HOME

Wirtschaftspolitik: Die letzten Tage des alten Europa

Die Europäer verpassen den Anschluss an die moderne Welt. Sie riskieren, von der Wirtschaftsentwicklung abgehängt zu werden wie die Afrikaner nach Erfindung der Dampfmaschine. Das behauptet der US-Ökonom Lester Thurow in einer jetzt auf Deutsch erschienenen Analyse.

Die Revolution ist in vollem Gange, überall um ihn herum, er muss nur aus dem Fenster schauen: Da drüben - "man kann die Kräne sehen" - baut die Universität ein neues Gebäude für Gehirnforschung: "Lauter Gentechnik." Am Fachbereich Chemie geht es immer öfter auch um Biotechnologie: "Da entwickeln sie feinste Faserstoffe, die stärker sind als Kevlar, auf der Basis genetisch veränderter Ziegenmilch!" Und die Kollegen aus der Informatik arbeiten jetzt an Rechenmaschinen auf der Basis biologischer Moleküle. Alles scheint möglich. "Molekular-Computer sind 260.000-mal kleiner und leistungsfähiger als elektronische Rechner!", ruft Lester Thurow triumphierend, und in seinen blauen Augen funkelt die Herausforderung an den Besucher aus Europa: Kann es noch Zweifel geben, dass wir uns in der "dritten industriellen Revolution" befinden? Dass das 21. Jahrhundert der Biotechnologie gehört? Einer Erfindung, "wichtiger als das Rad", von der Europäer nichts wissen wollen - "aus Angst vor Ungeheuern", die im Ungewissen lauern.

Lester Thurow ist Professor für Wirtschaft und Management am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge bei Boston und einer der bekanntesten Ökonomen Amerikas, Bestsellerautor, Kolumnist großer Zeitungen. Ein kluger Kopf mit einer erschreckenden Botschaft: In seinem neuesten Buch "Die Zukunft der Weltwirtschaft" zeigt er den Europäern den Abgrund, vor dem sie aus seiner Sicht stehen. "Das Glück ist mit den Wagemutigen" ("Fortune Favors the Bold") lautet der Buchtitel im Original. Die Europäer aber seien Hasenfüße, die gerade ihre Zukunft verspielten, nicht nur bei der Biotechnologie, sondern ganz allgemein. Zu zaghaft seien sie, zu ängstlich, zu unbeweglich, um im globalen Spiel der Märkte und Mächte noch mitzuhalten - es sei denn, sie ändern sich und denken um, und zwar ganz schnell.

Wagemutig war Kolumbus, als er aufbrach, um einen neuen Seeweg nach Indien zu finden - ohne Gewissheit, ob er je an- oder zurückkommen würde. Da draußen hätte es ja vor Seeungeheuern wimmeln können. Wagemutig sind heute die Amerikaner, argumentiert Thurow, weil sie sich auf Gentechnik stürzen, ohne zu zaudern. "Europäer sagen: 'Es könnte Monster geben!'", mokiert sich Thurow, "Monster-Pflanzen, Monster-Tiere. 'Wir dürfen das nicht erlauben, bis wir sicher sind, dass es ungefährlich ist.' Aber man kann nie hundertprozentig sicher sein, dass etwas ungefährlich ist - Wissenschaft kann nicht beweisen, dass etwas nicht existiert." Schon jetzt falle Europa wegen dieser Angst zurück, analysiert der 65-Jährige. Die "dritte industrielle Revolution" werde wie einst die Erfindung der Dampfmaschine alle zurücklassen, die nicht mitziehen - ihnen droht Ähnliches wie den Afrikanern vor über 200 Jahren.

Vor einiger Zeit hat der Schweizer Pharmakonzern Novartis angekündigt, seine Forschungszentrale aus Basel nach Cambridge zu verlegen. "Das sind tausend hochqualifizierte Wissenschaftler!", sagt Thurow. Warum hat sich Novartis zu diesem radikalen Schritt entschlossen? Erstens, "weil sie mit den Forschungsbeschränkungen nicht leben konnten", zweitens, weil es in Europa zu wenig Nachwuchswissenschaftler gibt: "In England studieren heute halb so viele Leute Biologie wie noch vor 20 Jahren - in den USA sind es doppelt so viele." Sich der Gentechnik zu verweigern, "das ist so ähnlich, als hätte Deutschland im Jahr 1900 gesagt: 'Physik interessiert uns nicht!' Und wir wissen doch alle, dass Deutschland über die ersten 40 Jahre des 20. Jahrhunderts weltweit führend in der Physik war".

