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Wolfgang Bernhard: Dylan, Daimler, Dauerlauf

Daimler-Chrysler verjüngt den Vorstand. Shooting-Star ist Wolfgang Bernhard. Der Ex-Straßenmusikant und Bergläufer saniert Chrysler - und flößt manchem Angst ein.

Wolfgang Bernhard kommt mal wieder zu spät: Das Abendessen im edlen Pariser Restaurant »Lasserre« hätte längst beginnen sollen. Hier, gleich um die Ecke von den Champs Élysées, will der globale Riese Daimler-Chrysler kurz vor Eröffnung des Autosalons für das einstige Sorgenkind Chrysler trommeln. Die Nummer eins des US-Ablegers, Schnauzbart Dieter Zetsche, ist schon da. Nur Bernhard, sein Vize bei Chrysler und seit zwei Wochen jüngstes Vorstandsmitglied des Milliardenkonzerns, fehlt. Die Kollegen kennen das schon. Bernhard kommt öfter zu spät, weil er sich für alles und jedes begeistern kann wie ein Kind. Auch an diesem Abend in der vergangenen Woche: Der Fahrer hatte ihn auf der falschen Veranstaltung abgesetzt - doch Bernhard hatte sich gleich prächtig unterhalten. Am liebsten, na klar, über Autos.

Der Mann brennt

vor Energie, läuft immer auf 110 Prozent. Manch einem macht es regelrecht Angst, wie der 42-Jährige durchs Leben stürmt. In seiner Karriere war Bernhard nämlich nie spät dran: Sein früher Aufstieg in den Vorstand des Autoriesen ist der Lohn für den Knochenjob bei der Sanierung der maroden US-Tochter Chrysler. Und auch so etwas wie ein Signal für die Zukunft bei Daimler-Chrysler. Jürgen Schrempp bereitet das Unternehmen auf die Zeit nach seinem Ausscheiden in etwa zwei Jahren vor. Jungdynamiker Bernhard zählt zu den Hoffnungsträgern.

Nicht schlecht für

einen, der in Böhen im Allgäu in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen ist. »Ich bin nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren«, sagt er. Das Wirtschaftsingenieurstudium hat er sich übers Musizieren finanziert. Stundenlang stand er in der Kaufinger Straße im Zentrum Münchens - am liebsten vor einem Kaufhaus, »weil da die Akustik am besten war«. Eine Gitarre umgehängt, in einem Gestell um den Hals eine Mundharmonika und am Boden ein Hut. Wenn er davon erzählt, funkeln seine blauen Augen. Songs von den Beatles, Bob Marley und Bob Dylan sang er. Sein Einsatz: natürlich 110 Prozent. Sein Lohn: »Bis zu 50 Mark habe ich da pro Stunde gemacht. Manchmal saßen über hundert Leute um mich herum und haben zugehört.« Man spürt, wie sehr ihn das motiviert: der Applaus, die vielen Zuhörer, das Geld.

Zu Daimler kam er als Unternehmensberater. Karriere machte er im Sauseschritt: Projektleiter, Manager für den Produktionsstart der S-Klasse, Chef der Mercedes-Tochter AMG, zweiter Mann bei Chrysler. Und als wäre das für einen einzelnen Menschen nicht schon genug, läuft er nur so zum Hobby auch noch Berge rauf, 110-prozentig: »Von Hirschegg im Kleinwalsertal die Kanzelwand hinauf, 1.000 Höhenmeter in 50 Minuten«, zählt Bernhard vor. Seine Bestzeit.

Um seine Einsatzfreude

ranken sich Legenden: Bei Produktionsstart der S-Klasse in Sindelfingen stand Bernhard mit am Band und schraubte. Nächtelang. Tagsüber war er der Chef. Damals fiel er Schrempp erstmals auf. Später, als AMG-Geschäftsführer, knallte er dem verblüfften Firmenchef einen Aktenordner voller Zahlen auf den Tisch und beschwerte sich über den bürokratischen Aufwand im Konzern, den er künftig nicht mehr mitzumachen gedenke. Seitdem hing ein Zettel mit Bernhards Namen an der Wand von Schrempps Büro. Ein Zeichen dafür, dass der Alte mit einem noch was vor hat.

Zur Bewährung

schickte Schrempp ihn vor zwei Jahren zu Chrysler. Da wurden 110 Prozent Einsatz dringend gebraucht. Was Schrempp einmal eine Fusion genannt hat, »die im Himmel geschlossen wurde«, war für Bernhard die Hölle: 26 000 Mitarbeiter wurden gefeuert und in Windeseile neue Autos entworfen, um die benzinfressenden Kisten, die Chrysler vorher produzierte, zu ersetzen. Es brannte an allen Ecken und Enden. So richtig was zum Zupacken. Konflikte hat er nie gescheut. »Es kommt schon mal vor, dass einem von uns der Hals schwillt und es lauter wird«, beschreibt Zetsche die Arbeit mit seinem zweiten Mann. »Wolfgang ist eben ein Arbeitstier mit viel Energie, ehrlich und immer geradeheraus.«
110 Prozent eben.

Jan Boris Wintzenburg