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Auf was Sie bei Online-Therapien achten sollten

Im Netz finden sich etliche Online-Angebote, die als Hilfe etwa bei Depressionen angepriesen werden. Doch nicht jedes ist empfehlenswert. Ein Experte erklärt, wann die Programme sinnvoll sind und was Nutzer bedenken sollten.

  Ratschläge per Mail, unterstützende SMS aufs Handy: Onlineprogramme versprechen Hilfe bei Depressionen - und das zeit- und ortsunabhängig. Die Programme können eine sinnvolle Unterstützung sein. Nutzer sollten allerdings auf einiges achten.

Ratschläge per Mail, unterstützende SMS aufs Handy: Onlineprogramme versprechen Hilfe bei Depressionen - und das zeit- und ortsunabhängig. Die Programme können eine sinnvolle Unterstützung sein. Nutzer sollten allerdings auf einiges achten.

Herr Professor Beutel, seit wann gibt es onlinebasierte Angebote?

Die Programme sind schon seit etlichen Jahren im Einsatz. Die ersten gingen um die Jahrtausendwende online. Eines der frühen Angebote war das im englischsprachigen Raum verbreitete "Beating the Blues", ein Programm, das zur Behandlung von Angststörungen und Depressionen eingesetzt wird und das bis heute online abrufbar ist.

Mit den Programmen hat man also schon einige Jahre Erfahrung sammeln können. Wie hilfreich sind sie?

Mittlerweile gibt es viele gute Studien, die zeigen, dass eine Onlinetherapie bei psychischen Problemen wie Depressionen und Angststörungen genauso wirksam sein kann wie die klassische Psychotherapie. Ob ein Programm erfolgreich ist, hängt allerdings stark davon ab, wie viel therapeutischer Kontakt besteht. Programme, die als reine Selbsthilfe angeboten werden, sind weniger effektiv. Teilnehmer brechen sie zudem häufig ab. Dabei muss der Therapeut gar nicht ständig erreichbar sein. Wöchentliche Emails, die ermutigen oder auch mal dazu dienen, Fragen zu klären, reichen meist aus. Ein Kontakt über Telefon, Mail oder im Chat bietet sich ebenfalls an. Die Erfahrung zeigt jedenfalls, dass ein wenig therapeutische Unterstützung motivierend ist, die Teilnehmer bei der Stange hält und zu besseren Ergebnissen führt.

Bei welchen Störungen sind die Programme sinnvoll?

Vor allem Angststörungen, soziale Phobien und Depressionen lassen sich damit behandeln. Gute Erfahrungen gibt es etwa auch bei Essstörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen. Vielen Menschen hilft es schon, ihre Probleme aufzuschreiben und zu reflektieren. Das alleine kann bereits therapeutisch wirken. Nicht geeignet sind solche Angebote für Menschen mit einer schweren Depression und Suizidgedanken. Sie sollten sich in akuten Notsituationen besser direkt an eine Notfall-Ambulanz wenden.

Wie sehen solche Angebote konkret aus?

Die meisten Onlineprogramme sind ganz klassisch als Verhaltenstherapie angelegt. Es geht in erster Linie darum, ungünstige Verhaltens- und Denkmuster, Bewertungen und Wahrnehmungen zu erkennen und zu verändern. Informationen und Anregungen werden über Texte, Audiodateien und Videoclips vermittelt. Auf Wunsch erhält der Patient auch in regelmäßigen Abständen SMS, die ihn motivieren und die ihm praktische Tipps geben, wie der Alltag gut gemeistert werden kann.

Wie lange dauern Online-Therapien in der Regel?

Sie sind deutlich kürzer angelegt als eine herkömmliche Psychotherapie und dauern in der Regel zwischen acht und zwölf Wochen.

Wer bietet sie an?

In Deutschland sind die Programme noch nicht Teil der Regelversorgung. Die meisten werden im Rahmen von wissenschaftlichen Studien an Universitäten angeboten. (siehe Kasten) Die Teilnahme ist dann kostenlos. Gewerbliche Programme sind bislang nur wenige auf dem Markt. Von den Krankenkassen werden die Kosten in der Regel nicht übernommen, Ausnahmen sind  Pilotprojekte. Wer sich dafür interessiert, sollte aber auf jeden Fall einmal bei seiner Kasse nachfragen, ob eine Erstattung unter bestimmten Umständen möglich ist. 

