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Wenn dein Leben Musik und Musik dein Leben ist

Eine Reise in die eigene Vergangenheit konfrontiert einen nicht nur mit schönen Erinnerungen. Wenn Musik diesen Rückblick noch intensiviert, kommen auch die alten Emotionen wieder hoch. Bei einem Mod allerdings immer mit Stil.

Von Susanne Baller

  Egal ob Vespa oder Lambretta, Hauptsache viele, Hauptsache fahren. Und anschließend tanzen, tanzen, tanzen.

Egal ob Vespa oder Lambretta, Hauptsache viele, Hauptsache fahren. Und anschließend tanzen, tanzen, tanzen.

Die letzten drei Tage waren anstrengend, es war Mod-Weekender. Das bedeutet: alte Freunde treffen, wenig Schlaf, viel Alkohol und sehr viel Musik. Im Auto, auf dem Rückweg nach Hause, geht Tobi der iPod aus, kein Saft mehr, ausgerechnet jetzt. Der Griff ins Handschuhfach entpuppt sich als Beginn einer Zeitreise. Aus einem Sammelsurium an Kassetten zieht Tobi "Pogo Music", wie er das gute Stück 1987 beschriftet hatte. "Ist das lange her! Das muss eines meiner ersten coolen Tapes sein", erinnert er sich. Und nimmt uns mit in seine Vergangenheit, die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein – sein Coming of Age.

Musik prägt unser Leben, unsere Identität, ganz besonders in der Pubertät. Wären wir anders, wenn wir andere Musik gehört hätten? Wäre unser Leben ein anderes? Es mag Menschen geben, für die Musik keine so entscheidende Rolle spielt(e), ganz sicher aber tut sie das für den Autor und Illustrator Tobi Dahmen, der in "Fahrradmod" mit einem autobiografischen Rückblick auch eine Eloge an sie verfasst.

  Wesel reimt sich auf ... Nix los und voller Bausünden, das weckt Fluchtgedanken. Tobi Dahmen rettete sich in die Musik.

Wesel reimt sich auf ... Nix los und voller Bausünden, das weckt Fluchtgedanken. Tobi Dahmen rettete sich in die Musik.


Tobi Dahmen kam in Wesel zur Welt, einem hässlichen Kaff voller Bausünden, in dem nichts los war. Schon als Kind beginnt er, Radiosendungen mitzuschneiden, möglichst obskures Zeug. Songs, die anders waren als der Pop, den seine Klassenkameraden konsumierten. Das Bespielen von Kassetten erforderte damals nicht nur ein gutes Zeitgefühl für den richtigen Moment, den Aufnahmeknopf zu drücken, sondern auch Glück: Quatschte mal nicht der Moderator ins Stück, platzte garantiert jemand ins Zimmer und ruinierte mit belanglosem Gerede den Mitschnitt – Tobi nämlich verwendete noch ein Außenmikrofon, zumindest der gezeichnete Tobi. 

  We are the Mods! Über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe definiert sich das Ego. Zunächst.

We are the Mods! Über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe definiert sich das Ego. Zunächst.

Seine Vorliebe für Jazz und ältere Musik führte ihn in einen neuen Kreis von Menschen, zu den Mods. Auch wenn seine Eltern ihm keine Vespa oder Lambretta kauften, liebte er als "Fahrradmod" alles, was mit der Weiterentwicklung des Modern Jazz zu tun hatte. Die Faszination daran ist bis heute geblieben, warum? "Das ist wohl vor allem die Musik, da hat es einfach Klick gemacht. Dazu kommt der Stil, das Design, das sind Elemente, die für mich zeitlose Schönheit besitzen. Auch wenn manchem der enge Maßanzug nicht mehr ganz passt. [...] Man könnte sagen, die Mods waren die erste Ravekultur, nächtelang durchtanzen auf Pillen. Und dabei natürlich cool aussehen", erklärt der Autor in einem Interview mit dem Carlsen-Verlag. "Zu meiner Zeit kam man nur häppchenweise an Informationen. Da hatte eben einer dieses Buch über Mods, aber hätte es auf keinen Fall weiterverliehen. Genauso war's mit Platten. Da konnte man sich halt für sein Taschengeld EINE Platte im Monat kaufen, und das war’s dann auch. Entsprechend hat man diese Platte dann auch einen Monat lang rauf und runtergehört und so wird die Musik irgendwann zur eigenen DNA."

Jede Kassette führt in eine andere Zeit

Immer wieder sitzt der Leser mit Tobi im Auto, die Strecke ist weit, er lebt inzwischen in Holland, hat dort Frau und Kinder. Jeder Kassettenwechsel löst bei ihm Erinnerungen an eine bestimmte Zeit in seinem Leben aus. Mit Madness beginnt seine Ska-Phase, mit den The M.V.P.'s lernt er den Northern Soul lieben. Inzwischen hat er sein Abitur und gute Freunde, die seine Leidenschaft teilen. Aus den Reisen zu Rollertreffen sind Weekender geworden, etwa ins legendäre Unkel am Rhein. 

Als Tobi endlich zu Hause ankommt, völlig fertig, guckt er nach seinen Kindern, küsst seine Frau, geht aber noch nicht ins Bett. Er muss erst noch ein bisschen Musik hören.

Nicht nur für Leser aus der Dahmen-Generation, Musik-Freaks oder natürlich Mods dürfte die Lektüre des "Fahrradmod" ein großes Vergnügen sein. Die Nöte und Ängste, die das Coming of Age mit sich bringt, sind jedem vertraut. Und sie mit so viel Liebe zum Detail, ohne Angst vor Peinlichkeiten übergehen zu sehen in eine möglicherweise bevorstehende Midlife Crisis, lässt auf Band 2, vielleicht den "Familienkutschenmod", hoffen. Mit Stil, versteht sich. 

  Heilige Orte, musikalische Helden, der Starschnitt eines "Fahrradmods"

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