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Abgasskandal: VW-Entwicklungschef Neußer schwer belastet

Ein Motortechniker will schon 2011 auf die Manipulationen gestoßen sein und den damaligen VW-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer informiert haben. Doch der Top-Manager unternahm offenbar nichts.

VW-Entwicklungsvorstand Heinz Jakob Neußer gestikuliert auf einer Pressekonferenz Anfang 2015

VW-Entwicklungsvorstand Heinz Jakob Neußer soll die Hinweise eines Technikers auf Abgas-Manipulationen nicht ernstgenommen haben

Im Skandal um manipulierte Abgasmessungen bei Dieselfahrzeugen des Volkswagen-Konzerns gibt es einem Medienbericht zufolge schwerwiegende Vorwürfe gegen einen ranghohen Manager. Interne Untersuchungen hätten ergeben, dass der inzwischen beurlaubte Heinz-Jakob Neußer 2011 den Hinweis eines Motorentechnikers auf möglicherweise illegale Praktiken abgetan habe, berichtete der Rechercheverbund von "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR am Dienstag. Der Techniker habe bei einer Befragung durch die Konzernrevision ausgesagt, seine Informationen seien von Neußer offenbar nicht ernstgenommen worden.

VW erklärte dem Bericht zufolge auf Anfrage, derzeit laufe ein "intensiver Aufklärungsprozess". Erst wenn sich ein "klares Bild" ergeben habe, könnten Details zum Handeln einzelner Personen genannt werden. Neben Entwicklungsvorstand Neußer sind dem Bericht zufolge zwei weitere Spitzenmanager beurlaubt.

Pischetsrieder und Bernhard lassen Anwälte sprechen

Der frühere VW-Konzernchef Bernd Pischetsrieder und der frühere VW-Markenchef Wolfgang Bernhard hatten nach eigenen Angaben keinerlei Kenntnis vom Einbau der Manipulationssoftware. Beide hätten auch keine Entscheidungen zur Entwicklung oder zum Einsatz der Software getroffen, teilten die Manager am Dienstagabend über die Rechtsanwaltskanzlei Schertz Bergmann mit. Sie könnten dies eidesstattlich versichern. Entsprechenden Berichten, die diesen Eindruck vermitteln könnten, würden Pischetsrieder und Bernhard "aufs Schärfste" widersprechen.

Am Mittwochnachmittag steht nach Informationen der Nachrichtenagentur DPA erneut ein Krisentreffen des VW-Aufsichtsrats-Präsidiums an. Zum innersten Machtzirkel zählen Aufsichtsratschef Berthold Huber, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), Aufsichtsrat Wolfgang Porsche, Betriebsratschef Bernd Osterloh und dessen Stellvertreter Stephan Wolf. Dem Gremium soll nach internen Ermittlungen ein erster Zwischenbericht vorgelegt werden. Demnach fiel die Entscheidung zum Einbau der manipulierten Software bereits in den Jahren 2005 und 2006, und zwar in der Motorenentwicklung in der VW-Zentrale.

VW stellt Aktionsplan vor

Inzwischen hat VW einen Aktionsplan zur Nachbesserung von Dieselwagen mit manipulierter Software vorgestellt und will fünf Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten holen. Die Wagen gehören zur Marke Volkswagen. Die betroffenen VW-Kunden sollen demnächst per Post informiert werden, wenn ihre Diesel-Fahrzeuge nachgebessert werden müssen. VW sprach von "Servicemaßnahmen". Es handle sich aber nicht um eine "Sicherheits-Rückrufaktion", weil die Sicherheit der Fahrzeuge nicht tangiert sei, sagte ein VW-Sprecher in Wolfsburg.

VW hatte bereits am vergangenen Freitag mitgeteilt, dass von der Konzern-Kernmarke VW fünf Millionen Fahrzeuge betroffen sind. Ebenfalls bereits bekannt ist, dass es insgesamt um elf Millionen Fahrzeuge geht, davon 2,8 Millionen in Deutschland. Volkswagen und die weiteren betroffenen Marken des Konzerns wollen den zuständigen Behörden im Oktober die technischen Lösungen vorstellen. Die betroffenen Autos bestimmter Baujahre und Modelle - darunter der Golf sechs, der Passat der siebten Generation oder die erste Generation des Volkswagen Tiguan - sind mit Dieselmotoren des Typs EA 189 ausgestattet.

Ermittlungen wegen Betrugs

Vor rund eineinhalb Wochen war bekannt geworden, dass Volkswagen in den USA mit Abgaswerten von Dieselfahrzeugen bei Tests betrogen hatte. Die entsprechende Software kann dafür sorgen, dass im Testbetrieb deutlich weniger gesundheitsschädliche Stickoxide gemessen werden als im regulären Betrieb. Laut VW wurde die Software in rund elf Millionen Fahrzeugen weltweit verbaut. In dem Skandal ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen den inzwischen zurückgetretenen Konzernchef Martin Winterkorn wegen Betrugs.

tkr/AFP/DPA