Transplantationen
Hohe Spendenbereitschaft: Wie Tausende Deutsche nach ihrem Tod anderen helfen

Gewebespende: Eine Person mit Mundschutz und Laborkleidung hält eine Flasche mit rötlicher Flüssigkeit hoch
Hornhäute sind die am häufigsten genutzten Gewebespenden. Vor der Transplantation werden sie in einer Gewebebank aufbereitet und sind dann wochenlang einsetzbar
© DGFG

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Neben der viel diskutierten Organspende, gibt es auch die Möglichkeit, Gewebe zu spenden. Tausende von Menschen sind dazu bereit. Wie Augenhornhaut, Knochen oder Herzklappen Leben retten können

Die Zahlen sind eigentlich ermutigend: Noch nie wurden in Deutschland mehr Gewebe nach dem Tod gespendet als im vergangenen Jahr. Die Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantationen (DGFG), die etwa die Hälfte alle Gewebespenden in Deutschland organisiert, bekam aus Krankenhäusern und anderen Einrichtungen mehr als 60.000 Meldungen potenzieller Gewebespenderinnen und -spender. Über 12.000-mal wurden daraufhin Angehörige oder Zugehörige angesprochen, ob sie einer Spende von Gewebe zustimmen würden. Knapp 38 Prozent von ihnen willigten ein, annähernd so viele wie in den Vorjahren. 

Gewebespende Organspende zwei Medizinerinnen im blauen Kittel und mit Mundschutz
© DGFG

Gewebespende vs. Organspende

Wer stirbt, kann anderen Organe oder Gewebe spenden. Hier die wichtigsten Unterschiede zwischen beiden Varianten.

Organspende:

Was wird gespendet?
ganze Organe wie Leber, Nieren, Herz, Lunge, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm 

Welche Voraussetzungen gelten?
– Der Spender/die Spenderin müssen nachweißlich hirntot sein
– die Angehörigen/ der Spendende müssen der Spende zustimmen

Wie erfolgt die Spende und Vergabe?
– Die entnommenen Organe müssen innerhalb weniger Stunden entnommen und transplantiert werden.
– Manche Organe wie Leber können auch auf mehrere Empfänger aufgeteilt werden.
– Die Vergabe der Spenderorgane erfolgt über Eurotransplant; dazu gehören neben Deutschland, die Benelux-Staaten, Österreich, Slowenien, Kroatien und Ungarn.

 

Gewebespende:

Was wir gespendet?
– Gewebe wie Augenhornhaut, Herzklappen, Knochen, Blutgefäße und Haut
– dies kann auch im Rahmen einer Organspende erfolgen 

Welche Voraussetzungen gelten?
– Der Spender/die Spenderin müssen nachweislich tot sein; Neben dem Hirntod reicht hier auch ein Herz-Kreislauftod aus.
– Die Angehörigen/ der Spendende müssen der Spende zustimmen.

Wie erfolgt die Spende und Vergabe?
– Die Gewebe können bis zu 72 Stunden nach Eintritt des Todes entnommen werden.
– Die Gewebe werden in Gewebebanken aufgearbeitet und bis zur Transplantation in einer Nährlösung oder tiefgefroren gelagert.
– Die Vergabe der Gewebespenden erfolgt nur innerhalb von Deutschland über nationale Organisationen wie etwa die Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG).
– Im Zweifelsfall hat eine Organspende Vorrang vor einer Gewebespende; oft ist auch beides möglich. 

„Die Bereitschaft in der Bevölkerung, anderen mit einer Gewebespende zu helfen, ist sehr hoch", sagt Martin Börgel, Geschäftsführer der DGFG. Zudem gebe es immer mehr Kliniken in Deutschland, die potenzielle Spender:innen melden und die Gewebespende in ihr Selbstverständnis integrieren. „Das ist in einer Zeit, in der die Kliniken und ihr Personal so stark belastet sind, keine Selbstverständlichkeit“, sagt Börgel.

Um Krankenhäuser und andere Einrichtungen zu entlasten, hat die DGFG ein eigenes Netzwerk von Ansprechpartnern aufgebaut, die mit dem Prozedere einer möglichen Gewebespende vertraut sind, Ärzte beraten und mit Angehörigen sprechen. 

