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Weinernte: Lesearbeit für Arbeitslose

Weinberge und Spargelfelder waren lange fest in der Hand polnischer Saisonarbeiter - deutsche Helfer waren kaum zu finden. Doch in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit ändert sich auch das.

Sieht nicht aus, als würde er das lange mitmachen. Seine Wangen sind eingefallen, die Schultern spitz. Ein Mann von 49 Jahren, der aussieht wie Ende fünfzig, gezeichnet vom Leben, einer gescheiterten Firma und Ehe. Einer, dem man am liebsten erst mal ein Butterbrot schmieren möchte. Doch für Essen hat Gerhard Baack keine Zeit. Ein halbes Dutzend Helfer wartet darauf, dass er ihre Fracht in seiner Bütte aus dem Weinberg schleppt, jede Ladung bis zu einem Zentner schwer. "Ich seh' vielleicht nicht so aus", sagt er, "aber ich bin zäh".

Vor ein paar Tagen reiste der ehemalige Bilanzbuchhalter aus Dortmund 250 Kilometer an den Rhein zu Gerda Schönleber und überrumpelte die Chefin des Weinguts in Oestrich-Winkel mit seiner Entschlossenheit. "Der stand mit seinem Koffer vor meiner Tür und sagte, es muss mich doch einer arbeiten lassen!"

Zum ersten Mal Arbeitslose für den Weinberg

Dabei hatte die Patronin des Familienweinguts mit ganz anderen Überraschungen gerechnet. Gegen den Rat ihrer Kollegen suchte sie dieses Jahr zum ersten Mal gezielt Arbeitslose als Helfer für die Weinlese. Klagen über diese Klientel kannte sie - fußlahm, rückenkrank, lustlos. Doch Alternativen hatte sie nicht. Die Zeiten sind vorbei, als sie nur das Fenster öffnen musste, um per Zuruf die Hausfrauen aus ihrer Strasse zusammenzutrommeln. Die Nachbarinnen sind in die Jahre gekommen oder gestorben.

Die letzten Jahre hatte sie sich deshalb mit Helfern aus Polen beholfen. Doch die brauchten ein Quartier, und das konnte sie nicht mehr bieten. Hinzu kam, dass es mit der Verständigung haperte. "Einer konnte ein bisschen Deutsch", sagt ihr Sohn Frank, "und hat für die zehn anderen übersetzt." Ein paar Grundkenntnisse will der Juniorchef des Traditionsweinguts seinen Helfern aber gern vorab vermitteln, erst recht beim "Jahrhundert-Jahrgang" 2003. Wie man eine Trockenbeerenauslese macht. Oder den Unterschied zwischen edelfaulen und sauerfaulen Beeren erkennt - die können schließlich den besten Traubenmost vermasseln.

Wein lesen, Spargel stechen, Äpfel pflücken

Seit Jahrzehnten sind deutsche Weinberge, Spargelfelder und Obstplantagen fest in der Hand polnischer Wanderarbeiter. Elfhundert Osteuropäer vermittelt allein das Arbeitsamt Rüdesheim pro Saison - und zwei, drei Dutzend Deutsche. Das könnte sich jetzt ändern. In Ostdeutschland sind die Buckel-Jobs plötzlich auch bei Arbeitslosen begehrt. Der Markt rund um die Hauptstadt ist leer gefegt. Vier von zehn Erntehelfern, die Spreewald-Gurken pflücken, bei Potsdam Äpfel ernten oder Beelitzer Spargel stechen, sind Arbeitslose. "Viele kommen und sagen, jetzt ist doch Kirschenernte, wo gibt's was zu tun?" sagt Olaf Möller, Pressesprecher des Landesarbeitsamts Berlin-Brandenburg.

Gerda Schönleber bat das Arbeitsamt in Rüdesheim um Helfer. Das hat fast 3000 Namen in seiner Kartei. Vor einem Jahr noch hätte sie sich die Mühe sparen können. Nun meldeten sich auf ihr Gesuch immerhin ein Dutzend Bewerber. Die kamen auch alle zum Vorstellungsgespräch. "Den Leuten geht es schlechter", glaubt Seniorchef Karl Schönleber. Ein paar sprangen zwar in den ersten Tagen wieder ab. "Einer schnitt sich ziemlich in den Finger, für eine war die Anreise zu weit, ein anderer hatte angeblich dringende Bankgeschäfte." Der Rest aber, acht Helfer, blieb.

Ohne Arbeit gäb's mehr Geld

Darunter auch Eberhard Obst, 58, der mit seiner Frau Angelika über vierhundert Kilometer im Wohnmobil aus Thüringen angereist kam. Nach einem Schlaganfall vor viereinhalb Jahren musste der Realschullehrer erst wieder mühsam sprechen lernen. An Unterricht war nicht zu denken, den sicheren Beamtenstatus hat er als Ost-Lehrer nicht. Nach Krankenhaus und Rehas ließ er sich zur Bürokraft umschulen. Doch für einen Mann Ende fünfzig bietet das Städtchen Greiz in Ostthüringen mit 19 Prozent Arbeitslosigkeit keine Perspektiven.

Als er wieder auf den Beinen war, kam ihm die Idee mit dem Erntemobil. "Wir haben uns auf Erdbeeren, Wein und Äpfel spezialisiert", sagt er. Übers Internet entdeckte er, dass es beim Weingut Schönleber-Blümlein Arbeit gab. Ende August fuhr er zum Vorstellungsgespräch nach Oestrich-Winkel. Das Arbeitsamt erstattet ihm nur einen Teil der Fahrtkosten und auch sonst rechnet sich der Aufwand für ihn nicht. Während der Wochen, in denen Eberhard Obst im Weinberg steht, zahlt er drauf. So lange ist er nämlich bei seinem Arbeitsamt abgemeldet, bekommt also nur den Leselohn, sieben Euro brutto pro Stunde. Würde er sich zu Haus im Garten sonnen und in dieser Zeit weiterhin Geld vom Arbeitsamt kassieren, hätte er fünfzig Euro mehr pro Woche. Strafzulage fürs Schuften also.

Rackern für Ex-Selbständige und Idealisten

Ein ökonomischer Irrsinn, der den Ernteeinsatz für alle "Besserverdiener" unter den Arbeitslosen unsinnig macht. "Warum", fragt sich Gerda Schönleber, "zieht man den Leuten nicht einfach pauschal fünzig Euro vom Arbeitslosengeld ab und lässt ihnen den Rest? Dann wären sie motivierter." Würde Lehrer Eberhard Obst nicht "ein Pünktchen mehr für die Rente" sammeln und seine Frau Angelika mit verdienen, wäre er zu Haus geblieben. Angelika Obst ist ebenfalls arbeitslos, seit ihr Tante-Emma-Laden von der Konkurrenz erdrückt wurde. Als Selbständige bekommt sie kein Geld vom Arbeitsamt. Sinn macht die Rackerei deshalb nur für gescheiterte Selbständige, Langzeitarbeitslose mit kleinem Einkommen - oder für Idealisten wie Eberhard Obst, der sich seinen Ernteeinsatz mit Wochenend-Ausflügen an den Rhein versüßt. Nach zwei Wochen ist die Schönleber-Truppe noch immer komplett. Behende arbeitet sie sich durch die Reihen. "Ich kann nicht meckern, die sind gut", lobt der Patron. "Die werden gebraucht", sagt Sohn Frank. "Das bewirkt mehr als hundert Umschulungen".

Ingrid Eißele