Stiftung Warentest Die Unfehlbaren vom Lützowplatz

Es begann mit Zickzack-Nähmaschinen und Stabmixern. Es folgten Autokindersitze, Papierbrikettpressen oder Stützstrumpfhosen. Über 73.000 Produkte wurden von der Stiftung Warentest geprüft und bewertet. Nicht immer stressfrei.

Die Stiftung Warentest umgibt der Nimbus der Unfehlbarkeit. Penibel testet sie nahezu jedes Produkt und veröffentlicht ihr Urteil eher nüchtern aufbereitet im Verbrauchermagazin "Test". Am 4. Dezember wird die Stiftung 40 Jahre alt. Ihre Wurzeln reichen zurück in die ersten Jahre des Wirtschaftswunders. Als sich die Regale langsam wieder füllten, lagen Industrie und Verbraucherschützer bald im Dauerstreit, ob es auch in Deutschland vergleichende Warentests geben darf. Bis der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) 1962 ein Machtwort sprach und die "Errichtung einer Körperschaft für neutrale Warentests" beschloss. Am 4. Dezember 1964 wurde die Stiftung schließlich vom Bundestag aus der Taufe gehoben.

Anfangs nur zwei Produkte je Heft getestet

Es dauerte jedoch bis zum 26. März 1966, bis das erste Magazin mit dem Titel "Der Test" auf den Markt kam. Seither wird in der Zentrale am Berliner Lützowplatz getestet, getestet und getestet. Geprüft wurden anfänglich nur zwei Produkte pro Heft - in der ersten Ausgabe waren es Nähmaschinen und Handrührgeräte. Im Mantelteil gab es darüber hinaus Beiträge zu Verbraucherthemen und Ratschläge.

Und das alles für die monatlich erscheinenden "Test"-Hefte (Auflage: 605.000 Exemplare) und den Geld-Ableger "finanztest" (307.000 Exemplare), für Sonderhefte und Ratgeber, für Jahrbücher und eine eigene Internet-Seite. Natürlich ohne Anzeigen, wie in der Satzung festgeschrieben, damit die Wirtschaft keinen Einfluss nehmen kann. Das soll auch so bleiben. "Ich bin der festen Überzeugung, dass wir nur so unsere Unabhängigkeit behalten können", sagt Warentest-Vorstand Werner Brinkmann.

Anfangs war "test" ein Flop

Dabei war das "Test"-Heft war nicht von Anfang an ein Erfolg. Nach einer Startauflage von 210.000 Exemplaren erreichte die Auflage im April 1967 mit 10.000 Abonnenten und 2500 verkauften Exemplaren einen Tiefpunkt. Der Verkauf im Einzelhandel wurde eingestellt. Erst als nach Werbeaktionen die Abonnentenzahl 1971 wieder auf 100.000 gestiegen war, riskierte die Stiftung einen erneuten Start am Kiosk.

Während Produktgruppen wie Kinderbedarf, Reinigungsmittel, Sport und Haushaltsgeräte im Laufe der Jahre an Bedeutung verloren, gab es Ausweitungen in den Bereichen Körperpflege, Arzneimittel, Unterhaltungselektronik, Lebensmittel und Informationstechnik. Die Prüfkriterien wurden ausgeweitet auf die Aspekte Sicherheit, Servicefreundlichkeit, Energieverbrauch, Umweltverträglichkeit und Lebensdauer. Zunehmend interessiert die Verbraucher auch der Herstellungsprozess - etwa ob Unternehmen in der Dritten Welt Kinder ausbeuten.

Ab 1974 wurden auch Dienstleistungen in den Bereichen Auto, Reise, Handel, Banken, Versicherungen und Gesundheit analysiert. Wegen des starken Verbraucherinteresses wurde 1991 die Zeitschrift "Finanztest" aus der Taufe gehoben, die sich ausschließlich mit Finanzdienstleistungen wie Versicherung und Baufinanzierung beschäftigte, aber auch Mobilfunktarife verglich und Steuerspartipps gab. Ergänzt wurde das Angebot der Stiftung durch Themenhefte und Jahrbücher. Zunehmend wollen die Warentester ihre Analysen auch über das Internet verbreiten.

