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Interview

Staranwalt Michael Hausfeld: "Niemand will Volkswagen töten"

Das sagt der Mann, der es könnte. Der amerikanische Staranwalt Michael Hausfeld treibt den deutschen Autokonzern im Abgasskandal vor sich her – zur Not mit acht Millionen Einzelklagen. Ein Treffen in Washington.

Staranwalt Michael Hausfeld im Büro seiner Kanzlei in Washington

Weltstar und Spezialist für Sammelklagen: Michael Hausfeld, 70, im Büro seiner Kanzlei in Washington

Michael Hausfeld hängt noch in einer Telefonkonferenz. Sein Büro ist mit einer Glaswand vom Rest der Kanzlei getrennt. Er gibt Handzeichen: Noch ein paar Minuten Geduld, bitte! Dann kommt er raus. "Willkommen!", ruft er durch den Gang und führt die Besucher ans Fenster. Wenn man sich auf die Zehenspitzen stellt, kann man von hier aus sogar das Weiße Haus sehen.

Schönes Büro, teure Lage, Ihrer Kanzlei scheint es gut zu gehen, Herr Hausfeld.

Wir haben das Büro und alle Möbel, auch meinen Schreibtisch, günstig in der Finanzkrise 2008 übernommen. Die Firma, die hier saß, war pleitegegangen.

In Deutschland kennt man Sie bisher als den Staranwalt, der für die NS-Zwangsarbeiter eine Milliardenentschädigung erkämpfte und die Schweizer Banken besiegte, die das Vermögen jüdischer Flüchtlinge unterschlagen hatten. Nun wollen Sie auch noch Volkswagen auf Milliardenzahlungen verklagen.

Ich kämpfe für den Grundsatz, dass kein Unternehmen sich an seinen Kunden bereichern darf, indem es Produkte unter falschen Angaben auf den Markt bringt. Das ist Betrug an den Besitzern und Regulierungsbehörden.

Vor einem Gericht in Kalifornien steckten VW, US- Regierung und Fahrzeugbesitzer kürzlich einen Rahmen für künftige Schadensersatzzahlungen. Geht der VW-Skandal damit zumindest in den USA zu Ende?

Es ist ein guter, aber kleiner Anfang. Es muss noch sehr viel getan werden, bis die Firma diesen Skandal endgültig hinter sich lassen kann.

Was fehlt?

Die Aufarbeitung hat gerade erst begonnen. In den USA deckt die Einigung nur etwa 480.000 Autos ab. Allein in Europa gibt es 8,4 Millionen Fahrzeuge, um die sich VW kümmern muss.

Dann stehen auch noch Bußgelder und Strafen aus.

Ja. Dafür muss man das Ausmaß des Betrugs und die verursachte Umweltverschmutzung bewerten. Das ist besonders schlimm in einer Zeit, in der saubere Luft ein wichtiges Gut sein sollte.

Es heißt, dass VW-Besitzer in den USA wählen können: Entweder sie nehmen 5000 Dollar, und ihr Auto wird auf Stand gebracht, oder sie verkaufen ihren Wagen an VW zurück. Eine gute Einigung?

Jeder Deal, den VW schließen kann, ist gut für das Unternehmen. Sonst geht die Krise einfach weiter. Das schwächt VW – aber auch die deutsche Autoindustrie und die gesamte Wirtschaft des Landes. Es mindert das Vertrauen in jedes Produkt, das deutsche Unternehmen in die Welt verkaufen wollen. Außerdem muss VW beweisen, dass es die Autos wirklich umbauen kann.

Haben Sie daran Zweifel?

Bisher steht alles nur auf dem Papier. Es muss auf der Straße funktionieren.

Und wenn nicht?

Dann muss VW die Autos zurückkaufen, den vollen Wert ersetzen, plus die Raten, die von den Besitzern bezahlt wurden.

Allein in Amerika könnte VW der Skandal, inklusive aller Strafen, 18 Milliarden Dollar kosten. Eine Menge Geld.

Ich glaube, viele Autobesitzer würden gern eine noch höhere Strafe sehen. Es gibt einen Preis, den man bezahlen muss, wenn man Gesetze bricht. Und keine Frage: VW hat von dem Rechtsbruch profitiert.

Also bekommt das Unternehmen jetzt, was es verdient?

Wenn es das Gesetz verletzt, verliert es mein Mitleid. Es glaubte, es gäbe nur ein geringes Risiko, erwischt zu werden. Wer so eine Entscheidung trifft, wägt vorher Kosten und Nutzen gegeneinander ab. VW hat wissentlich in Kauf genommen, dass es haftbar gemacht wird, wenn es erwischt wird.

