HOME

Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne: Deutschunterricht für die Börsen

Volker Kauder hat es auf den Punkt gebracht: In Europa wird Deutsch gesprochen. Und das ist gut so - denn es ist Zeit, vom angelsächsischen Standard abzukehren.

Von Thomas Straubhaar

Auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen." Was der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Volker Kauder, undiplomatisch feststellte, ist letztlich viel zu bescheiden. Eigentlich hätte er viel weitergehen sollen: "Es ist höchste Zeit, die angelsächsische Dominanz auf den Finanzmärkten zu brechen und zu guten deutschen Verhaltensweisen zurückzukehren." Man muss kein tumber Nationalist sein, um dies zu fordern. Vielmehr spricht ökonomische Vernunft für eine Umkehr. Das ist die eigentliche Konsequenz, die sich aus dem totalen Versagen der angelsächsisch geprägten Regulierungen der internationalen Finanzmärkte ergibt.

Im momentanen Kampf der Euroretter und der Frage, ob eher die Geldpolitik mit der Europäischen Zentralbank (EZB) oder die Fiskalpolitik mit Eurobonds das Feuer löschen sollen, tritt die Suche nach den Brandstiftern in den Hintergrund. Ohne Zweifel gerät bei der Ursachenforschung zuallererst die Politik in den Fokus. Oder besser die Bevölkerungen in einigen europäischen Staaten, die jene Regierungen wählten, die ihnen das schönste Leben versprachen, ohne zu hinterfragen, wer dafür welchen Preis zu bezahlen habe.

Natürlich und unstrittig, haben sich Staaten (wer ist eigentlich der "Staat"?) überschuldet. Und zwar weltweit und nicht nur in Europa. Wie aber konnte die Regulierung der Finanzmärkte das überhaupt geschehen lassen?

Die Finanzmärkte haben versagt

Deshalb gehören ebenso zweifelsfrei die Spielregeln der Finanzmärkte an den Pranger. Denn sie haben die Krise nicht verhindert. Im Gegenteil: Sie haben sie mit verursacht und beschleunigt. Sie haben es zugelassen, dass einzelne Finanzinstitute so mächtig und damit zu groß wurden, um pleite gehen zu können, ohne andere und am Ende wohl das ganze Finanzsystem mitzureißen. Sie haben es ermöglicht, dass sich einzelne Staaten mit Krediten vollgepumpt haben, bis eben auch Länderrisiken für das System insgesamt so gefährlich wurden, dass nun auch ein Staatsbankrott für andere zu bedrohlich wurde und deshalb am Ende mit allen Mitteln vermieden werden muss, koste es die Allgemeinheit, was es wolle.

Immer stärker zeigt sich aus einer deutschen Sicht, wie sich Europa bei der Erarbeitung globaler Regulierungen der internationalen Finanzmärkte in den beiden letzten Jahrzehnten von den Angelsachsen hat über den Tisch ziehen lassen. Man hat zu ungeprüft angelsächsische Standards als der Weisheit letzter Schluss übernommen.

Zwar sind internationale Standards durchaus sinnvoll. Sie sorgen für Vereinheitlichung und Vergleichbarkeit. Das ist für eine global agierende Wirtschaft wichtig. Aber sie haben ein Janus-Gesicht. Einerseits öffnen sie Märkte und ermöglichen den Wettbewerb, weil nationale Regeln nicht mehr für künstlichen und teuren Schutz heimischen Schaffens dienen können.

Monopol der Einheitsregel

Andererseits jedoch hat die internationale Standardisierung die Pluralität und Vielfalt nationaler Regeln der Finanzmärkte beseitigt. Sie hat einen Wettbewerb konkurrierender nationaler Regelwerke verhindert und damit zu einem Monopol der Einheitsregel geführt. Ein stetiger Vergleich und ein konkreter Test des Standards mit Alternativen sind nicht mehr möglich. Führt der Weg in die Irre, folgen alle.

Was von den Angelsachsen angestrebt wurde, war zwar verständlich. Man wollte die Kriterien der Kreditgewährung versachlichen. Die Banken sollten vor existenzbedrohlichen Forderungsausfällen geschützt werden. Deshalb mussten die Risiken mit Hilfe komplexer finanztheoretischer Modelle nach standardisierten Verfahren bewertet und vergleichbar gemacht werden. Heute wissen wir, dass die angelsächsischen Finanzmarktregulierungen den Praxistest nicht bestanden haben. Banken und mittlerweile auch Staaten drohen so hohe Forderungsausfälle wie niemals zuvor.

Anstelle von Ewigkeitswerten sind Tageswerte getreten

Regeln, die so etwas mit verursachen, zulassen und nicht korrigieren können, sind schlicht eine Katastrophe. Sie sind nicht nur wertlos. Sie sind gefährlich, weil sie reale Wirtschaftsprozesse mit in die Irre führen. Sie geben ein Tempo und eine Hektik vor, die für realwirtschaftliche Aktivitäten nicht zu meistern sind. Die angelsächsische Regulierungsphilosophie hat die Perspektive verändert, aus der eine Unternehmung bewertet wird. Nicht mehr der langfristige Erfolg der Firma und das Vorsichtsprinzip stehen im Vordergrund, sondern die kurzfristige Börsenkapitalisierung. Es geht nicht mehr um die Kapitalerhaltung, sondern um den aktuellen Verkaufspreis der Unternehmung an mögliche anonyme Käufer. Anstelle von Ewigkeitswerten sind Tageswerte getreten. Die Kurzatmigkeit von Tageskursen und Quartalsbilanzen passt jedoch nicht zum langen Atem der Nachhaltigkeit und einem Denken in Generationen.

Die Finanzmärkte leiden unter einer Regulierungskrise. Deshalb ist es an der Zeit, auch ganz grundsätzlich ernsthaft Sinn und Unsinn angelsächsisch geprägter Regulierungen zu hinterfragen. Es kann dann eine wichtige Lehre aus der Krise sein, eigentlich gut bewährte kontinentaleuropäische Verhaltensweisen wiederzubeleben - also eine Abkehr vom angelsächsischen Standard und eine Rückkehr zum ehrbaren Kaufmann. Auf Finanzmärkten wieder deutsch statt englisch zu denken, das ist das Gebot der Stunde!

Themen in diesem Artikel
  • Thomas Straubhaar