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27. November 2009, 17:33 Uhr

Web-Visionäre befürchten Inselbildung

Die Vordenker der Internet-Kultur sehen Befürchtungen bestätigt: Pläne von News Corp. und Microsoft, Inhalte für einzelne Webangebote zu reservieren, fördern die gefährliche Inselbildung im einst so freien Netz. Von Helene Laube, San Francisco

Microsoft, Murdoch, News Corp.,

Murdoch will nicht mehr bei Google auftauchen© Kevin Lamarque/Reuters

Tim O'Reilly ahnt Schlimmes. "Es drohen üble Zeiten", prophezeit der Internetvisionär aus Kalifornien. "Wir sind auf dem Weg in einen Krieg um die Kontrolle des Webs", warnt der Gründer des renommierten Computerbuchverlags O'Reilly Media. Seine Befürchtung: Die mächtigen Konzerne wie Facebook, Apple, Google, Amazon oder News Corp. sind dabei, eingezäunte und streng bewachte Inseln rund um ihre Produkte zu schaffen. Viele Internetsurfer blieben dann außen vor - und damit auch die Freiheit, die das Netz so geprägt hat.

Nur fünf Tage, nachdem O'Reilly gewarnt hatte, sah er sich sogleich bestätigt. Microsoft und Rupert Murdochs Medienunternehmen News Corp. ließen durchsickern, dass sie einen gemeinsamen Pakt planen. Murdoch will sich von dem Softwarekonzern dafür bezahlen lassen, seine Inhalte für die Internetsuchmaschine Google zu sperren. Inhalte von News Corp., zu dem das "Wall Street Journal" und viele andere Blätter gehören, sollen stattdessen exklusiv bei Microsofts Suchmaschine Bing laufen. Auch andere US-Verlage sollen ähnliche Gespräche mit dem Softwarekonzern führen.

Für O'Reilly, der einst als Entwickler freier Software reüssierte, und viele andere Verfechter des offenen Netzes ist dies ein weiterer Grund, sich um die Zukunft des Internets zu sorgen. Schließlich begann das Web einst als offenes Gefüge, ohne Zäune und Zugangssperren.

Informationen und Softwarewerkzeuge wurden über geografische, soziale und politische Grenzen hinweg frei getauscht. Ein System, in dem alle mehr oder weniger gleich sind - Privatpersonen, Organisationen und Unternehmen. Vor allem dies, so der 55-jährige O'Reilly, habe den weltumspannenden Erfolg des Internets erst möglich gemacht.

Das Web teilt sich in Lager auf

Nun aber sei das Web dabei, sich in eine Ansammlung geschlossener, von finanzkräftigen Konzernen kontrollierter Lager aufzuteilen. O'Reilly, der regelmäßig zu viel beachteten Konferenzen über Open-Source-Software einlädt, nennt ein Beispiel: So überprüfe Apple streng jeden externen Entwickler, der Softwareanwendungen, sogenannte Apps, für das iPhone anbieten wolle.

Auch Google kommt nicht gut weg bei O'Reilly: Der Suchmaschinenkonzern wolle zwar demnächst seine Onlinenavigationslösung kostenlos anbieten - aber eben nur für Handys mit Googles Android-Betriebssystem.

Dabei kritisieren der gebürtige Ire und viele andere Verfechter des offenen Webs nicht grundsätzlich die Absicht etwa von Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern, ihre Inhalte kostenpflichtig im Netz anbieten zu wollen. Dass aber Artikel und andere Medieninhalte künftig nur noch exklusiv bei einer Suchmaschine wie etwa Bing zu finden sein sollen, das ist ihnen nicht geheuer.

"Wer eine exklusive Partnerschaft eingeht, schafft zudem Misstrauen unter den Nutzern", sagt Craig Newmark, Gründer des weitgehend kostenlosen Kleinanzeigenportals Craigslist. Eine Folge sei, dass die Internetsurfer "solche Websites großräumig umfahren".