Würden Sie den Deal, auf den es in Amerika zuläuft, auch für Ihre Klienten in Deutschland akzeptieren?

Eine ähnliche Einigung in Europa wäre ideal. Aber rechnet man die Zahlen zusammen, sieht man schnell, dass so ein Deal nicht umsetzbar wäre.

Weil wir dann über 60 Milliarden Dollar reden. Das könnte den Konzern gefährden.

Niemand will Volkswagen töten, das Unternehmen kann sich nur selbst umbringen. Wenn sie nicht endlich über Einigungen verhandeln, reißen sie ihr Haus selbst ab. Wie Samson.

Der biblische Held, der an seiner eigenen Stärke scheiterte.

Ja. VW muss seine Verantwortung akzeptieren. Je früher, desto besser.

Was erwarten Sie von VW?

Einen offenen Dialog.

VW-Chef Matthias Müller

Muss die größte Krise des Konzerns meistern: VW-Chef Matthias Müller


Wie viele Klienten haben Sie in Deutschland?

Wir vertreten fast hunderttausend.

Was muss ein Autobesitzer für Ihre Dienste bezahlen?

Nichts. Sie müssen uns nur beauftragen. Unser Büro in Berlin ist bestens vorbereitet. Wir haben einen Finanzierer, der alle Kosten trägt und uns schon zehn Millionen Euro zugesichert hat.

Anders als in den USA gibt es in Deutschland in dieser Form keine Sammelklagen. Wie wollen Sie juristisch vorgehen?

Wir haben versucht, einen Dialog mit VW zu beginnen. Bisher ohne Erfolg. Sonst gäbe es vermutlich die Möglichkeit, außergerichtlich eine europaweite oder sogar weltweite Einigung zu erzielen.

Und was nun?

Wir sind bereit, zwei Millionen oder sogar acht Millionen einzelne Klagen in Deutschland einzureichen. Mit allem Weiteren müssen dann die deutschen Gerichte umgehen.

Ist Ihre Kanzlei wirklich in der Lage, so viele Klagen zu bewältigen?

Wir haben klar belegt, dass wir die finanziellen Mittel haben. Die deutsche Justiz muss unsere Klagen akzeptieren.

Was verdienen Sie an diesem Fall?

In Deutschland ist das eindeutig geregelt, da gibt es einen festen Gebührensatz. Mir geht es nicht ums Geld.

Was treibt Sie dann an?

Persönlich ist für mich wichtig, dass kein Unternehmen der Welt über dem Gesetz steht. Das Recht muss auf der Seite von den Menschen stehen, die sonst übergangen würden. Wir verstehen uns als Sisyphos. Wir müssen den Berg erklimmen. Aus meiner persönlichen Geschichte sieht man, dass ich dazu bereit bin.

Aber in der Mythologie kommt Sisyphos mit seinem Stein ja nie oben an.

Ich verstehe mich als erfolgreicher Sisyphos. Wie im Fall der NS-Zwangsarbeiter.

Das Justizministerium in Berlin erwägt, künftig Musterfeststellungsklagen zuzulassen. Das Urteil in einem einzelnen Fall würde dann auf alle anderen Fälle übertragen. Wäre das ein möglicher Weg?

Genau das ist es, was VW durch die abweisende und arrogante Haltung ausgelöst hat. Es hat das Interesse des Ministeriums geweckt. Es ist doch klar, dass es keine Möglichkeit gibt, acht Millionen einzelne Klagen zu bearbeiten.

Man merkt Ihre Verärgerung. Warum nehmen Sie den Fall so persönlich?

Wenn du so wie VW erwischt wirst, gilt: Gestehe, trage die Konsequenzen, und weiter geht's. Aber VW hat versucht, die Sache zu vertuschen. Dabei haben sie noch mehr falsch gemacht. Jetzt haben sie eine Krise auf der Krise. Ich kenne eine Reihe von Universitäten in den USA, an denen der Fall VW ein Lehrbeispiel ist, wie man es nicht macht.

Einige in Deutschland glauben, der Skandal sei eine Verschwörung der Amerikaner, um die lästige deutsche Konkurrenz zu schädigen.

Quatsch.

Auch Mercedes, Opel und andere haben bei Stickoxidemissionen gegen Grenzwerte verstoßen. Verklagen Sie die auch?

Ich habe nicht die Absicht, Konsumenten vorzumachen, sie könnten gegen jeden Diesel-Hersteller prozessieren. Ja, es gibt Probleme mit den Abgasen, entscheidend ist aber, ob eine Betrugssoftware installiert worden ist.

Sind Sie mit dem VW-Management oder Patriarch Ferdinand Piëch in Kontakt?

Kein Kommentar.

