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Interview

Harburg ist überall

In Hamburg wurde eine 14-Jährige von vier 14- bis 21-Jährigen vergewaltigt, dabei gefilmt und anschließend bewusstlos in die Kälte gelegt. Was so außergewöhnlich brutal klingt, ist keine Seltenheit, erklärt Soziologin Sibylle Ruschmeier. 

Straßenschild der Bornemannstraße in Hamburg-Harburg

Die Bornemannstraße in Hamburg-Harburg: Hier wurde in der Nacht zum 11. Februar ein 14-jähriges Mädchen von vier Tätern vergewaltigt, eine 15-Jährige filmte die Vergewaltigungen mit dem Handy

Am frühen Morgen des 11. Februar kam es in Hamburg-Harburg zu einem Sexualdelikt und einem versuchten Mord: Drei Jugendliche, einer 14, zwei 16 Jahre alt, sowie ein 21-Jähriger missbrauchten ein 14-jähriges Mädchen, eine 15-Jährige filmte sie dabei. Anschließend legten die Täter das stark alkoholisierte und bewusstlose Mädchen um 5.30 Uhr morgens halb nackt in einen Hinterhof in der Bornemannstraße. Um kurz vor sieben kam das Mädchen zu Bewusstsein und konnte, stark unterkühlt, um Hilfe rufen. So der bislang bekannt gewordene Tathergang.

Die Soziologin Sibylle Ruschmeier vom Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen ist Expertin auf dem Gebiet sexuelle Gewalt gegen Frauen. Sie berichtet, dass so ein Vorfall gar nicht so selten ist, wie man meinen könnte – und verrät, was für das Opfer jetzt am wichtigsten ist.

Der Fall in Harburg wirkt unglaublich perfide und brutal, 1. weil die Täter so jung sind, 2. weil das Opfer so jung ist, 3. weil die Tat auch noch von einem Mädchen gefilmt worden ist. Haben Sie schon von vergleichbaren Fällen gehört?
Ja, tatsächlich. Natürlich schockiert auch uns so ein Fall immer wieder, aber wir wissen auch, dass es das alles gibt. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist unglaublich alltäglich und weit verbreitet. Das ist vermeintlich eine Floskel, es ist aber wahr. Wir wissen, was Männer Frauen und Mädchen antun, weltweit, in Deutschland und auch in Hamburg.

Ist bei solchen Vergewaltigungen immer Alkohol im Spiel?
Nein, unsere Erfahrung ist, und wir haben hier jeden Tag mit Vergewaltigungen zu tun, Alkohol ist nicht immer mit im Spiel. Alkohol hat bei Vergewaltigungen eine ambivalente Rolle: Für die Täter wird er strafmildernd berücksichtigt, wenn es überhaupt zu einem Verfahren kommt, weil aufgrund dessen vielleicht die Steuerungsfähigkeit beeinflusst gewesen ist, und für die Opfer wird er zu ihrem Nachteil ausgelegt. Er wird gegen sie verwendet, als wären sie selbst verantwortlich für die Vergewaltigung. Aber es passieren tagtäglich ganz viele Vergewaltigungen, ohne dass Alkohol oder Drogen im Spiel oder die Täter krank oder psychisch auffällig sind.

Nach der Tat wollten die Täter das Opfer auch noch loswerden und haben es draußen in die Kälte gelegt. Ist das ein gängiges Verhalten?
Sie ist die Zeugin für das Verbrechen, das sie begangen haben. Sie ist das eine Beweismittel. Vor Gericht muss das Opfer ja aussagen. In diesem Fall gibt es noch ein Handyvideo, aber das ist ja in der Regel nicht so. Deswegen haben Frauen und Mädchen, die vergewaltigt werden, auch Todesangst. Das Mädchen bei diesen Temperaturen einfach benutzt und dann auf eine Art weggeworfen zu haben, ist ja furchtbar und macht die Entwürdigung und die absolute Empathielosigkeit deutlich.

Einer der Täter war erst 14.
Wir kennen hier tatsächlich alles, was man sich nicht vorstellen konnte. Es hat schon immer auch mal sehr junge Täter gegeben, die alleine tätig sind oder in Gruppen. 

Haben Sie Tipps, wie sich Frauen und Mädchen besser schützen können?
Nein, man muss auf die Verantwortung der Täter gucken. Den Opfern wird ohnehin viel Schuldzuweisung entgegengebracht. Wir sagen immer, es ist niemals die Schuld der Betroffenen, egal, wie sie sich verhält: Nichts rechtfertigt das, was die Täter denjenigen antun. Auch als Karatemeisterin kann man zum Beispiel durch einen traumatischen Schock in eine Situation geraten, in der man sich nicht bewegen und wehren kann. Da kann man als Frau noch so viele Selbstverteidigungskurse machen, die Verantwortung bleibt beim Täter.

Was braucht ein Mädchen nach so einer Tat?
Es wäre schön, wenn sie jetzt einfach irgendwo sein kann, wo sie viel Unterstützung bekommt, gut aufgehoben ist und keine Schuldzuweisungen bekommt. Mit Menschen, denen sie vertrauen kann, in einem sicheren Umfeld, wo sie Ruhe hat.

Braucht es eine Therapie?
Das hängt von vielen Faktoren ab: Wie die Tat verlaufen ist, wer der oder die Täter waren, wie alt sie ist und was sie für persönliche Vorerfahrungen mitbringt. Es kommt auf die Persönlichkeit an. Nicht alle Frauen müssen aufgrund so einer Erfahrung eine Psychotherapie machen. Wir bieten auch psychosoziale und therapeutische Beratung zu dem Thema an, oftmals reichen die Gespräche aus, die einmalig, mehrmalig oder über einen langen Zeitraum stattfinden können. In erster Linie brauchen die Opfer Zeit, Menschlichkeit und Mitgefühl. Sie brauchen Erklärungen dafür, warum sie vielleicht bestimmte Symptome an sich feststellen. Damit sie nicht glauben, sie werden verrückt oder dass sie nie mehr rausgehen können. Wir erklären dann, wie ein Körper auf solche überwältigenden, lebensbedrohlichen Gewalttaten reagiert – und dass das normale Reaktionen auf ein unnormales Ereignis sind.


Sind Sie selbst Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden, kann der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe weiterhelfen. In dringenden Fällen erreichen Sie das bundesweite Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" kostenlos unter 08000 116 016 und www.hilfetelefon.de.


Interview: Susanne Baller
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