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Geniale Idee Kann das Gift von Spinnen auch nützlich sein?

Die Spinnengifte sind teilweise so optimiert, dass sie gezielt bestimmte Insekten töten, andere aber in Ruhe lassen.
Die Spinnengifte sind teilweise so optimiert, dass sie gezielt bestimmte Insekten töten, andere aber in Ruhe lassen.
© Shen Hong/ / Picture Alliance
Tim Lüddecke will beweisen, dass Giftspinnen nützlich sind. Hier erzählt er von seinem Scheitern und seinem Durchbruch.
Aufgezeichnet von Doris Schneyink

Meine Idee konnte nicht funktionieren, aber das wollte ich nicht einsehen. Ich war 16 und hatte eine Obsession für Gifttiere. Schlangen, Skorpione, Spinnen – die fand ich alle toll. Als unsere Biologielehrerin uns aufforderte, bei "Jugend forscht" mitzumachen, dachte ich, nun sei die Zeit gekommen, den vielen Menschen, die sich vor Gifttieren fürchten, zu beweisen, wie nützlich diese Tiere sein können.

Hundertfüßer etwa fressen Käfer, Schnecken und andere wirbellose Tiere. Ich fragte mich, ob man diese heimischen Gifttiere nicht zur Verteidigung von Äckern gegen Schädlinge einsetzen könnte. Und überlegte mir ein Experiment: Hundertfüßer findet man einfach, man muss nur etwas buddeln und entdeckt sie im Erdboden. Ich setzte sie in Terrarien und schaute, was mit den Blattläusen und Kartoffelkäfern passierte, die ich zeitgleich auf die Pflanzen in dem Terrarium losgelassen hatte. Es geschah nichts: Die Schädlinge klettern auf die Blätter der Pflanzen, die Hundertfüßer aber leben im Boden. Beide kommen sich räumlich überhaupt nicht nahe.

Dr. Tim Lüddecke
Teilnehmer und Preisträger von Jugend forscht und dem Deutschen Gründerpreis erzählen ihre Geschichte. Diesmal: Dr. Tim Lüddecke, 33, Leiter "Animal Venomics" am Fraunhofer-Institut Gießen
© Ingrid Schmidt

Ich erhielt keinen Preis, und meinen Traum, Tiergiftforscher zu werden, legte ich zunächst ad acta.

Schicksalhafte Begegnung

Stattdessen machte ich nach dem Abitur eine Ausbildung zum Chemielaboranten und studierte Biochemie. Nach einigen Semestern traf ich auf einen Professor, der mit Salamandergiften experimentierte. Ein Glücksfall, denn Tiergift-Forschung spielt in Deutschland eigentlich keine große Rolle, anders als in Australien, den USA und Südamerika. Der Professor suchte eine wissenschaftliche Hilfskraft für sein Labor, und da ich die Berufsausbildung gemacht hatte, war ich der passende Kandidat.

So kam das Gift wieder in mein Leben. Als vor vier Jahren am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie die Arbeitsgruppe "Animal Venomics" eingerichtet wurde, wechselte ich dorthin und schrieb meine Doktorarbeit über Spinnengifte. Nach meiner Promotion im vergangenen Jahr wurde ich sogar als Gruppenleiter eingesetzt.

Die Toxine von Tieren haben ein enormes Potenzial für die Medizin. Eines der wichtigsten Medikamente gegen Bluthochdruck, Captopril, basiert auf einem Schlangengift. Die Substanz hemmt die Aktivität des Angiotensin-konvertierenden Enzyms, ACE, das den Blutdruck reguliert. Ist der ACE-Spiegel niedrig, sinkt auch der Blutdruck. Viele Menschen würden ohne dieses Medikament nicht mehr leben.

Andere Tiergifte verhindern erfolgreich das Wachstum von Viren und Bakterien und könnten bei der Entwicklung neuer Antibiotika eine Rolle spielen. Australische Kollegen haben kürzlich eine 20-Millionen-Dollar-Förderung erhalten für klinische Tests eines Spinnengiftes, das neuronale Schäden bei Schlaganfallpatienten zu lindern scheint.

Wie können wir uns ernähren, ohne die Artenvielfalt zu zerstören?

Mich interessiert vor allem die Anwendung von Spinnengiften in der Landwirtschaft. Im Lauf der Evolution haben sich Spinnen zu den erfolgreichsten Insektentötern der Welt entwickelt. Ihre Toxine sind teilweise so optimiert, dass sie gezielt bestimmte Insekten töten, andere aber in Ruhe lassen. Bekannt ist etwa eine Substanz, die Schmetterlingslarven ausschaltet, Bienen aber verschont. Wenn man die Komponenten solcher Toxine identifiziert und verbessert, erhält man geeignete Kandidaten für die Pestizidentwicklung.

Das Forschungsfeld ist noch sehr jung, aber es beschäftigt sich mit einer wichtigen Frage: Wie können wir uns ernähren, ohne die Artenvielfalt zu zerstören? Mittlerweile ist jedem klar, dass wir nachhaltige Alternativangebote zu den bisherigen chemischen Pflanzenschutzmitteln brauchen. Spinnengifte können ein Teil der Lösung sein. Sie reichern sich nicht im Boden an und sind auch für Menschen ungefährlich. Erste Kooperationen mit der Industrie haben wir bereits angeschoben. Das Interesse ist groß.

Mein Ziel ist es, möglichst viele wirksame Substanzen zu finden. Damit würde ich mir meinen Kindheitstraum erfüllen. Und dabei helfen, eines der großen gesellschaftlichen Probleme dieser Zeit zu lösen.

Erschienen in stern 40/2022

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