Haben Sie noch einen Tipp für das VW-Management?

Es gab in den USA eine Fernsehsendung, die hieß: "Get smart!" Werde schlau. Das wäre mein Rat.

Wann waren Sie zuletzt in Deutschland?

Vor ein paar Monaten zur Eröffnung unseres Büros in Berlin.

Ihre Eltern flüchteten vor den Nazis aus Polen, Ihr Onkel Michael, nach dem Sie benannt sind, wurde ermordet. Was fühlen Sie, wenn Sie in Berlin sind?

Ich sehe ein gefestigtes Land, mit vielen talentierten Menschen. Deutschland hat weit mehr als andere Länder seine Vergangenheit anerkannt.

Im Regal hinter Ihnen steht auf einem Zettel der Satz: "Schlimmer als das Böse ist nur die Gleichgültigkeit gegenüber dem Bösen." Ist das Ihre Motivation?

Den Fall gegen die Schweizer Banken hat mir einer meiner Klienten gegeben. Damals schien die Schweiz unantastbar. Wir wagten es trotzdem. Ich wollte meinen Kindern und Enkeln nie erklären müssen, warum ich nicht gegen das Böse in der Welt gekämpft habe.

War dieser Fall Ihr größter moralischer Erfolg?

Ja. Millionen Überlebenden konnte geholfen werden. Natürlich hat nicht jeder alles bekommen, was er sich erhofft hatte. Aber am Ende bekamen die Menschen wenigstens das Gefühl, dass ihnen endlich Recht widerfahren ist. Das half vielen, mit diesem Teil ihres Lebens abzuschließen.

Ein anderer Spruch in Ihrem Büro heißt: "Lass nicht die Momzers gewinnen." Das ist jiddisch für Bastard.

Simon Wiesenthal sagte das zu mir. Es ist ein sehr wichtiger Grundsatz. Wenn man spürt, es wird unrecht getan, darf man die Täter nicht einfach entkommen lassen. Wie damals bei Exxon Valdez.

Sie vertraten nach der Havarie des Tankers die Inuit in Alaska, deren Fischereigründe vom Öl verseucht waren.

Keiner wollte den Inuit helfen, denn die haben nur für ihr eigenes Überleben gefischt. Es gab also keinen messbaren Geldwert. Exxon argumentierte vor Gericht sogar, dass die Inuit nach dem Unglück besser dran seien, denn sie würden ja für die Reinigung der verseuchten Gebiete bezahlt werden. Diese Attitüde verärgerte mich furchtbar.

Die Inuit bekamen eine hohe Summe. Wenn Sie einen so wichtigen Fall gewonnen haben, feiern Sie dann?

Nein, es gibt zu viel Arbeit, die ich noch machen muss. Da bleibt keine Zeit.

Nicht mal für ein Glas Wein mit Ihrer Frau?

Wissen Sie, ich hatte mal einen Fall, da gelangte Treibstoff für Raketen ins Trinkwasser. Zahlreiche Kinder erkrankten an Gehirntumoren. Schrecklich. Wir konnten die Verursacher nicht haftbar machen. Ich musste also den Familien sagen, für den Tod der Kinder werde es keine finanzielle Wiedergutmachung geben. Es sind diese Fälle, deretwegen ich nicht feiern kann. So etwas ist eine große emotionale Enttäuschung und Tragödie.

Sie vertraten nach der Havarie des Tankers die Inuit in Alaska, deren Fischereigründe vom Öl verseucht waren.

Keiner wollte den Inuit helfen, denn die haben nur für ihr eigenes Überleben gefischt. Es gab also keinen messbaren Geldwert. Exxon argumentierte vor Gericht sogar, dass die Inuit nach dem Unglück besser dran seien, denn sie würden ja für die Reinigung der verseuchten Gebiete bezahlt werden. Diese Attitüde verärgerte mich furchtbar.

Die Inuit bekamen eine hohe Summe. Wenn Sie einen so wichtigen Fall gewonnen haben, feiern Sie dann?

Nein, es gibt zu viel Arbeit, die ich noch machen muss. Da bleibt keine Zeit.

Nicht mal für ein Glas Wein mit Ihrer Frau?

Wissen Sie, ich hatte mal einen Fall, da gelangte Treibstoff für Raketen ins Trinkwasser. Zahlreiche Kinder erkrankten an Gehirntumoren. Schrecklich. Wir konnten die Verursacher nicht haftbar machen. Ich musste also den Familien sagen, für den Tod der Kinder werde es keine finanzielle Wiedergutmachung geben. Es sind diese Fälle, deretwegen ich nicht feiern kann. So etwas ist eine große emotionale Enttäuschung und Tragödie.