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Wohlstandsstudie: Geld ist wichtiger als Glück

Kann man Wohlstand anders als rein ökonomisch messen? Ein Forscher fragte die Deutschen, was ihnen sonst noch wichtig ist. Die Ergebnisse sind ernüchternd.

Von Daniel Bakir

Geld ist nicht alles. Das ist den Bürgern von Bhutan längst klar. Das buddhistische Königreich im Himalaya ermittelt alternativ zum Bruttoinlandsprodukt das "Bruttonationalglück". Das ist seit 2008 sogar als Ziel in der Verfassung verankert. Und auch in Deutschland macht man sich Gedanken: Seit Anfang 2011 brütet eine Enquete-Kommission über einem ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator, der die Grenzen des Wachstums berücksichtigen soll. Bislang ohne Ergebnis.

In die Debatte mischt sich nun Zukunftsforscher Horst Opaschowski ein, der mit dem Marktforschungsinstitut Ipsos einen solchen Index für Deutschland entwickelt hat. Neben dem ökonomischen Wohlstand soll das Barometer auch den ökologischen ("Naturnah und nachhaltig leben"), gesellschaftlichen ("Frei und in Frieden leben") und individuellen Wohlstand ("Gesund und ohne Zukunftsängste leben") erfassen.

Materielle Bedürfnisse dominieren

Um herauszufinden, wie wichtig welcher Wohlstandsbereich ist, wurde 2000 Bundesbürgern ein Katalog mit 30 Fragen aus den vier Kategorien vorgelegt. Wer sich nun erhofft, dass den Menschen Geld weniger wichtig ist als Glück, Gesundheit oder Freiheit, wird enttäuscht. "In den meisten Wohlstandswünschen der Bevölkerung geht es um Leib und Leben – und nicht um Glücksgefühle", sagt Professor Opaschowski. Die Bundesbürger definieren ihren Wohlstand demnach vor allem über finanzielle Belange: 71 Prozent gaben an, Wohlstand sei für sie, wenn sie sich keine finanziellen Sorgen machen müssten. 65 Prozent wünschten sich ein sicheres Einkommen, 62 Prozent einen gesicherten Arbeitsplatz. "Wohlhabend ist der, der sicher und sorgenfrei leben kann", fasst Opaschowski die deutschen Befindlichkeiten zusammen.

Umweltfragen dagegen liegen am Ende der Skala: In einer Welt zu leben, die gut mit der Natur umgeht, ist nur 23 Prozent wichtig. Nur 15 Prozent sehen in der Nutzung von Erneuerbaren Energien eine Form von Wohlstand. Auch in der Kategorie "Gesellschaftlicher Wohlstand" blieben die Werte niedrig: 36 Prozent nannten "in Frieden mit den Mitmenschen leben" als Wohlstandsmerkmal, 33 Prozent ist es wichtig, die Meinung frei äußern zu können, 24 Prozent wollen in einer toleranten Welt leben.

Den ökonomischen Belangen am nächsten kommen die Top-Antworten aus dem Bereich "individueller Wohlstand". 54 Prozent denken beim Thema Wohlstand allgemein daran, "keine Angst vor der Zukunft" haben zu müssen. Ebenso vielen ist es wichtig, sich eine gute medizinische Versorgung leisten zu können oder sich gesund zu fühlen (53 Prozent). Genau die Hälfte der Befragten nannte "glücklich sein" als eine Form von Wohlstand.

Zu wenig Geld, mehr als genug Freiheit

In einem zweiten Schritt sollten die Befragten angeben, ob sie die genannten Ziele für sich persönlich als erfüllt ansehen. Der Vergleich spricht eine deutliche Sprache: Bei allen ökonomischen Fragen hinken die Wünsche der Wirklichkeit hinterher. Obwohl Deutschland eines der reichsten Länder der Erde ist, fühlen sich viele Deutsche offenbar nicht materiell wohlhabend. "Da mag es der Wirtschaft noch so gut gehen: Vor dem Hintergrund stetig steigender Lebenserwartung wird die persönliche Zukunftsvorsorge für die Mehrheit der Deutschen immer unsicherer", sagt Opaschowski.

Gefühlt gut geht es uns dagegen vor allem bei den gesellschaftlichen Themen "Frieden mit den Mitmenschen" und "freie Meinungsäußerung". Überwiegend zufrieden sind die Bürger auch mit ihren Kontakten zu Familie und Freunden sowie mit ihrem Beruf.

Auf die Frage, ob die Lebensqualität gegenüber früher insgesamt gesunken sei, antworteten 38 Prozent mit "ja". Überdurchschnittlich hoch ist dieses Empfinden bei Arbeitslosen, Landbewohnern und Älteren. Bezogen auf den ökonomischen Wohlstand, jammern die Deutschen allerdings auf hohem Niveau. Im Human Development Index, der den Wohlstand der Staaten im internationalen Vergleich misst, liegt Deutschland auf Platz 9. Bhutan kommt erst auf Platz 141.