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Xing-Gründer Lars Hinrichs: Aufstieg in der Web 2.0.-Blase

Visitenkarten? Das war gestern. Wer cool ist, hat auf der Internet-Plattform Xing ein Profil und schaufelt dort Kontakte und Geschäfte. Das jedenfalls hofft Lars Hinrichs, Gründer von Xing. stern.de hat ihn besucht.

Von Lutz Kinkel

Sein neuestes Spielzeug ist ein Laser. Grün, stark und präzise. Damit leuchtete er auf das Händchen seiner kleinen Tochter. Dann auf die eigene Hand. "Wir haben 50 Minuten gespielt, bis es für sie langweilig war", sagt Lars Hinrichs. "Ich hätte noch weiterspielen können."

Seine Frau Daniela, Pressesprecherin von Xing und Lenis Mutter, legt ihr Lars-mein-süßer-Spinner-Lächeln auf. Und dann erzählt Hinrichs, dass er immer den neuesten Technikkram haben muss. Handys, Computerzubehör, Kameras, Laser. Das alles stapelt sich zuhause im Arbeitszimmer, weil er nichts wegwerfen mag. Hinrichs ist eben ein "early adopter", wie es in der Marketingsprache heißt, ein konsumfreudiger Technikfreak.

Kontakte. Und deren Kontakte

Wie sollte man auch sonst Web 2.0-Unternehmer werden? Hinrichs, gerade mal 30 Jahre alt, ist Gründer und Chef von Xing, vormals "open BC", einer Plattform, auf der Menschen ein persönliches Profil mit Foto und biografischen Daten anlegen können. Dann wird gexingelt, also gehandelt, kommuniziert und geflirtet. Zum Jahreswechsel hatte Xing knapp 1,7 Millionen Mitglieder, davon 221.000 Premium- Kunden, die 5.95 Euro im Monat zahlen und dann zum Beispiel kontrollieren können, wer sich ihr Profil bislang angeschaut hat. Gucken, wer so guckt - eine Tätigkeit, die man bislang fensterlnden Omas zugeschrieben hat, die aber auch für das eher besser verdienende, akademische Xing-Klientel von Reiz zu sein scheint.

"Ich bin jemand, der gerne Leute kennenlernt und Leuten hilft, andere Leute kennenzulernen", erklärt Hinrichs, ein großer Schlaks aus einer hanseatischen Kaufmannsfamilie, dem das Hemd sportiv-lässig aus der Hose hängt. Deshalb habe er ursprünglich ein Programm für seine Email-Software Outlook schreiben wollen: ein Programm, das die Kontaktpersonen seiner Kontaktpersonen anzeigt. Aus dieser Idee sei, befeuert von der Web-2.0-Euphorie für soziale Netzwerke, im Jahr 2003 Xing entstanden. Andernorts schoss flickr.com aus dem Boden, myspace.com, youtube.com oder auch myvideo.de, aber keiner war so wagemutig wie Hinrichs: Er brachte sein Unternehmen im November vergangenen Jahres an die Börse und ist seitdem - wenigstens auf dem Papier - ein reicher Mann.

Bizarres Kurs-Gewinn-Verhältnis

Die Xing-Zahlen, die diesen Dienstag frisch anserviert wurden, zeigen aber auch das immense Risiko. Umsatz in 2006: 10 Millionen Euro. Gewinn: mit viel Glück eine Millionen Euro, vermutlich aber null. Börsenwert des Unternehmens: 146,95 Millionen Euro. Das bedeutet: Xing wird an der Börse mit mehr als dem 140fachen seines Gewinns bewertet. Als solide gelten Bewertungen mit dem Faktor zehn bis fünfzehn. Unternehmen wie der Provider United Internet, die besonders zukunftsträchtig und deswegen sexy sind, haben ein Gewinn-Kurs-Verhältnis von etwa 30. Aber damit gilt die Aktie schon als teuer. Xing schwebt also in der Web 2.0-Blase irgendwo in den Börsenwolken, jeden seriösen Analysten erinnert das Papier fatal an den Börsenwahn im Jahr 2000. Wohl aus diesem Grund haben die großen Fonds bislang die Finger von Xing gelassen haben: Der Wirtschaftsdienst Bloomberg weist mit Stand vom 6. März nur einen Fond aus, der sich eingekauft hat: HSBC Trinkhaus hält Aktien im Wert von rund 25.000 Euro - also Peanuts

