken drohten.

Die Klimaanlagen fest im Blick

Die Frau, die die Bahn aus dem ganzen Schlamassel herausholen soll, sitzt mit einem wissenden Lächeln zu Fuße der acht Herren. Heike Hanagarth ist noch bei BMW beschäftigt, wo sie eine Motorenfabrik leitet, soll aber demnächst Technikvorstand der Bahn werden. Muss bald sie den Kopf hinhalten, wenn Klimaanlagen schlapp machen, wird Bahnchef Grube gefragt. Hanagarth lässt ihrem Lächeln etwas mehr Raum und schlägt die Beine übereinander. Zumindest für die Qualität sei die 54-Jährige bald verantwortlich, antwortet Grube. Die Klimaanlagen müssen für einen Moment aber noch die grauen Männer im Griff behalten. Personenverkehrsvorstand Homburg verspricht für das vorhergesagte glutheiße Wochenende "uns entsprechend zu wappnen" - wobei die Probleme nur noch alte IC-Wagen betreffen würden. Am Ende sagt Grube dann noch einmal, wie froh er ist, dass er bald Heike Hanagarth hat. "Andere reden nur von Mobilität, bei der Bahn findet sie statt", habe ihm die Kandidatin im ersten Gespräch gesagt. Wenn sie demnächst wieder von München nach Berlin kommt, sollte sie sich gute Lektüre einpacken. Auch auf dieser Strecke dauert es nämlich länger.