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Warum Natalie Grams mit der Homöopathie gebrochen hat

Die Ärztin Natalie Grams hatte ihre Existenz auf die Homöopathie gebaut. Doch dann recherchierte sie für ein Buch die Hintergründe der alten Heilkunde. Mit Konsequenzen: Sie gab ihre Praxis auf. 

Von Bernhard Albrecht

  Einst war Natalie Grams Befürworterin der Homöopathie, doch dann recherchierte sie für ein Buch zu der Methode. Seitdem hat sie den Glauben daran verloren.

Einst war Natalie Grams Befürworterin der Homöopathie, doch dann recherchierte sie für ein Buch zu der Methode. Seitdem hat sie den Glauben daran verloren.

Frau Grams, haben Sie Angst vor der Zukunft? Ihr Studium ist zehn Jahre her, Sie stehen nun ohne Facharztausbildung da, haben wenig klinische Erfahrung...

...und hohe Schulden, denn meine Praxis war längst noch nicht abbezahlt. Es war wirklich kein idealer Zeitpunkt, alles hinzuschmeißen und es ist klar, dass ich noch in diesem Jahr wieder Geld verdienen muss. Wir haben drei Kinder durchzubringen. Aber nein, Angst habe ich nicht, es wird weitergehen. Ich will den Facharzt für Psychotherapie machen.

Sie haben Jahre und viel Geld in die Ausbildung zur Homöopathin investiert. Ihre Patienten sind voll des Lobes, in einem Ärztebewertungsportal stehen Sie bei Note 1,0. Ist das alles nichts mehr wert?

Ich war tatsächlich ziemlich erfolgreich mit meiner Praxis und meine Patienten sind jahrelang bei mir geblieben. Unter meiner Therapie sind Depressionen, Mandel- und Lungenentzündungen verschwunden und sogar Krebsgeschwüre zurückgegangen. Aber ich muss heute erkennen, dass das alles kein Verdienst der Globuli war, die ich verschrieben habe.

Wäre es denn nicht einfacher gewesen, Sie machten einfach weiter? So wie ein Pfarrer, der still mit Gott hadert, ohne dass seine Gemeinde was davon weiß? Schließlich gaben Sie den Patienten, was sie wollten...

Das habe ich tatsächlich kurz überlegt. Es war eine schwere Phase, durch die ich da gegangen bin. Denn ich habe meine Arbeit geliebt, bin jeden Tag gerne in die Praxis gegangen. Aber ich könnte so nicht weitermachen, ich würde meine Patienten ja täglich betrügen. Ich möchte ihnen Therapien anbieten, von deren Wirksamkeit ich selbst überzeugt bin. Und so habe ich es ihnen auch erklärt.

Und wie haben Ihre Patienten reagiert?

Viele konnten meine Entscheidung verstehen, vor allem die, die auch mein Buch gelesen haben. Einige nehmen jetzt ebenfalls von der Homöopathie Abstand, die habe ich offenbar erreicht. Andere haben mich gefragt, ob ich ihnen denn einen anderen Homöopathen empfehlen kann, das habe ich natürlich nicht getan. Nur eine Frau hat mir geschrieben, sie könne nicht verstehen, dass ich ins feindliche Lager gewechselt bin.

Was ich nicht verstehe: Sie kritisieren heute, dass die Homöopathie allen bekannten Naturgesetzen widerspreche. Akzeptiert man das nicht zuallererst, wenn man Homöopath wird?

Ich war lange überzeugt, dass Naturwissenschaft nicht alles ist, und dass sie deshalb nicht über die Homöopathie richten darf. Ich glaubte auch, dass es vielleicht nur noch nicht die Methoden gibt, um die Wirksamkeit der Globuli zu beweisen. Doch die Homöopathen wollen Teil der Medizin sein, und die Medizin ist nun mal Teil der Naturwissenschaft.

Eine späte Erkenntnis. Sie haben doch selbst Medizin studiert, warum fiel da der Groschen nicht früher?

Ich muss mir den Vorwurf machen, dass ich nicht kritisch genug war, es wurde einem aber auch leicht gemacht, nicht kritisch zu sein. Im Medizinstudium steht das Auswendiglernen von Anfang an im Vordergrund – das ist gar nicht so anders als bei der Homöopathie. Ich hatte zum Beispiel keine Ahnung, wie die Studien gemacht werden, auf denen unser ärztliches Wissen aufbaut. Damit habe ich mich erst jetzt intensiv auseinandergesetzt. Und die Homöopathie ist unter Ärzten und Verbänden auf breiter Ebene akzeptiert. Die wenigsten meiner Kommilitonen gingen deshalb davon aus, dass das Humbug sein könnte.

In der Homöopathie werden doch Arzneimittelprüfungen gemacht – sind die nicht wissenschaftlich?

Nachdem ich jetzt erfahren habe, wie willkürlich diese Prüfungen ablaufen, war ich wirklich geschockt. Es gibt keinerlei Richtlinien. Homöopathen nehmen die Arzneimittel selbst ein oder geben sie an Freiwillige weiter, zwei oder zwanzig, das ist nicht festgeschrieben. Dann wird notiert, welche Symptome in den kommenden Tagen auftreten. Haben zum Beispiel drei Probanden Kopfschmerzen, dann wirkt die Arznei eben gegen Kopfschmerz, weil in der Homöopathie Ähnliches mit Ähnlichem behandelt wird. Hat nur einer Kopfschmerzen, ist es nicht so eindeutig. Keiner überprüft, ob die Kopfschmerzen auch andere Gründe gehabt haben könnten.