Gegen all das ließe sich einwenden, dass Feldstudien, etwa in England, bereits gezeigt haben, dass die Angst vor Monstern in Sachen Gentechnik nicht ganz so unbegründet sein mag wie die Furcht vor Seeungeheuern im Atlantik; was man Thurow aber nicht vorwerfen kann, ist blinder Patriotismus - wildes Eindreschen auf alle, die sich Amerikas Werten entgegenstellen. Im Gegenteil: Diese Kritik an Europa kommt ausgerechnet von einem, der Anfang der neunziger Jahre noch in "Kopf an Kopf" vorhergesagt hatte, dass den Europäern die Zukunft gehöre.

Ja, räumt Thurow ein, da habe er sich verkalkuliert: "Als ich das Buch schrieb, dachte ich noch, dass die Öffnung Osteuropas für Westeuropa eine enorme Chance sein würde." Zum einen taten sich über Nacht neue Märkte auf, zum anderen hätten die Unternehmen viele Jobs in die Billiglohnländer jenseits der Grenze verlagern können. Hätten, wenn da nicht dieser Mangel an Flexibilität gewesen wäre: "Europa bringt es nicht fertig, Fabriken zu schließen", klagt Thurow. "Das verhindern all diese Gesetze, die es schwierig und teuer machen, Leute zu entlassen." Manchmal klingt er, als seien ihm die sozialen Folgen egal, solange nur der Markt - dieser Gott der amerikanischen Turbokapitalisten - zu seinem Recht kommt. Dabei ist Thurow Mitglied der Demokratischen Partei, ehemaliger Berater der Präsidenten Lyndon B. Johnson und Jimmy Carter. Bill Clinton schätzt ihn auch. Er war schon immer ein Linker, und ist es geblieben - nur eben einer, der versucht, sich mit den modernen Zeiten zu arrangieren.

Widerstand ist zwecklos. "Die Europäer sagen: Globalisierung bedeutet das Ende des Sozialstaats", seufzt Thurow. "Falsch!" Der freie Welthandel erfordere lediglich Umdenken und neue Lösungen. "Warum bauen Mercedes und BMW ihre Autos heute in South Carolina und Alabama? Weil die Lohnnebenkosten dort niedriger sind! Die Löhne selbst sind höher - aber sobald man die Nebenkosten einrechnet, sind sie niedriger als in Deutschland." Was also schlägt er Kanzler Schröder vor? "Er sollte die Unternehmenssteuer abschaffen und den Sozialstaat durch eine Verbrauchssteuer finanzieren", fordert Thurow. Eine Idee, die Großdemos garantiert, bei denen von den CDU-Sozialausschüssen bis zur IG Metall die halbe Republik mitmachen würde: Unternehmer sollen aus der Verantwortung für den Sozialstaat entlassen werden, weil sie sonst auswandern. Zahlen müssen die Verbraucher, die trotzdem bleiben werden. So werde Arbeit billiger, was das einzige Rezept sei, um Millionen neuer Jobs zu schaffen.

Theoretisch hat Europa aus Thurows Sicht immer noch gute Karten: 700 Millionen Menschen, überwiegend wohlhabend und gut gebildet, eine intakte Infrastruktur, die deutsche Exportmaschine, Italiens Mode-Imperien, Frankreichs High-Tech-Industrie, Englands Kapitalmarkt. "Das Fundament stimmt", sagt Thurow. Die Frage ist, ob Europäer die Kraft und den Willen haben, sich mit der Welt zu wandeln. Dazu gehört etwa die Bereitschaft, ein größeres Maß an Ungleichheit zu akzeptieren: Amerikaner haben diesen Willen "und erhalten dafür Arbeitsplätze", schreibt Thurow. "Die Europäer widersetzen sich der Ungleichheit und erhalten dafür Arbeitslosigkeit." Schlimmer noch: Europäer schauten neidisch auf den amerikanischen Wohlstand, seien aber nicht bereit, "die nötigen Anstrengungen zu unternehmen". Das schafft Frust, und "frustrierte Menschen werfen häufig Steine und Bomben".

