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Wechsel an Airbus-Spitze: "Major Tom" hofft auf etwas Erholung

Beim Luftfahrtkonzern EADS brechen neue Zeiten an: Ab sofort hat das Unternehmen nur noch einen Chef. Die Flugzeugtochter Airbus leitet nun Thomas Enders, genannt "Major Tom". Seine ersten Aufgaben: Leute entlassen und Werke verkaufen.

Der größte europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS wird ein normaleres Unternehmen und verabschiedet sich von der deutsch-französischen Doppelspitze. Am Montag übernimmt "Major Tom", wie der als willensstark bekannte deutsche Sanierer und Strategieexperte Thomas Enders gern genannt wird, die Leitung der EADS-Tochter Airbus im südfranzösischen Toulouse. Der 48-jährige Major der Reserve muss nach dem fünften Wechsel an der Spitze des Flugzeugbauers in nur zwei Jahren versuchen, die Kontinuität zu wahren. Andererseits muss er den Umbau des Konzerns voranbringen, will Airbus dem Konkurrenten Boeing wieder die Stirn bieten können.

Während der bisherige EADS-Co-Chef künftig Airbus leitet, wird sein bisheriger Partner Louis Gallois alleiniger Chef des Mutterunternehmens EADS, dessen Verwaltungsrat künftig der Daimler-Manager Rüdiger Grube führen soll. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte diese Lösung der Führungskrise um EADS und Airbus im Juli dem französischen Staatschef Nicolas Sarkozy abgerungen: "Die unternehmerische EADS-Führung bekommt ihr, den Vorsitz bei Airbus und den Oberaufseher wir."

Heikle Aufgabe für Enders

Enders übernimmt die heikle Aufgabe, während die Urlaubszeit zu Ende geht, Gewerkschaften also die Ärmel aufkrempeln. Er muss den kritischen Arbeitnehmervertretern erklären, wie es mit dem umstrittenen Airbus-Sparplan "Power8", der Ausgliederung von Werken und der von ihm anvisierten "Internationalisierung" der Produktion weitergehen soll. Einen "heißen Herbst" könnte es somit nicht nur für Frankreichs Präsidenten drei Monate nach Amtsantritt geben, sondern auch für den deutschen Manager.

Einige Pflöcke hat Enders schon vorab eingeschlagen, andere liegen bereit. "Keine Frage: 'Power8' wird ohne Abstriche so rasch wie möglich umgesetzt", bekräftigte er, sekundiert von dem 63-jährigen alleinigen EADS-Chef Gallois: "An der Ausgangslage bei Airbus hat sich ja nichts geändert." 10.000 Stellen werden also gestrichen, Airbus trennt sich von mehreren Standorten. Im September sollen die Kandidaten für Werksübernahmen bekannt gegeben werden. Vor allem aber strebt Enders Partnerschaften mit ausländischen Konzernen an. So verhandelt er über eine weitergehende russische Beteiligung an Entwicklung und Produktion. China und Russland sind für ihn wichtige Zukunftsmärkte.

Der mit der Abschaffung der Doppelspitze einhergehende massive Managementumbau beim Luft- und Raumfahrtriesen soll nach Medienberichten bei einem Aktionärstreffen am 22. Oktober abgesegnet werden. Es gilt, die in den vergangenen Jahren streckenweise unerträglichen nationalen Spannungen zwischen Berlin und Paris bei EADS abzubauen - vor allem auch durch die Zuwahl von vier unabhängigen Mitgliedern in den Verwaltungsrat.

Der erste A380 geht raus

Der Oktober könnte allerdings nach Jahren der Negativ-Schlagzeilen für Airbus auch ein goldener werden: Zur Monatsmitte wird der erste Super-Airbus A380 - zwar um eineinhalb Jahre verspätet - an den Großkunden Singapore Airlines ausgeliefert. Bisher 173 Bestellungen und Kaufabsichten für den A380 sind verbucht. Zusammen mit der verschlankten EADS-Führungsspitze soll das den Flugzeugbauer von einigem Imageballast befreien und endgültig aus der Krise führen - immerhin ist Airbus durch die Produktionsprobleme des A380 noch auf Jahre hinaus finanziell stärkstens belastet.

Daneben entwickelt sich der neue Militärtransporter mehr zum Sorgenkind des Flugzeugherstellers. Auch der Auslieferungsplan für den Airbus A400M wird das Unternehmen nicht einhalten können. "Es sieht so aus, dass der Erstauslieferungstermin Ende 2009 verschoben wird", sagte Louis Gallois der Nachrichtenagentur Reuters.

Was passiert mit dem A400M?

Eine Entscheidung über den Fortgang des 18 Milliarden Euro teuren Projekts solle in den kommenden zwei Monaten fallen, so Gallois. Airbus hatte bereits eingeräumt, dass die Produktion des Militärflugzeugs in Spanien drei Monate später aufgenommen wird als geplant, und den Erstflug auf Sommer 2008 verschoben.

Enders scheint das alles gelassen als dynamischen Prozess zu sehen: "Boeing war vor zehn Jahren schon einmal der größte Spieler am Markt", meinte er unlängst. Dann habe der Konkurrent Fehler gemacht. Jetzt ist es also an Airbus, nach schweren Turbulenzen in eine "Phase der Erholung" zu steuern.

DPA/Reuters / DPA / Reuters