Meinung
Anderen kein Herz zu spenden – das ist unbarmherzig!

Organspende Aus mit Herzmodell
Organspende: Zu wenige sind bereit, sich damit zu beschäftigen
© SVEN SIMON / Imago Images

Debattieren Sie mit!

  • Mit stern-Account aktiv an allen Debatten teilnehmen und kommentieren.
Jetzt registrieren
Erneut starten Bundestagsabgeordnete den Versuch, das Transplantationsgesetz zu ändern. Aktivistinnen der evangelischen Kirche lehnen das ab. Das ist unchristlich. 

Seit Jahren geht das so in Deutschland. Auch wenn 2025 mehr Menschen ein Organ spendeten als im Jahr zuvor, reicht die Zahl der Organspenden bei Weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken. Die Folge: Tausende verzweifelte Patienten stehen auf Wartelisten für eine Niere, eine Leber oder ein Herz. Viele von ihnen sterben vorzeitig, da sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan bekommen. Dabei ist Deutschland im Verbund Eurotransplant schon Nehmerland. Das heißt, wir bekommen als Land mehr Organe, als wir an andere Länder exportieren. 

Den Versuch, die Deutschen zum Eintrag in das digitale Organspenderegister zu bewegen, kann man getrost als gescheitert betrachten. Zu umständlich ist das Prozedere, zu unmotiviert scheinen die Bundesbürger, sich mit dem eigenen Tod und einem Organnachlass zu beschäftigen. 

Organspende: Immer wieder scheitert die Widerspruchslösung.

Nicht alle möchten sich mit der Dauermisere abfinden. Alle paar Jahre starten PolitikerInnen im Bundestag oder im Bundesrat einen neuen Versuch, das bisherige Transplantationsgesetz zu verändern. Statt wie bisher in eine Organspende aktiv einwilligen zu müssen (selbst oder die Angehörigen), müssten die Bürger dann einer Organspende aktiv widersprechen. 

In einem stern-Interview hatten die Grünen-Politikerin Ricarda Lang und die CDU-Politikerin Gitta Connemann jüngst erklärt, warum sie sich gemeinsam für die Einführung der sogenannten Widerspruchslösung bei der Organspende einsetzen. Mit einem von ihnen im Bundestag vorgelegten interfraktionellen Antrag wollen sie erreichen, dass jeder Erwachsene ein potenzieller Organspender wird – wenn er nicht zu Lebzeiten widerspricht. 

Doch wie bei jedem vorangegangenen Versuch, die Neuregelung durchzusetzen, sind auch dieses Mal die üblichen Bedenkenträger wieder bereit zum Widerstand. Allen voran die evangelische Kirche. In einem Leserbrief an den stern schreiben die Vorsitzende des Vereins Evangelische Frauen in Deutschland, Angelika Weigt-Blätgen, und ihre Stellvertreterin Susanne Paul: „Gitta Connemann und Ricarda Lang behaupten, man dürfe eine Entscheidung zu Organspende Ja oder Nein verlangen.“ 

Die beiden Vereinsdamen sind anderer Meinung: „Auch das Zögern, das Nicht-entscheiden-Wollen oder -Können muss respektiert werden, gerade weil es um Leben und Tod geht.“ Wer noch Zeit benötige, wandere laut den Antragstellerinnen aber „automatisch“ auf die Seite der Spender. Das sei „unbarmherzig“.

Was ist Barmherzigkeit?

Ist nicht, etwas spenden zu wollen, eine der barmherzigsten Tätigkeiten überhaupt? Ist es nicht Ausdruck des größtmöglichen Mitgefühls, einem anderen durch eine Organspende ein neues Leben zu schenken? Verehren nicht Christen in aller Welt Jesus für seine Opferbereitschaft, am Kreuz sein Leben für das Seelenheil aller Gläubigen gegeben zu haben? 

Eine Kirche, die vielen Tausend Menschen ein menschenwürdiges Leben verweigert, weil sie auf ein Spenderorgan hoffen, das ihnen aus mangelndem Mitgefühl und Engstirnigkeit verweigert wird, ist nicht mehr die Kirche, in der ich einst mein Glaubensbekenntnis abgelegt habe. 

Schon vor vielen Jahren bin ich genau aus diesem Grund aus der Kirche ausgetreten, als mir der damalige Verantwortliche für einen Artikel über Organspende sagte, dass die evangelische Kirche gegen die Widerspruchslösung sei. Der aktuelle Brief der evangelischen Vereinsfrauen bestärkt mich in meinem Entschluss. Was sie schreiben, entspricht nicht meinem Verständnis von Nächstenliebe, die die Kirche doch so gerne predigt. 

Ich wünsche Ricarda Lang und Gitta Connemann und allen ihren Mitstreiterinnen und Mistreitern viel Erfolg – und Gottes Segen.

PRODUKTE & TIPPS

Kaufkosmos