Mit anderen Worten: Die Europäer erstarren nicht nur in ihren überkommenen Strukturen, sondern sind auch noch schlechte Verlierer. Die Angst vor Monstern in der Biotechnologie sei in Wahrheit gar nicht die größte Sorge auf dem alten Kontinent, sagt Thurow. "Ich war vor einer Weile bei einem Biotechnologie-Kongress in Europa, und die größte Sorge ist: Es gibt gar keine Monster, und die verdammten Amerikaner haben 50 Jahre Vorsprung in dieser Industrie!" Es ist eine von Thurows Lieblingsanekdoten. Er lässt sie in keiner Rede aus, und er hat viele Reden gehalten in den vergangenen Monaten, als er auf Reisen war, um sein Buch vorzustellen. Seattle, Phoenix, Los Angeles, Toronto, Boston, dazwischen China und Singapur - "noch mehr geht eigentlich gar nicht".

Wenn die Menschen sich Sorgen machen um ihre Zukunft, um ihren Job, um die Wirtschaft - dann sind Experten wie er gefragt. Man sieht das zum Beispiel daran, dass Lester Thurow an einem Donnerstag im Herbst vor vollem Haus spricht, obwohl seine Rede in San Francisco auf zwölf Uhr mittags angesetzt ist: Etwa 200 Menschen sitzen da während der Bürostunden im Saal, um sich erklären zu lassen, was Amerika tun muss, damit es wieder bergauf geht. Thurow spricht von der Rückkehr zu einer "härteren Form des Kapitalismus", von Jobs, die weiter nach China und Indien abwandern werden, aber auch von Zukunftschancen und vom Mut, den Amerika hat und der anderen fehle. Um reich zu bleiben, müssten reiche Gesellschaften sich ändern. "Die Wagemutigen können verlieren in dieser neuen, globalen Wirtschaft", sagt Thurow. "Die Zaghaften aber werden verlieren."

Die Leute im ehrwürdigen "Commonwealth Club" haben ihn für seine Rede gefeiert. Sie gehören ja in Thurows Welt, trotz aller Krisen, nicht zu den Verlierern. Es war ein Heimspiel für den Professor. Bei den hartleibigen, unbelehrbaren Angsthasen und Realitätsverweigerern in Europa hat er es ungleich schwerer. Die Iren scheinen ihm fast die Einzigen, die verstanden haben, wie das Globalisierungsspiel gespielt wird. Weil sie mit Niedrigsteuern um die Gunst von Unternehmen buhlen. Aber sonst? Die meisten schlenderten gemütlich und träge in die falsche Richtung. "Vor einer Weile war ich in Griechenland", erinnert sich Thurow, "und der griechische Ministerpräsident erzählt mir: 'Wir wollen kein Steuerparadies sein, so wie Irland.' Darauf habe ich ihm geantwortet: 'Wie Sie meinen, Herr Ministerpräsident. Aber als Irland und Griechenland der EU beigetreten sind, waren Sie beide gleich arm - die Ärmsten in Europa. Griechenland ist immer noch das ärmste Land. Wie also wollen Sie vorankommen?'"

Thurow lacht auf und schüttelt den Kopf, so, wie er es oft tut, wenn die Welt für ihn keinen Sinn ergibt. Dabei liegt die Lösung doch auf der Hand: "Im 21. Jahrhundert müssen Regierungen sich als Flughafen-Konstrukteure verstehen", erklärt Thurow: "Die Frage ist: Wie baue ich eine Landebahn, auf der Unternehmen aus anderen Ländern landen wollen? Und wie baue ich eine Startbahn, damit meine Unternehmen abheben und weltweit erfolgreich sind?"

von Karsten Lemm / print