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Weltwirtschaftsforum: Rat- und Hilflosigkeit in Davos

Das Weltwirtschaftsforum in Davos hat eines gezeigt: Den Wirtschaftsexperten dieser Welt fehlt es an Ideen und Mitteln gegen die Krise. Stattdessen regierten vor allem Rat- und Hilflosigkeit unter den Delegierten im Schweizer Tagungsort.

Man muss von Davos ja nicht gleich wie der Schweizer Systemkritiker Jean Ziegler als dem "Ball der Vampire" sprechen. Viele der Verantwortlichen der Wirtschafts- und Finanzkrise waren zum 39. Weltwirtschaftsforum erst gar nicht angereist - entweder weil sie anderes zu tun hatten oder weil sie gar nicht mehr im Job waren. Doch die Rat- und Hilfslosigkeit in nahezu allen der 200 Gesprächsrunden über fünf Tage zeigt nach Ansicht vieler Beobachter auch, dass die alten Davoser Rezepte nicht mehr wirken, dass aber auch die alten Köpfe sich schwertun mit neuem Denken. Denn Hoffnungsträger, wie etwa US-Präsident Barack Obama, waren weit und breit nicht zu erkennen.

Das gebetsmühlenartige Aneinanderreihen von Floskeln wie "Vertrauen wiederherstellen", "globale Lösungen suchen", "Schulden wieder abbauen", "Protektionismus verhindern", "Bad Banks gründen" führte bei manchen Forumsteilnehmern zu Ermüdungserscheinungen. Es wurde deutlich, dass die Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft überfordert sind, den Gau des derzeitigen Wirtschafts- und Finanzsystems zu meistern. Selbst Amerikas Ex-Präsident Bill Clinton konnte nur ein "Wir werden es überleben" anbieten - eine, wie viele fanden, recht magere Hoffnung für den im Davoser Sanatorium im Koma liegenden Patienten.

Milliardenschulden und Exporteinbrüche

Als ob neue Milliardenschulden, unabsehbare Exporteinbrüche, rasant steigende Arbeitslosigkeit und die Rufe nach weiteren Verstaatlichungen nicht genügten, kam es dann zum politischen Eklat: Mit hochrotem Kopf stürmte der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan vom Podium, nachdem ein emotional gestresster Shimon Peres, Israels Präsident, ein derartiges Plädoyer für den Krieg Israels im Gazastreifen gehalten hatte, dass man fast um seine Gesundheit fürchten musste. Davos-Gründer Klaus Schwab, mit 70 Jahren und 39 Weltwirtschaftsforen allein in dem Schweizer Wintersportort ein erfahrener Moderator, hatte alle Mühe, die Wogen zu glätten. Es war wie ein Zeichen: Die Welt hat derzeit zu viele Krisen.

Und es ist eine verkehrte Welt. Viele trauten ihren Ohren nicht, als ausgerechnet der russische Regierungschef Wladimir Putin einer freien Wirtschaft ohne zu große Einschränkungen des Staates das Wort redete. Um seine Verachtung für Versager zu verdeutlichen, soll Putin bei einem Treffen sogar hochrangige Manager wie Schulbuben abgekanzelt haben. "Eigentlich hätten wir aufstehen müssen und gehen", sagte einer. Das habe jedoch keiner der anwesenden Manager gewagt, berichtete die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Dies zeige, wie tief die Selbsteinschätzung derjenigen gesunken sei, die über Jahre auch mit Arroganz die Davoser Szene beherrscht hätten und nun vor den Trümmern ihrer eigenen Arbeit stünden, meinte ein Beobachter.

Heilsames Davoser Höhenklima

Ziel dürfte es nun sein, im Rahmen der G20, der gemeinsamen Plattform von Industrie- und Schwellenländern, im April in London einen Weg aus der Krise zu suchen. Ob dort auch Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer Vorstellung einer weltweiten sozialen Marktwirtschaft nach deutschem Muster sowie eines "Weltwirtschaftsrates" unter dem Dach der Vereinten Nationen zum Zuge kommt, wird sich zeigen. Immerhin, so schrieb die "NZZ am Sonntag", habe das heilsame Davoser Höhenklima in dieser Woche "eine politische Mumie zu neuem Leben erweckt": Der sogenannte Dritte Weg zwischen Kapitalismus und Staatswirtschaft, wie er auch Merkel vorschwebt, sei einfach "ein Euphemismus (eine Schönrederei) für die Tatsache, dass momentan alle ein wenig sozialdemokratisch denken".

Davos wird nach diesem Winter nicht mehr das sein, was es bisher war. Nicht nur, weil der Hotelier eines Spitzenhotels im Fernsehen zugab, dass es diesmal "weniger Kaviar und mehr Bündner Fleisch und weniger Champagner und mehr Weißwein gab". Sondern weil für viele die Party endgültig vorbei ist. Jean Ziegler, streitbarer Soziologie- Professor aus Genf, wetterte: "Es geht nicht, dass sich Missetäter der Welt, die verantwortlich sind für die schlimmste Wirtschaftskrise seit 1929, dort frei äußern können." Hätten sie es nur getan, meinten andere.

Heinz-Peter Dietrich/DPA / DPA