Denn eine Gewebespende ist in einigen Punkten anders geregelt als eine Organspende. Während letztere nur nach einem ärztlich bestätigten Hirntod und gleichzeitiger intensivmedizinischer Versorgung möglich ist, kann eine Gewebespende auch nach einem viel häufigeren Herz-Kreislauftod erfolgen.

Die Zahl der Spenderinnen und Spender ist geringer als der Bedarf

Jedes Jahr stirbt rund eine Million Menschen in Deutschland. Auch wenn man diejenigen abziehe, die aufgrund von Infektionen oder anderen medizinischen Gründen nicht für eine Gewebespende infrage kämen, gebe es rund 200.000 potenzielle Spenderinnen und Spender, sagt Börgel.

Zudem ist das Zeitfenster für eine Gewebeentnahme mit bis zu 72 Stunden weitaus größer als das für Spenderorgane. "Augenhornhäute, Knochen und Herzklappen sind nicht oder kaum durchblutet, dadurch lassen sie sich viel länger entnehmen und lagern", erklärt der DGFG-Chef. Anders als Organe werden Gewebe auch nicht direkt transplantiert, sondern kommen zunächst in eine Gewebebank.

Dort werden sie aufgearbeitet, geprüft und anschließend in einer Nährlösung aufbewahrt oder in flüssigem Stickstoff tiefgefroren. Hornhäute bleiben so zwei bis vier Wochen, Herzklappen bis zu fünf Jahren und Knochen bis zu zehn Jahren einsatzfähig.

Besonders groß ist der Bedarf an Augenhornhäuten. 6370 aufbereitete Transplantate wurden im vergangenen Jahr in Deutschland an Augenkliniken vermittelt. Das entspricht zwar einer Steigerung um 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr, ist aber dennoch weniger als gebraucht würde. „Für die Patienten bedeutet das eine längere Wartezeit, bis sie wieder gut sehen können. Das ist zwar eine große Einschränkung für die Lebensqualität, aber nicht lebensbedrohlich“, sagt Börgel.

Anders könne dies bei Herzklappen sein: "Künstliche Herzklappen kommen nicht für alle Patienten infrage und müssen oft schon nach wenigen Jahren ersetzt werden." Hier besteht nach wie vor ein eklatanter Mangel. Gerade einmal 472 Herzklappen wurden im vergangenen Jahr gespendet, der Bedarf liegt hingegen bei etwa 2000. Die geringe Zahl liegt vor allem daran, dass Herzklappen meist nur dann entnommen werden, wenn das gesamte Herz für eine Organtransplantation medizinisch nicht geeignet ist. 

Kaum jemand kennt das Thema Gewebespende

Zudem gibt es ein generelles Problem. "Im Gegensatz zur Organspende ist die Gewebespende der breiten Bevölkerung oft unbekannt. Viele Menschen kennen die Option einer Spende bis ins hohe Alter und nach Herz-Kreislauf-Versterben nicht", sagt Börgel. Der Großteil der spendenden Personen liegt in einer Altersgruppe zwischen 65 und 74 Jahren, ein Drittel der Personen, die Gewebe spenden, sind sogar älter als 75. 

Oft wissen Angehörige nicht, wie und ob die verstorbene Person sich zur Gewebespende geäußert hat. Neben einem Organ- und Gewebespenderausweis können auch eine Patientenverfügung oder ein Testament einen Hinweis geben. Am besten sei es jedoch, wenn das Thema zu Lebzeiten mit An- und Zugehörigen besprochen werde, sagt Börgel: "Das erleichtert ihnen eine schwierige Entscheidung in einer mehr als herausfordernden Situation." Oftmals sei es für Freunde und Familien in der schweren Zeit aber auch ein Trost, wenn ein Teil der von ihnen geliebten Person irgendwie weiterlebe.

Sorge, dass gespendetes Gewebe – eventuell auf dubiosen Wegen – gehandelt würde, müsse hingegen niemand haben, sagt Börgel: "Wie im Transplantationsgesetz seit jeher, regelt seit 2007 das Gewebegesetz unter anderem das strikte Handelsverbot für alle Gewebezubereitungen."

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