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Arzneimittelsparpaket: Die Rechnung kommt später

Mit einem Monat Verspätung startet das Arzneimittelsparpaket, das die horrenden Ausgaben für Medikamente senken soll. Ärzte und Apotheker werden die finanziellen Folgen rasch zu spüren bekommen - später auch der Verbraucher.

Von Karin Spitra

Arzneimittel sind in Deutschland teuer. Zu teuer. Insgesamt gaben die Gesetzlichen Krankenkassen im vergangenen Jahr 23,4 Mrd. Euro für die Versorgung mit Medikamenten aus. Das sind 3,3 Mrd. Euro mehr als im Vorjahr. Der Höhenflug dieser Ausgaben soll ab dem 1.Mai mit dem "Arzneimittelversorgung-Wirtschaftlichkeitsgesetz" (AVWG) gestoppt werden. Um jährlich 1,3 Mrd. Euro will Gesundheitsministerin Ulla Schmid die Kosten damit drücken. Wie bei einem Sparpaket üblich, regnete es im Vorfeld Kritik. Ärztevertreter, Apotheker und Pharmahersteller waren sich - obwohl sonst nicht gemeinsam maschierend - zumindest darin einig, dass sie dieses Gesetz nicht wollen.

Ärzte stärker in der Pflicht

Doch die Ministerin setzte sich mit dem AVWG durch. Alleine die drastische Steigerung der Medikamentenausgaben um 16 Prozent innerhalb eines Jahres sei, so Schmidt, nicht mit einem Anstieg der Krankheitsfälle in der Bevölkerung oder einer medizinischen Notwendigkeit zu erklären. Die Ministerin geht deshalb davon aus, dass vorhandene Einsparpotentiale nicht genutzt worden sind. Bis jetzt. Denn nun werden Ärzte stärker in die Pflicht genommen. Das Instrument dazu ist vor allem die umstrittene Bonus-Malus-Regelung. Sie sieht vor, dass die Mediziner zur Kasse gebeten werden, wenn sie zu viele und zu teure Präparate verschreiben. Sparen sie dagegen bei den Verschreibungen ein, winkt ein Bonus.

Dieses System, schäumte etwa der Ärzteverband Hartmannbund, laufe letztlich auf eine Rationierung medizinischer Leistungen hinaus und untergrabe das Vertrauen zwischen Arzt und Patient. Der Sozialverband VdK fürchtet, dass manche Medikamente unerschwinglich teuer werden. "Unter den geplanten Strafzahlungen für Ärzte, die zu viele Arzneimittel verordnen, werden vor allem chronisch Kranke zu leiden haben", befürchtet VdK-Präsident Walter Hirrlinger. Mediziner könnten versucht sein, teure Patienten loszuwerden. Auch die Kassenärztliche Vereinigung assistierte: Das Arzneimittelsparpaket vergrößere Bürokratie und Intransparenz, treibe die Ärzte in die Ethikfalle und werde keine Senkung der Arzneimittelkosten bei gleicher Qualität bewirken.

Zwangsrabatt für Generika-Produzenten

Verzichten sollen diesmal zudem die Hersteller von Generika. Generika sind Nachahmungen von Originalpräparaten, deren Patentschutz ausgelaufen ist. Sie sind deutlich billiger und deshalb bei Reformern des Gesundheitssystems besonders beliebt. Im internationalen Vergleich sind die deutschen Generika-Produkte aber deutlich teurer. Das Sparpaket schreibt den Generika-Herstellern deshalb einen Zwangsrabatt vor: Sie sollen ihre Abgabepreise um zehn Prozent senken.

Neben den Sanktionen für verschwenderischen Umgang mit dem Rezeptblock sieht das Sparpaket außerdem vor, dass Pharmahersteller den Apotheken künftig keine so genannten Naturalrabatte mehr einräumen dürfen. Darunter versteht man Medikamente, die Apotheken bisher bei größeren Bestellungen von Großhändlern und Pharmakonzernen umsonst bekamen ("Nimm fünf, zahl zwei"), den Kassen aber bei einer Abgabe gegen Rezept verrechnet haben. Dieser Einnahme-Ausfall wird von Anette Rogalla von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekenverbände (ABDA) auch "durchaus als bittere Pille" empfunden.

Wettbewerb erreicht Apotheken

"Betroffen wären sicher kleinere Apotheken, die ungünstig liegen, also nicht neben einer großen Praxis oder in keiner Fußgängerzone mit Laufkundschaft." Dabei ist der Anteil des Naturalrabatts am Gesamtmarkt gar nicht so hoch: Vom gesamten Pharma-Umsatz in Höhe von rund 25 Milliarden Euro, machten laut Rogalla die Naturalrabatte gerade mal 180 Millionen aus. So oder so: "Der Wettbewerb wird auch vor Apotheken nicht halt machen," erwartet Rogalla.

Auch das Schmidt-Ziel der sinkenden Arzneimittel-Festbeträge lässt den ABDA nicht jubeln, werden doch auch sie am Apotheker-Kuchen knabbern. Festbeträge gelten nur für einen Teil der in Deutschland verordneten Präparate. Sie werden eingesetzt, wenn es mehrere Mittel mit gleichen Wirkstoffen, aber unterschiedlichen Preisen gibt. Die Festbeträge markieren in diesen Fällen die Höchstpreise, die jeweils für diese Medikamenten-Gruppe von den Kassen bezahlt werden. Ist ein Mittel teurer, muss der Patient aus eigener Tasche drauflegen. Demnächst, warnen die Kassen, würden nur noch 45 Prozent der Verordnungen ohne Aufzahlung erhältlich sein. Und von 265 Wirkstoffen, bei denen bisher Festbetragsregelungen gelten, blieben dann nur noch 170 Wirkstoffe übrig.

Bestimmte Medikamente werden deutlich teurer

Teuer ist das für Kassenpatienten, weil es den Eigenanteil in die Höhe schraubt. Bislang haben die Hersteller in aller Regel ihre Preise an das Niveau eines Festbetrages angeglichen. Ein solches Entgegenkommen, fürchten die Krankenkassen, werde es künftig nicht mehr geben, sollten die Festpreise im vorgesehenen Ausmaß gekappt werden.

Ähnliches befürchtet auch VdK-Präsident Hirrlinger: Die Neuregelungen der Festbeträge werde in vielen Arzneimittelgruppen zu deutlichen Absenkungen der Erstattungsgrenzen führen. Patienten müssten bei bestimmten Arzneimitteln mit Mehrkosten von bis zu 65 Prozent rechnen. In Einzelfällen - etwa bei Krebsmitteln - wären das mehr als 300 Euro pro Packung. Selbst das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen befürchtet, dass einige Patienten in der Zukunft schlechter mit Medikamenten versorgt würden. Die Industrie droht: Vor allem für zusätzliche Rabattvereinbarungen sei nach dem 1. Mai wohl nur noch wenig Spielraum.

Braver Patient = keine Zuzahlung

Wenn schon nicht auf die Unterstützung der Pharma-Industrie, setzt die Gesundheitsministerin deshalb bei der Umsetzung des Sparpakets auch auf die Unterstützung der Kassen: Um die Patienten ins Sparboot zu holen, könnten die Krankenkassen ihnen künftig die Zuzahlungen erlassen - wenn sie auf billigere Medikamente mit denselben Wirkstoffen umsteigen.

Mitarbeit: Sabine Rössing