Als Ausgleich für die fehlenden Anzeigenerlöse bekommt die Stiftung mit ihren 276 Beschäftigten Geld von der Bundesregierung, knapp acht Millionen Euro im vergangenen Jahr. Das meiste Geld verdient sie aber mit dem Verkauf der Hefte. 2003 waren es nahezu 37 Millionen Euro. Mit einem Bekanntheitsgrad von 96 Prozent kann die Stiftung inzwischen ohne Probleme mit jedem Konzern mithalten. Jeder dritte Bundesbürger hat sich beim Einkauf bereits einmal auf die Test-Ergebnisse verlassen.

Bekanntheitsgrad wie Coca-Cola

Den Wert von guten Testergebnissen hat die Wirtschaft längst erkannt. Das Prädikat "Testsieger" hat sich als äußerst verkaufsfördernd erwiesen. Hinzu kommt, dass die Stiftung für die Werbung mit ihrem Logo kein Geld verlangt. Aus finanziellen Gründen wird inzwischen darüber nachgedacht, dies zu ändern. "Aber sehr wahrscheinlich ist das nicht. Ansonsten könnte das so aussehen, als ob wir an positiven Test-Ergebnissen selbst ein Interesse hätten", sagt Brinkmann.

Die Bewertungsskala für die Produkte reicht von "sehr gut" bis "mangelhaft". Einige Jahre lang wurde auch "sehr mangelhaft" vergeben. Aber die Note wurde so selten vergeben, dass sie abgeschafft wurde. Trotzdem hat sich die Stiftung immer wieder Klagen von Firmen eingehandelt, die mit der Bewertung ihrer Produkte nicht zufrieden waren. Die meisten Prozesse haben die Tester gewonnen, manchmal einigte man sich auf einen Vergleich, und selten endete der Streit in einer Niederlage. "Aber noch nie wurden wir rechtskräftig zu Schadenersatz verurteilt", berichtet Brinkmann mit Stolz. Die zehn Prozent der Prozesse, die die Stiftung nach eigenen Angaben verloren hat, drehten sich um kleinere Fehler, jedoch nie um die Methodik. So wurde ihr 1985 vom BGH fehlerhaftes Vorgehen bescheinigt, weil sie bei einem Preisvergleich von Selbstbedienungsmärkten zwei namensgleiche, aber voneinander unabhängige Handelsunternehmen versehentlich in einen Topf geworfen hatte.

Gute Aussichten für Causa Glas

Auch für den neuesten Streitfall ist der oberste Warentester deshalb zuversichtlich. Diesmal kommt die Klageschrift von der Schauspielerin Uschi Glas, die sich gegen die "Mangelhaft"-Bewertung ihrer Hautpflegecreme wehrt. Aber Brinkmann verweist auf die bisherigen Erfolge vor Gericht. "Wir können uns mit breiter Brust verteidigen. Ich bin sicher, dass wir auch das bestehen werden."

Hingegen hat die Stiftung Warentest oft die Produktqualität entscheidend beeinflusst, wie sie sagt. Immer mehr Dienstleister gestalteten ihre Produkte verbrauchergerecht, heißt es in einer Publikation. Bei jedem Folgetest seien Verbesserungen spürbar. Nicht selten bäten die Produzenten auch um eine Zusammenarbeit. Ob das bei Uschi Glas der Fall sein wird, bleibt abzuwarten. Die Schauspielerin ließ Gegengutachten erstellen, um zu beweisen, dass ihre Creme keine Hautallergien auslöst. Falls sie mit ihrer Klage Erfolg hat, will sie auch Schadenersatz fordern.   Die Stiftung vom Lützowplatz im Herzen Berlins ficht das nicht an: Die Creme sei - wie in allen Tests üblich - nach wissenschaftlich nachvollziehbaren Methoden getestet worden, betonte eine Sprecherin. Die 30 Testpersonen und das Institut hätten die Produkte anonym getestet, auch das sei üblich. Der Vorwurf, Stiftung Warentest habe den Namen von Uschi Glas dazu benutzt, ihr Heft zu pushen, sei deshalb absurd.

AP/DPA AP DPA

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