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Wirtschaftsprognosen: Schreckgespenst Rezession

So stark wie im zweiten Quartal ist die deutsche Wirtschaft seit fünf Jahren nicht mehr gewachsen, sagt das Statistische Bundesamt. Das ist jedoch kein Grund zur Freude, denn die Prognosen sind düster.

Eigentlich müsste die Freude über das größte Wirtschaftswachstum in Deutschland seit Anfang 2001 groß sein, doch angesichts der aufziehenden dunklen Wolken am Konjunkturhimmel ist von Enthusiasmus in Politik und Wirtschaft nur noch wenig zu spüren. Die für Anfang 2007 beschlossene Mehrwertsteuererhöhung hat die Entwicklung des Wirtschaftswachstums in den kommenden Quartalen bereits heute fest im Griff. Umfragen zu Konjunktur- und Geschäftserwartungen bringen immer mehr Pessimismus ans Tageslicht, und die Abkühlung des Wachstums in den USA hängt wie ein Damoklesschwert auch über der deutschen Wirtschaft.

Zweites Minus nicht auszuschließen

Fest rechnen Volkswirte nach einem von Hamsterkäufen positiv geprägten vierten Quartal bereits mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts Anfang 2007 - also einer schrumpfenden Wirtschaft. Auch die Prognosen für das zweite Quartal kommenden Jahres liegen derzeit im Schnitt nur noch knapp über Null im Vergleich zum Vorquartal. Sogar ein zweites Minus in Folge sei nicht ganz auszuschließen, meint Volkswirt Jürgen Michels von der Citigroup. Damit taucht das Schreckgespenst einer - wenn auch vorübergehenden - "technischen" Rezession in Deutschland auf. "Die ersten Monate 2007 werden auch stimmungsmäßig eine gefährliche Phase sein", gibt Michels zu bedenken. Danach soll es dann aber wieder aufwärts gehen.

Erst am Dienstag vermeldete das Europäische Zentrum für Wirtschaftsforschung (ZEW), dass der Index der Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten im August den tiefsten Stand seit mehr als fünf Jahren erreichte. Am Donnerstag bestätigte dann der Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts mit dem zweiten Rückgang in Folge diesen Trend. Auch wenn die durch die Fußball-WM symbolisierte Aufbruchstimmung momentan noch anhält, rechnet also kaum jemand damit, am nächsten Morgen ohne Kater aufzuwachen.

Konjunkturlokomotive USA

Zum hausgemachten Konjunktur-Bremsklotz Mehrwertsteuererhöhung kommen weitere Risiken hinzu, auf die die Politik wenig Einfluss hat. Dazu zählen neben dem Dauerbrenner der hohen Ölpreise auch die Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB), die sich immer erst mit deutlicher Zeitverzögerung auf die Unternehmen auswirken, und vor allem die schwer einzuschätzende Wirtschaftsentwicklung in den USA. Ein Ende des Booms bei den Immobilienpreisen, der die amerikanischen Hauseigentümer immer konsumfreudiger werden ließ, scheint ausgemacht. Zurück bliebe eine gefährlich hohe Verschuldung der privaten Haushalte.

"Die Finanzmärkte unterschätzen das Ausmaß der fundamentalen Probleme in den Vereinigten Staaten", warnt Volkswirt Eberhardt Unger von Fairesearch. Auch sein Kollege Andreas Scheuerle von der Deka- Bank räumt ein: "Die Risiken in den USA haben zugenommen." Wenn die globale Konjunkturlokomotive jedoch ihre Geschwindigkeit drosselt, hat dies unweigerlich Folgen für die Entwicklung der Weltwirtschaft. Beim Exportweltmeister Deutschland könnte vor allem der Außenhandel in Mitleidenschaft gezogen werden. Ohne Schub von außen würden die Investitionen der Unternehmen wieder sinken und damit auch die Neueinstellungen.

Nächstes Schreckgespenst in Sicht

Um die deutsche Konjunktur an ihrer Achillesferse, dem schwachen privaten Konsum, zu packen und aus eigener Kraft anzukurbeln, plädieren Experten vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) daher für ein Ende der Lohnzurückhaltung. Trotz Mehrwertsteuererhöhung sollen steigende Löhne die Nachfrage in die Höhe treiben. Skeptiker wie Michels befürchten jedoch, dass sich eine solche Maßnahme nur kurzfristig auswirken und danach zu Jobverlusten führen würde. Spätestens 2008 oder 2009 würde dann das nächste Schreckgespenst vor der Tür stehen.

Alexander Missal/DPA / DPA