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Dieselpanne lähmt E-Auto-Entwicklung: Volkswagen, ein Sanierungsfall?

Volkswagen, einst erfolgsverwöhnte Autobauer, fällt beim Gewinn hinter den Stand von vor zwei Jahren zurück - dabei hat er ein gefülltes Konto nötig. Denn die Entwicklung von Elektroautos und selbstfahrenden Wagen ist teuer. Doch VW muss die Dieselgate-Zeche zahlen.

Volkswagen: VW in der Krise Krise nach Abgasskandal

Volkswagen wird vom Abgasskandal gelähmt : Eigentlich müsste VW längst an E-Motoren arbeiten. Doch durch Dieselgate müssen die Wolfsburger für alte Lasten zahlen.

Volkswagen hängt in der Abgas-Schleife: Während Konkurrenten mit aller Kraft Elektroautos und selbstfahrende Wagen entwickeln können, müssen die Wolfsburger für die Sünden der Vergangenheit zahlen. Die Diesel-Krise nagt am Ertrag des Zwölf-Marken-Konzerns und lässt ihn beim Gewinn hinter den Stand von vor zwei Jahren zurückfallen. VW verliert, was derzeit am kostbarsten scheint: Zeit.

Elektroautos kosten viel Geld in der Entwicklung

Das ist eine bittere Wahrheit. Und während der Konzern am Dienstag bei der Zwischenbilanz offiziell ein "solides Auftaktquartal"
verlautbaren ließ, hat Konzernchef Matthias Müller die Wahrheit vor seinem Führungsteam längst offen ausgesprochen: "Der Weg in die neue Autowelt wird sehr viel Geld kosten. Finanziert werden muss er mit den Einnahmen aus der alten Welt", kündigte er vor wenigen Tagen vor seinen Top-Managern an. "Die Mittel, die wir in die Elektrifizierung und in andere Zukunftsfelder investieren, müssen aus dem Kerngeschäft mit den bestehenden Fahrzeugen und klassischen Antrieben kommen." Und dort lauert der Diesel-Schatten. Er kostet etliche Milliarden.

Um die Verkaufszahlen halbwegs stabil zu halten, muss VW nach dem Image-Verlust viel Geld in die Hand nehmen; Rabatte und Werbung schmälern die Gewinne. Anwälte verschlingen hunderte Millionen Euro.
Die Umrüstung der weltweit elf Millionen manipulierten Autos kostet Unsummen - dabei hat sie immer noch nicht im großen Maßstab begonnen.

Volkswagen, ein Sanierungsfall?

Manager und Ingenieure kämpfen gegen die Folgen des Skandals - das kostet Kapazitäten, die in der Zukunftswerkstatt fehlen. In den USA greift sogar noch immer ein teilweiser Verkaufsstopp und trotz erster Erfolge mit den US-Behörden stehen Milliardenstrafen bevor.

Die Diesel-Krise hält dem Konzern den Spiegel vor und zeigt offene Flanken: Vor allem die Pkw-Kernmarke weist immer mehr Anzeichen eines Sanierungsfalls auf. Nachdem sie im Schlussquartal des alten Jahres sogar in die Verlustzone gerauscht war, warf sie auch in den ersten drei Monaten operativ gerade einmal 73 Millionen Euro Gewinn ab.

Der Vergleich mit dem Rest der VW-Welt verdeutlicht das Dilemma: Die VW-Kernmarke verkaufte im Startquartal zwar fünfmal so viele Autos wie die kleinere VW-Schwestermarke Skoda, doch die Tschechen machten damit mehr als viermal so viel Gewinn. Zwar läuft bei VW-Pkw ein größerer Teil der Forschung und der Erfolg des renditeträchtigen China-Geschäfts taucht dort aus bilanztechnischen Gründen fast kaum auf. Dennoch: Die VW-Kernmarke hat ein echtes Problem.

VW und die Wettbewerber

Das sagt längst auch der Chef: "Es kann schlicht nicht sein, dass ein Konzern, der zehn Millionen Fahrzeuge pro Jahr verkauft, die Skaleneffekte und Synergien nicht in dem Maße hebt, wie das eigentlich möglich und nötig wäre", schimpfte Müller vor seinen Führungskräften. "Das kann mancher Wettbewerber leider besser. Es gilt, den Rückstand zu den Besten aufzuholen."

Insider verweisen auf ein Grundproblem bei VW: Während die Kollegen bei Skoda Disziplin üben, kaum Extrawürstchen fordern und mögliche Einspareffekte brav ausnutzen, prägt VW-Pkw eine Extravaganz, deren Auswüchse längst Legende sind in Wolfsburg. Da wurden zum Beispiel mehr Varianten von Außenspiegeln entwickelt, als es Modelle gab.

VW will sich neu ausrichten

Inzwischen ist das Problem adressiert, VW-Pkw bekam noch unter Müllers Vorgänger Martin Winterkorn einen Sparkurs verordnet. Zudem soll das Wolfsburger Gewebe zwischen Konzern und Marke auseinander gezogen werden. Doch das ist keine Aktion über Nacht. "Uns ist klar, dass eine so tiefgreifende Neuaufstellung Zeit braucht und in der Übergangsphase auch zu Reibungsverlusten führt", schreiben Müller und VW-Markenchef Herbert Diess in der aktuellen Mitarbeiterzeitung.

Da ist er wieder: Der Faktor Zeit. Er ist kritisch für das Produkt bei Volkswagen, mit dem sich der Konzern vom blechbiegenden Riesen mit zehn Millionen verkauften Fahrzeugen pro Jahr zum modernen Mobilitätsdienstleister wandeln will, bei dem das Kernprodukt Auto die Basis für verbundene digitale Services wird, deren Umsatzanteil zu einer neuen tragenden Säule werden soll. Doch die Wolfsburger wirken wie Gefangene in der alten Welt, der Diesel-Schatten ist lang.

Diesel-Drama bei VW: Das dicke Ende kommt noch

Frank Schwope, Branchenanalyst bei der Bank NordLB, sieht diesen Schatten noch für eine Dekade über Volkswagen liegen. Die bisher für das Diesel-Drama zurückgestellten gut 16 Milliarden Euro dürften nur die Untergrenze sein. Das dicke Ende drohe noch: "Die tatsächlichen Gesamtkosten des Skandals dürften frühestens in zehn Jahren feststehen", sagt er. Volkswagen sorgt schon vor: Für Anwaltskosten legte der Konzern im Startquartal 200 Millionen Euro mehr zur Seite.

kg / DPA