Gibt es Qualitätsstandards und eine Art Gütesiegel für solche Programme?

Momentan leider noch nicht. Patienten sollten sich auf jeden Fall vor einer Teilnahme informieren, welcher Anbieter dahinter steckt. Ist es eine renommierte Institution wie eine Universität, die auch über das nötige psychotherapeutische Wissen verfügt? Wird die Qualität der Programme geprüft? Oder ist überhaupt nicht klar, von wem sie stammen? Und nicht zuletzt: Finden sich glaubhafte und zuverlässige Angaben zum Datenschutz? Gerade bei Apps gibt es in diesem Bereich eine Flut an Angeboten, die in ihrer Qualität äußerst zweifelhaft sind. Da wäre ich bei ernsthaften psychischen Problemen extrem vorsichtig. 

Wie kann ich denn sichergehen, dass meine Daten geschützt sind?

Ich würde in erster Linie darauf achten, dass das Angebot von einem seriösen Anbieter stammt und die Daten sicher gespeichert und verschlüsselt werden. Wir bieten bei unseren Onlineprogrammen zum Beispiel an, dass die Teilnehmer sich vorab ein Pseudonym aussuchen können. Auch das ist eine Möglichkeit.

Können solche Programme das Gespräch mit einem Therapeuten ersetzen?

Solche Angebote sind eine große Chance. Die Scham, sich Hilfe bei einem Psychotherapeuten zu suchen, ist oft noch immer sehr hoch. Online-Therapien sind für jedermann leicht zugänglich. Wartezeiten gibt es nicht. Die Therapie kann unabhängig von Ort und Zeit erfolgen, was etwa gut für Berufstätige ist. Auch für Menschen, die auf dem Land wohnen und eventuell ohnehin nur wenige psychotherapeutische Praxen in ihrem Umkreis haben, kann ein solches Angebot hilfreich sein. Ein weiterer Vorteil: Auf die Ferne lassen sich Probleme oft einfacher ansprechen. Ich glaube allerdings nicht, dass sie Therapeuten gänzlich ersetzen können.

Warum?

Für die richtige Diagnose ist nach wie vor ein Arzt oder Therapeut nötig. Eine reine Online-Therapie, die gänzlich ohne persönlichen Kontakt abläuft, ist Psychotherapeuten in Deutschland durch das Berufsrecht ohnehin verboten. Selbsthilfeangebote und niedrigschwellige Beratungen sind zwar rechtlich nicht geregelt, wer glaubt, dass ihm eine solche Unterstützung gut tun würde, kann damit beginnen. Ich würde allerdings jedem raten, zuvor einmal die mögliche Teilnahme mit dem Arzt zu besprechen. Dieser kann bestenfalls auch Tipps geben, welches Programm geeignet ist.

Oft ist aber gerade das ja das Problem: Bis man einen Termin beim Facharzt bekommt, vergehen Monate.

Tatsächlich ist aus meiner Sicht eine der großen Fragen, wie sich solche Programme in die  Regelversorgung sinnvoll integrieren lassen und wie sichergestellt werden kann, dass sie bestimmten Qualitätsstandards entsprechen. Online-Therapien können ganz klar dabei helfen, Versorgungslücken zu schließen und Menschen, die momentan keinen Zugang zu einer Therapie haben, den Alltag zu erleichtern. Vor allem in der Vor- und Nachsorge sind solche Angebote aus meiner Sicht eine gute ergänzende Maßnahme. Studien zeigen etwa, dass sie von Patienten nach einer stationären Therapie gut angenommen werden und sich so Rückfälle verhindern lassen. Online-Angebote werden die konventionelle Therapie zwar nie ganz ersetzen. Aber sie können sie unterstützen - und zwar so dass die Patienten davon profitieren und das System als Ganzes entlastet wird.

Interview: Lea Wolz
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