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Verena Bentele "Ich möchte nicht warten müssen, bis es in 100 Jahren soweit ist"

Wenn Paare sich die Arbeit zu Hause hälftig teilen würden, wäre in Sachen Gleichberechtigung viel geschafft, sagt Verena Bentele, Rekord-Paralympionikin und Präsidentin des Sozialverbands VdK. Das geplante Quoten-Gesetz geht ihr nicht weit genug.

"Ich saß oft als einzige Frau auf einem Podium. Aber ich habe mich eigentlich nie gefragt, ob ich nur wegen meines Geschlechts eingeladen wurde. Ich habe mich immer als die Richtige gefühlt – weil ich was zu sagen habe. Manchmal treffe ich bei Tagungen andere Frauen, die zu mir sagen: "Verena, wir brauchen die Quote doch nicht! Wir haben es auch so geschafft." Dann antworte ich: "Schaut euch mal um in diesem Raum und seht, wie allein wir hier stehen."  

Mit Freiwilligkeit geht es zu langsam. Das gilt auch für die Verbändelandschaft. Schauen wir meinen Verband an, so sehen wir: elf männliche Landesvorsitzende und zwei weibliche. Dabei sind die Hälfte unserer Mitglieder und viele Ehrenamtliche Frauen im VdK, die engagiert sind für pflegende Angehörige, Rentnerinnen, Menschen mit Behinderung. Sicher muss man Frauen mehr ermutigen, auch dafür brauchen wir das klare Zeichen: Der Vorsitz ist auch etwas für Dich! Wir dürfen uns nicht damit zufriedengeben, dass es mit der Zeit schon mehr werden wird. Wir sollten es durch die Quote beschleunigen, damit meine Generation oder die danach es schon spüren.  

Als VdK freut es uns, dass mit dem geplanten Quotengesetz zukünftig mindestens eine Frau in den Vorständen einiger Unternehmen sein muss. Wir halten allerdings eine feste Geschlechterquote wie die für Aufsichtsräte zielführender. Und warum bleibt die Vorstandsregel auf börsennotierte und gleichzeitig mitbestimmungspflichtige Unternehmen begrenzt? Sollen Frauen nur in diesen etwas über 100 Unternehmen mitbestimmen dürfen? Hier wünschen wir uns, dass die Geschlechterquoten für Aufsichtsräte und Vorstände auf alle Unternehmen ab der mittleren Betriebsgröße ausgeweitet werden.

Ich bin das beste Beispiel dafür, dass es Frauen braucht, um Frauen den Weg nach oben zu ebnen. Mich haben in meiner Karriere, im Sport und der Politik auch viele Männer gefördert. Aber in die Spitzenämter haben mich Frauen geholt. Andrea Nahles fragte mich, ob ich Behindertenbeauftragte werden will und Ulrike Mascher, meine Vorgängerin beim VdK, hat mich als Präsidentin vorgeschlagen. 

© Carolin Windel / stern

Ich erlebe, dass Frauen das Gefühl haben, sie müssten immer mehr leisten und beweisen als Männer, um den Job zu bekommen. Das soll die Quote verhindern. Und ja, na klar: Das wäre eine Umverteilung von Jobs. Wenn mehr Frauen oben sind, können nicht mehr so viele Männer in Führungspositionen sein. Aber die können dann zum Beispiel mehr der Fürsorgearbeit zuhause übernehmen, die Kinder, die Pflege. Frauen haben kein Hausarbeits-Gen, sie haben auch kein Pflege-Gen oder Ehrenamts-Gen. Ich fordere die Männer auf: Macht das, teilt es euch zur Hälfte mit eurer Frau! Wir brauchen Euch. Erstens wird dann die Wertschätzung für diese Arbeitsfelder steigen. Und zweitens wird es nur mit besseren Rahmenbedingungen wie mehr Ganztagsbetreuung, mehr Pflegekräften, flexiblen Arbeitszeitmodellen oder Führung in Teilzeit eine Veränderung geben. Ich wünsche mir, dass meine Patentöchter im Beruf nie mehr die Frage gestellt bekommen: "Wie kriegst du das vereinbart?"

Uns interessieren auch Ihre Erfahrungen und Ihre Meinung. Wie sieht es in Ihrem Job aus? Könnten Sie mehr Frauen oder Männer gebrauchen? Schreiben Sie uns unter quotenfrau@stern.de


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