Goldene Versprechen

13. Juni 2012, 20:35 Uhr

Fischöl-Kapseln mit Omega-3-Fettsäuren sollen vor vielen Krankheiten schützen. Mancher nimmt sie ein, um sich geistig fit zu halten. Doch der Nutzen ist zweifelhaft. Von Lea Wolz

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Fischöl-Kapseln sollen gut für die Gesundheit sein - doch ob sie wirklich helfen, ist zweifelhaft©

In Apotheken oder Reformhäusern sind Omega-3-Kapseln oder andere Fischölpräparate in großer Anzahl im Regal zu finden. Viele schwören auf die goldgelben Dragees, die reichlich Omega-3-Fettsäuren enthalten und gut für die Gesundheit sein sollen: Eine ganze Reihe an positiven Wirkungen wird den Kapseln zugeschrieben - sie sollen vor Herzleiden schützen, bei Depressionen helfen und Demenz vorbeugen.

Ohne Zweifel sind Omega-3-Fettsäuren in kleinen Mengen wichtig für den Körper. Siesind gut fürs Herz, da sie den Blutdruck und die Blutfettwerte senken, Entzündungen hemmen und einer Gefäßverkalkung vorbeugen können. Da der Körper sie größtenteils nicht selbst herstellen kann, müssen sie über die Nahrung aufgenommen werden: Die beiden Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) kommen natürlicherweise etwa in Fischsorten wie Hering, Makrele, Thunfisch oder Lachs vor. Alpha-Linolensäure (ALA) ist vor allem in Lein-, Raps-, Soja- oder Walnussöl enthalten.

Doch viele schwören auf die zusätzliche Einnahme von Fischöl-Kapseln, um Krankheiten vorzubeugen oder zu therapieren. Wie sinnvoll das ist, ist umstritten. Und immer mehr Studien entzaubern die Dragees, die manchem als eine Art Wundermittel gelten. Erst vor Kurzem kam eine Übersichtsarbeit zu dem Schluss, dass Fischöl-Kapseln Patienten, die bereits Herzkreislaufprobleme hatten, offenbar nicht vor weiteren Herzleiden schützen. Auch wenn die Ergebnisse dieser Studie unter Wissenschaftlern umstritten sind - frühere Untersuchungen konnten durchaus einen Nutzen nachweisen -, sind sich die Forscher in einem Punkt einig: Um eine eindeutige Empfehlung zu geben, reichen die Daten nicht aus. Ähnliches gilt für den Einsatz der Dragees gegen Depressionen. Auch hier ist unsicher, ob die Fette helfen.

Nun haben Wissenschaftler der Cochrane-Collaboration untersucht, ob Omega-3-Fettsäuren tatsächlich dazu beitragen können, den Geist fit zu halten und vor Demenz zu schützen. Sie kommen zu dem ernüchternden Ergebnis, dass Fischöl-Kapseln älteren Menschen kaum mehr nutzen als wirkstofffreie Präparate.

Kein gutes Zeugnis für die Kapseln

Für ihre Übersichtsarbeit fassten die Forscher um Emma Sydenham von der London School of Hygiene und Tropical Medicine die Ergebnisse dreier qualitativ hochwertiger Studien zusammen. Daran nahmen insgesamt 3536 Menschen teil, die alle über 60 Jahre alt waren. Kein Teilnehmer zeigte zu Beginn Anzeichen leichter geistiger Beeinträchtigungen oder gar einer Demenz.

Bei zwei der drei Studien nahmen die Probanden täglich entweder Fischöl-Kapseln ein, die EPA und DHA enthielten, oder Placebos. Weder die Patienten noch die Ärzte wussten, wer welche Dragees schluckte. Die Studiendauer war einmal auf sechs und einmal auf 24 Monate angesetzt, die Placebos enthielten Oliven- oder Sonnenblumenöl.

In der dritten Studie, die in die Übersichtsarbeit mit einfloss, beschmierten die Teilnehmer täglich ihr Brot entweder mit Placebo-Margarine oder mit solcher, die mit den Omega-3-Fettsäuren EPA, DHA und/oder ALA angereichert war. Die Patienten dieser Studie hatten alle zuvor schon einmal einen Herzinfarkt erlitten, und in erster Linie sollte untersucht werden, ob sich die Fischöl-Kapseln positiv auf die Herzgesundheit auswirken. Zusätzlich erfassten die Forscher aber auch die geistige Fitness der Teilnehmer.

Die Ergebnisse der Übersichtsarbeit stellen Fischöl-Kapseln kein gutes Zeugnis aus: Ältere Menschen, die solche Dragees einnehmen, würden ihr Demenz-Risiko dadurch nicht senken, schreiben Sydenham und ihr Team. Allerdings weisen die Wissenschaftler auch auf mögliche Einschränkungen hin: "Alle Studien liefen nur über einen relativ kurzen Zeitraum. Wir konnten daher lediglich leichte Verschlechterungen der kognitiven Funktionen in beiden Gruppen beobachten", sagt Alan Dangour, Ernährungswissenschaftler und Co-Autor des Cochrane-Reportes. "Es ist daher möglich, dass sich ein Effekt der Nahrungsergänzungsmittel erst nach längerer Zeit zeigt." Um die Langzeiteffekte von Fischöl-Kapseln zu untersuchen, seien daher weitere Studien nötig, so die Wissenschaftler.

Fisch und gesunde Öle

Das sieht Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Postdam-Rehbrücke ähnlich. "Die Übersichtsarbeit zeigt zwar eindeutig, dass es keinen Vorteil gibt - allerdings mit der klaren Einschränkung, dass dies für die Einnahme über einen kurzen Zeitraum gilt", sagt er. Statt zu den Dragees zu greifen, rät der Epidemiologe dazu, Nahrungsmittel auszuwählen, in denen Omega-3-Fettsäuren natürlicherweise vorkommen.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt gesunden Erwachsenen eine tägliche Zufuhr von etwa 1,3 Gramm Omega-3-Fettsäuren - was zum Beispiel einem Esslöffel Rapsöl entspricht. Auch Sydenham und Kollegen raten in erster Linie zu einer ausgewogenen Ernährung mit zwei Portionen Fisch in der Woche, darunter auch fettreichen. Wer dazu noch gesunde Pflanzenöle auf seinen Speiseplan setzt, dürfte ausreichend mit Omega-3-Fettsäuren versorgt sein.

Für alle, die trotzdem nicht auf die Kapseln verzichten wollen, gibt es zumindest eine gute Nachricht: Hilft das Nahrungsergänzungsmittel nicht, so schadet es offenbar gesunden Menschen zumindest auch nicht groß. In dem Cochrane-Review klagten einige Teilnehmer lediglich über leichte Übelkeit und Magen-Darm-Probleme.

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Die stern-Expertin
Professorin Ursel Wahrburg steht dem Ratgeber Ernährung als Expertin zur Seite. Sie lehrt und forscht an der Fachhochschule Münster.