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Fehlende Züge, Hochwasser, Klimaanlagenprobleme: Der trübe heiße Bahn-Sommer

"Umgekehrte Wagenreihung" und andere Ärgernisse: Zugfahrer können sich darauf einrichten, dass die Malaisen der Deutschen Bahn noch lange dauern. Schon gibt es wieder erste Probleme mit Klimaanlagen.

Von Lutz Meier

ICE 1721 fährt heute nur mit einem Zugteil. Routiniert trottet die Menge am Dienstagabend an Gleis 8 des Hamburger Hauptbahnhofs zur Mitte des Bahnsteigs. Ansagen wie diese gehören für sie zu den kleinen Übeln. "Umgekehrte Wagenreihung", "Die Reservierungen können leider nicht angezeigt werden", "Fährt heute von Gleis 11" - das sind die regelmäßigen Zugbenutzer längst gewohnt. Allenfalls ausländische Gäste und Seltenreisende blicken da noch irritiert oder verärgert über den Bahnsteig. Die meisten anderen denken sich: Wenn es heute nichts Schlimmeres ist.

Noch einen Monat Hochwasserverspätungen

Weil der Bahn Züge fehlen, kann sie keinen ordentlichen Service bieten, das sagt sie selbst. Das wird noch lange so weitergehen, stellt der Staatskonzern in Aussicht. "Wir haben da keinen Hebel in der Hand", bedauert ein Bahnsprecher und fügt an, mindestens bis zum kommenden Sommer werde die Misere wahrscheinlich noch gehen, mit der sich am Mittwoch der Aufsichtsrat des Staatskonzerns beschäftigt hat. In diesem Sommer kommen noch andere Misslichkeiten dazu, allen voran die Folgen der Flutkatastrophe. Am Mittwoch stellte die Bahn ihren Notfahrplan vor, demzufolge auf mehreren Hauptstrecken (Berlin-Hannover, Berlin-Frankfurt) Verspätungen um eine Stunde jetzt fahrplanmäßige Verspätungen sind. Und jetzt machen in der Hitzeperiode auch wieder auch wieder die Klimaanlagen Schlagzeilen: Am Dienstag musste die Bahn sechs Fernzüge anhalten, weil die Kühlung nicht funktionierte. Aber der Konzern beteuert, er habe das Problem im Griff.

Rekordziel passiert

Es hätte solch ein schönes Jahr für Bahnchef Rüdiger Grube werden können. Die Nachfrage im Fernverkehr zieht trotz aller Widrigkeiten an, so dass der Vorstandsvorsitzende schon einen neuen Rekordgewinn eingeplant hatte. Dieses Ziel musste Grube unlängst wieder einkassieren. Denn die Einnahmen im Güterverkehr brechen wegen der Wirtschaftsflaute ein - umso wichtiger ist, dass es im hochprofitablen Geschäft mit ICEs und ICs läuft, doch da "müssen wir Kunden verprellen", wie ein Bahnsprecher klagt.

Abhilfe frühestens 2014

Es ist einer der seltenen Fälle, wo die Bahn ein Problem gar nicht erst kleinzureden versucht, der Grund ist klar: In diesem Fall kann sie die Schuld voll und ganz auf einen anderen abwälzen, den ICE-Hersteller Siemens. 2008 hatte die Bahn 16 Züge bestellt, ab 2011 wollte Siemens liefern, aber geschafft hat das der Hochtechnologiekonzern bis heute nicht - unter anderem, weil es Probleme mit der Zulassung gibt. Vor Herbst 2014 wird es auch nichts mehr, so die interne Erwartung.

Im ICE könnte Grube zeitweise viel mehr Plätze verkaufen, als er anbieten kann. Mit den fehlenden Zügen haben, wenn man der Bahn glaubt, derzeit fast alle Probleme zu tun. Ein Zug muss so schnell wieder eingesetzt werden, dass keine Zeit bleibt, ihn aufwändig zu drehen, deshalb fahren die Wagen in falscher Reihenfolge. Und die Bahn lässt lieber zwei verkürzte Züge fahren, als einen ausfallen zu lassen, daher "fehlt ein Zugteil".

Im Wochenendverkehr kann der Konzern überdies mangels der ICEs keine Entlastungsverbindungen anbieten, daher herrscht drangvolle Enge. In dieser Woche machte sich die Bahnspitze mal wieder öffentlich Luft über Siemens. "Frech" nannte Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg den Münchner Konzern, weil dieser vorgeschlagen habe, die Wartung der ICEs künftig selbst zu übernehmen. Wenn Siemens in Sachen Wartung so zuverlässig sei wie bei den Lieferterminen, dann spreche das für sich.

Siemens versucht inzwischen den schwarzen Peter zumindest teilweise der Zulassungsbehörde zu geben. Das Eisenbahn-Bundesamt sei bei der Genehmigung der neuen Züge ganz besonders gründlich, so klagen Siemens-Vertreter.

Neuer Posten

Die Lösung soll ein neues Genehmigungsverfahren sein, das aber frühestens bei der nächsten Zuggeneration für pünktliche Zulassung sorgen könnte. Bei der Bahn selbst versucht man mit einem neuen Vorstandsposten Abhilfe zu schaffen, dessen Einrichtung der Aufsichtsrat am Mittwoch beschloss: Künftig soll ein Technikvorstand (nach Grubes Vorstellung gerne eine Frau) dafür sorgen, dass es läuft.

Bei den Klimaanlagen "die übliche Ausfallquote"

Vielleicht kann die neue Frau auch den überhitzten Fahrgästen ohne Klimaanlage helfen. Die Bahn allerdings beteuert, sie habe das Problem abgestellt, nachdem im Sommer 2010 gleich reihenweise die Kühlung in ICEs schlapp gemacht haben. In der besonders anfälligen ICE-Baureihe seien alle Klimaanlagen inzwischen durch leistungsfähige Technik ausgetauscht. Seitdem gebe es "keine Häufung" mehr bei Klimaproblemen. Allerdings: Bei allen anderen Zügen seien Überlastungen nicht völlig auszuschließen. "Wir haben die übliche Ausfallquote", sagt der Sprecher. Die hat die Bahn auf unter drei Prozent festgelegt.

Besonders bei ICs und ECs steht die Technik vor einer Bewährungsprobe, weil der Umbau erst noch ansteht. In Twitter und anderen sozialen Netzen berichten die User von ihren Hitzereisen. "Im #ICE ist mal wieder die Klimaanlage ausgefallen, perfekt zum Saunieren", schrieb ein Nutzer, der am Dienstag von Dresden nach Wiesbaden unterwegs war. Eine Gegenmaßnahme der Bahn ist eine Anweisung der Schaffner, die Klimaanlagen bei Hitze nicht mehr so stark aufzudrehen. "Dann schaltet sie sich nicht mehr so schnell wegen Überlastung ab", so der Sprecher.

Lutz Meier

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