Danny Sullivan, Chef der Suchexpertenwebsite Search Engine Land, nennt drei Buchstaben als Warnung für angehenden Netmonopolisten: AOL. Das Unternehmen glaubte einst, ein riesiges Geschäft mit Abonnenten aufbauen zu können - abgeschottet vom Rest des Webs. Heute taumelt die Internettochter von Time Warner , die Nutzer flüchten. "Ummauerte Inseln funktionieren nicht. Wer eine offene Strategie verfolgt, ist auf Dauer erfolgreicher", ist sich Sullivan sicher.

Gefunden in ...

Gefunden in ... der "FTD"

Von Helene Laube, San Francisco
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
ice-t (30.11.2009, 13:54 Uhr)
Es gab schon immer OpenSource-Projekte! Am Anfang des Internetzeitalter kannte man sie nicht, da zu wenig Leute da waren die es genutzt haben. Linux war ein Buch mit sieben Siegeln und noch nicht entwickelt genug für eine Masse...
Heute trotzen viele Word und Co. und nutzen OpenOffice oder gar eine Linux-Distribution selbst. Heute ist die breite, empfängnisbereite Masse da, die man für solche Projekte braucht.
Der Vergleich mag nur bedingt auf konkrete WebInhalte beziehbar sein...aber wer früher schon geglaubt hat, dass google, dass ganze Internet durchsucht hat, wenn man ein Wort eingegeben hat, der wird heute weniger blauäugig sein. ergo: Selbst wenn Microblöd und Co. sich ihre Inseln bauen wollen, dann solln sie doch bitte gleich das Tor zuschließen und den Schlüssel wegwerfen und auf ihrem Mist sitzenbleiben...Es wird IMMER freie Alternativen im Netz geben!
Mich werden solche "Möchtegern-Bezahl-Angebote-für-Nichts" auch weiterhin fernhalten und nur mehr meine Ambitionen schüren, nach Alternativen zu suchen!
mfg
zapatista (29.11.2009, 16:22 Uhr)
Microsoft handelt wie ein Monopolist
Microsoft handelte schon immer wie ein Monopolist und will seine kostenpflichtige Software den Menschen aufdrücken. Das machen die betriebswirtschaftlich auch genial in den letzten Jahrzehnten. Den "Browser-Krieg" gegen Netscape haben sie auch gewonnen. Die Folge war nur, dass sich Webstandards nicht mehr durchsetzen konnten, weil der Marktführer das einfach nicht wollte. Erst mit der Konkurrenz von Firefox etc. hat sich das geändert. So ist das auch mit der anvisierten Inselbildung, die sich nicht durchsetzen kann, solange es viele Inseln gibt, die sich Konkurrenz machen. Da werden sich dann letztlich die offenen Angebote behaupten.
Wie soll das WWW auch kommerzialisiert werden? Die Menschen brauchen keine Druckereien oder teure Kamera-Technik mehr, um Inhalte zu veröffentlichen. Davon profitieren natürlich auch kriminelle Organisationen für ihre Propaganda aber auch die allgemeine Presse- und Informationsfreiheit.
Linux rox!
screne (29.11.2009, 11:01 Uhr)
Kein Problem
O'Reilly hat mit seinen Inseln recht. Es wird aber IMHO kein Problem darstellen. Das Web hat noch jeden Angriff auf seine Freiheit abgewehrt, in der Regel meist passiv. Ich kenne jedenfalls keine anderen Fälle. Die Nutzer machen das, was für sie am einfachsten ist. Sich für die Times erst zu registrieren, damit man im Web Times-Inhalte lesen kann, ist nicht einfach. Einfach ist es, sich woanders umzuschauen, wo es ähnliche Inhalte kostenlos gibt und die wird es immer geben. Und wenn sie unbedingt Times-Inhalte haben wollen, können sie sich auch gleich die gedruckte Ausgabe besorgen, die man im Gegensatz zur Web-Ausgabe auch auf dem Klo durchlesen kann.
Kalox (29.11.2009, 10:14 Uhr)
ja und?
"AOL. Das Unternehmen glaubte einst, ein riesiges Geschäft mit Abonnenten aufbauen zu können...Heute taumelt die Internettochter von Time Warner , die Nutzer flüchten. "Ummauerte Inseln funktionieren nicht. Wer eine offene Strategie verfolgt, ist auf Dauer erfolgreicher", ist sich Sullivan sicher."

Wo liegt denn nun das Problem?
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