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19. Juli 2005, 10:32 Uhr

Zu Besuch bei der "Nigeria Connection"

Internet-Nepp mit verlockenden E-Mail-Angeboten - das ist das Markenzeichen der "Nigeria Connection". Die Szene hat ihr Zentrum in Lagos - wo man im Laden um die Ecke alles kaufen kann, was man zum Betrug braucht.

In nigerianischen Internetcafés warnen Schilder davor, die Rechner für Betrug zu benutzen© Sunday Alamba/AP

Tag für Tag schwirren E-Mails um den Globus, deren Absender auf ahnungslose Opfer hoffen. Eine traurige Berühmtheit als Hochburg des Internet-Betrugs hat sich Nigeria erworben. Dort sitzt auch der 24-jährige Spammer Kele B. nachts vor seinem Computer und schickte zehntausende von E-Mails los mit der Botschaft: "Congratulation! You Are Our Lucky Winner!"

Die E-Mail gratulierte den Adressaten zu einem vermeintlichen Gewinn in einer "Internet-Lotterie" der britischen Regierung. Die Empfänger könnten sich nun über 3,5 Millionen britische Pfund (5,1 Millionen Euro) freuen. Fast alle taten das, was man mit solcher Art von unerbetener Post tun sollte: Ab damit in den Müll-Ordner!

Ein in den USA lebender Mail-Empfänger aber antwortete dem Spammer und erhielt daraufhin die Aufforderung, zunächst Lotteriesteuern und -gebühren von umgerechnet mehr als 4000 Euro zu überweisen. "Nachdem er gezahlt hatte, habe ich auf seine weiteren Anfragen nicht mehr reagiert", sagt Kele B.

Die Regierung versucht gegezusteuern

Weil Nigeria immer mehr mit E-Mail-Betrug in Verbindung gebracht wird, hat die Regierung von Präsident Olusegun Obasanjo reagiert - nicht zuletzt aus Sorge um den Ruf bei ausländischen Investoren. Mehr als 500 Verdächtige wurden verhaftet, zum Teil unter dem Einsatz von Undercover-Agenten, die auf betrügerische E-Mails eingehen. Innerhalb eines Jahres seien Vermögenswerte von mehr als 700 Millionen Dollar (556 Millionen Euro) beschlagnahmt worden, sagt der Leiter der im Jahr 2002 von Obasanjo eingerichteten Kommission für Wirtschafts- und Finanzbetrug, Nuhu Ribadu. Aber die Ermittlungen konzentrieren sich auf die älteren Fälle. Inzwischen lassen sich die Täter neue Tricks einfallen und tarnen sich mit raffinierteren Methoden.

Warum gerade Nigeria?

Natürlich kommen E-Mail-Betrüger auch aus anderen Ländern. Aber die Masche mit einer erfundenen Geschichte und der Forderung nach einer Vorkasse-Leistung wurde so sehr mit dem westafrikanischen Land in Verbindung gebracht, dass sie von Experten als "Nigeria Connection" oder als "419-Betrug" bezeichnet wird - nach dem eigens deswegen eingeführten Paragrafen des nigerianischen Strafrechts. Sozialer Hintergrund ist der wirtschaftliche Verfall Nigerias, dessen Ölreichtum nur einer kleinen Gruppe der gesellschaftlichen Elite zugute kommt. Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie der Weltbank liegt die Arbeitslosigkeit in Nigeria bei 17 Prozent - allein bei Universitätsabgängern in den großen Städten wie Lagos erreicht sie sogar 25 Prozent.

Die Szene sitzt in Festac Town

Die Kombination von hoher fachlicher Kompetenz und Arbeitslosigkeit ist eine Brutstätte des Internet-Betrugs. Ihr Zentrum hat diese Szene in Festac Town. Viele Bewohner dieses Stadtteils von Lagos stehen spät auf, weil sie nachts im Internet unterwegs sind und Millionen von E-Mails verschicken. Danach fahren sie mit protzigen Autos durch die Straßen oder hängen vor einem Internet-Cafe herum. Sie prahlen mit ihren Erfolgen und hecken neue Ideen aus.

Die kleinen Telefonläden in Festac Town verkaufen spezielle Dienstleistungen wie Telefonverbindungen, mit denen man einem Gesprächspartner vorgaukeln kann, aus jeder beliebigen Stadt der Welt anzurufen. So konnte Kele B. seinem Opfer in den USA einen Aufenthaltsort in London vortäuschen. Andere Läden in Festac Town bieten Computerprogramme für Spammer wie den "E-Mail Extractor" an, mit dem sich das Internet nach E-Mail-Adressen abgrasen lässt.

Zu den besonders erfolgreichen Bewohnern von Festac Town gehört der 28-jährige Elekwa. Der Diplom-Informatiker war zwei Jahre arbeitslos, bis ein Internet-Betrüger von seinen Fähigkeiten erfuhr und ihn von der südostnigerianischen Stadt Umuahia mit dem Versprechen nach Lagos lockte, ihn dort reich zu machen. "Nun habe ich drei Autos, zwei Häuser und schaue mich nicht mehr nach einem Job um", sagt Elekwa, strahlend vor Zufriedenheit. Was er genau macht, will er jedoch nicht verraten.

Gefälschte Schecks, gestohlene Kreditkarten

Die Ermittlungsbehörden versichern, dass sie den Internet-Betrügern auf den Fersen seien. Bei einer Razzia in Lagos seien in diesem Jahr 5.000 gefälschte Schecks und Zahlungsanweisungen an Banken in Europa, Südamerika und den USA beschlagnahmt worden, sagt der Leiter der Behörde gegen Finanzkriminalität, Ibrahim Lamorde. In einem anderen Fall wurden drei Studenten verhaftet, die mit einer gestohlenen Kreditkarte Mobiltelefone mit einem Wert von 9.700 Euro in Australien bestellten.

Die meisten Fälle, die jetzt in den Gerichten anhängig sind, reichen jedoch in die 90er Jahre zurück. Der Abgeordnete Maurice Ibekwe starb im vergangenen Jahr im Gefängnis, während er auf seinen Prozess wartete. Dabei ging es um die Schädigung eines deutschen Geschäftsmanns, der 1992 um mehr als 300.000 Dollar (240.000 Euro) betrogen wurde. Der Komplize des Abgeordneten befindet sich noch in Untersuchungshaft.

"Wir hatten einen Punkt erreicht, an dem die Strafverfolgungs- und Kontrollbehörden nicht mehr zu existieren scheinen", sagt der Kommissionschef Ribadu. "Aber die Haltung der gegenwärtigen Regierung hat bewirkt, dass sich das jetzt ändert."

Dulue Mbachu/AP
 
 
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