Xing muss Google werden

Hinrichs ist jung, aber ein Veteran. Ende der 90er führte der Studienabbrecher zusammen mit einem Freund die "Böttcher Hinrichs AG", eine PR-Agentur für startups, an der auch Gruner und Jahr, der Verlag des stern, beteiligt war. Als die Web 1.0-Blase platzte, zerriss es auch die "Böttcher Hinrichs AG". "Auf dem Papier waren wir schon Millionäre", erinnert sich Hinrichs. "Doch plötzlich brach die Realität ein, der nukleare Winter für das Internet." Hinrichs verfasste fröstelnd eine Liste mit 100 Fehlern, die er nie mehr wiederholen wollte. Zum Beispiel schloss er aus, wieder eine Firma mit einer Doppelspitze zu führen: "Es kann nur einer bestimmen, wo es hingeht".

Nun ist Hinrichs Chef von Xing, muss sich damit aber auch allen unbequemen Fragen alleine stellen - etwa der Vermutung, dass sich auch Xing als finanzielle Luftnummer entpuppen könnte. Seine Blick, gewöhnlich eher sanft und freundlich, verhärtet sich, als er antwortet: "Damals hatten die Unternehmen ein Umsatz-Verlust-Verhältnis. Wir werden heute an einem Umsatz-Gewinn-Verhältnis gemessen. Und wir machen effektiv Gewinn. Wir machen Umsätze. Wir haben echte Kunden." Als United Internet an die Börse ging, hatte das Unternehmen laut Hinrichs weniger zahlende Kunden als Xing. Den Börsianern jedoch reicht diese Perspektive nicht: Der Kurs der Xing-Aktie sank am Dienstag auf 28,52 Euro, der Ausgabekurs war 30 Euro. Nach Ansicht von Experten ist noch Spiel nach unten.

Kollegen und Investoren aus den Boomjahren 1999 und 2000 halten gleichwohl große Stücke auf Hinrichs. Er sei schon damals eine "herausragende Figur" gewesen - kreativ, visionär, professionell. Außerdem auf eine angenehme Art realistisch, einer, der nicht glaubt, alles selber zu können. Diese Einschätzung entspricht verblüffend genau Hinrichs Selbstverständnis: "Letztendlich bin ich nur der Dirigent, der Menschen mit bestimmten Talenten einsetzt." Diese "Talente" sollen unter anderem dafür sorgen, dass Xing wächst, vor allem in Europa, aber auch in Asien und der USA. Kleine Plattformen und Communities will sich Hinrichs mit Hilfe des an der Börse eingesammelte Kapitals einverleiben. Ziel ist es, Xing global zu etablieren. Marktbeobachter sagen, dass Hinrichs auch gar nichts anderes übrig bleibe: Xing müsse ein Platzhirsch werden, so wie es google, ebay oder amazon.de in ihrem Segment sind. Aber das will auch der amerikanische Konkurrent Linkedin, der schon jetzt deutlich mehr Mitglieder hat als Xing. Ende offen.

Segeln statt surfen

Nun gut. Hinrichs gehören 28 Prozent der Firma, selbst wenn Xing nicht Google wird, wird er keinen Hunger leiden. Außerdem hat ja noch ein analoges Leben. Auf seinem Xing-Profil gibt er unter "Interessen" seine beiden "sunshines" Daniela und Tochter an, außerdem Wein, Thai-Food, Windsurfen, Yoga und Snowboard-Fahren. Wie man Kontakte außerhalb des Internets macht, weiß Hinrichs im Übrigen auch. "Meine Frau", sagt er, "habe ich beim Segeln kennengelernt."