Ähnliches mit Ähnlichem behandeln, woher hatte der Begründer der Homöopathie Samuel Hahnemann eigentlich diese Idee?

Wie vieles andere auch versteht man das besser, wenn man die Zeit näher betrachtet, in der Hahnemann lebte. Damals glaubten viele noch an die vom Arzt Paracelsus entwickelte Signaturenlehre, die besagte, dass sich ähnliche Dinge im Universum entsprechen und deshalb Bohnen gegen Nierenleiden helfen und Walnüsse gegen Gehirnkrankheiten. Die Medizin ist seitdem vorangeschritten und hat die Signaturenlehre widerlegt...

... weil sie sich ständig kritisch hinterfragt. Das Wort Hahnemanns gilt aber heute noch genauso wie damals?

Ohne Einschränkung. Dabei wusste er so vieles nicht, was die Medizin erst nach seinem Tod entdeckt hat. Als er die Homöopathie im späten 18. Jahrhundert entwickelte, galt in der Medizin noch die Viersäftelehre aus der Antike. Er kannte weder die Lehre von den Körperzellen noch den Blutkreislauf, er wusste nicht, dass Krankheiten durch Bakterien oder Viren ausgelöst werden können...

Würde Hahnemann denn heute noch an die Homöopathie glauben?

Daran zweifle ich. Hahnemann war sehr klug, er hinterfragte alles, und die Medizin, gegen die er damals rebellierte, war beherrscht von Aberglauben und Therapien, die lebensgefährlich für die Patienten waren. Die Homöopathie war damals das kleinere Übel...

 Aber seine Nachfolger nehmen ihn wörtlich. Klingt nach Religion...

Ja. Auch wenn sich jetzt viele aufregen werden, aber Homöopathie und Religion haben einiges gemeinsam.

Kennen Sie Kollegen, die der Homöopathie abgeschworen haben so wie Sie?

Nein.

Auch nicht jetzt, als Reaktion auf Ihr Buch?

Keine Homöopathen, die so überzeugt davon waren wie ich. Eher Ärzte, die die Homöopathie neben vielem anderen anbieten, weil die Patienten es erwarten. Die schreiben mir jetzt, dass sie sich immer schon gedacht haben, dass da nicht viel dran sei.

Warum ist das so? Es gibt doch umgekehrt zahlreiche Ärzte, die sich von der Schulmedizin abwenden?

Ich habe mal gelesen: „Auf dem Boden der Tatsachen liegt viel zu wenig Glitzer.“ Das trifft es denke ich ganz gut.

Vielleicht sind es aber auch die vermeintlich vielen Heilerfolge, die ja auch Sie erlebt haben...

An meinen Patienten zumindest. Und an meinem Mann, der jetzt kaum noch Heuschnupfensymptome hat. Bei meinen Kindern habe ich öfter beobachtet, dass das Fieber nach der Einnahme von Globuli schnell runterging. Jetzt aber beobachte ich das auch – ohne Globuli. Bei mir selbst übrigens haben die Kügelchen nie so richtig gut funktioniert.

Warum ist die Homöopathie dann so erfolgreich? Mehr als 50 Prozent der Deutschen haben sie schon ausprobiert, und neun von zehn glauben, dass sie ihnen geholfen hat...

Es ist das gesamte therapeutische Setting. Das beginnt schon im homöopathischen Erstgespräch, das ein bis drei Stunden dauert. Der Patient fühlt sich in seiner Gesamtheit wahrgenommen und nicht auf seine Symptome reduziert. Da passiert zweifellos ganz viel im Körper, im Immunsystem. Aber dieses therapeutische Setting wurde bisher in keiner Studie richtig erfasst. Immer ging es nur um die Frage, ob die Globuli besser wirken als ein Placebo, in dem nichts drin ist. Da aber auch in den Globuli nichts drin ist, kann es ja gar keinen Unterschied zwischen den beiden untersuchten Gruppen geben.

 Und wenn man die Studien so aufsetzen würde, wie Sie es fordern – glauben Sie, dann wäre Homöopathie sogar erfolgreicher als Placebos?

Das ist gut möglich. Denn Placebos wirken ja besser, wenn der Patient glaubt: „Das wird mir helfen, das wird mich heilen.“ Aber ob es wirklich so einen "Super-Placebo-Effekt" gibt, müsste untersucht werden.

Sie aber wollen die Patienten dieser Illusion berauben. Dabei schreiben Sie selbst, Ihre Patienten wollten keine Psychotherapie, sie wollten ein Medikament. Ist die Homöopathie nicht vielleicht die raffinierteste Methode, den ohne Frage heilsamen Placebo-Effekt zu nutzen?

Sie sprechen einen Punkt an, mit dem ich mich auch sehr schwer tue. Und ich gebe zu, ich habe keine gute Antwort darauf. Nicht nur suchen diese Patienten keine Psychotherapie, das Gesundheitswesen hat auch hohe Hürden aufgebaut, denn um in den Genuss einer Psychotherapie zu kommen, bräuchte man eine entsprechende, oft psychiatrische Diagnose. Deshalb müssen wir lernen, das Gute an der Homöopathie in die Medizin des 21. Jahrhunderts zu integrieren. Überall, in jedem Fachgebiet.

Aber davon ist die Medizin in den Zeiten von Fallpauschalen weiter entfernt denn je. Würden Sie mir zustimmen, wenn ich sage: Gäbe es die Homöopathie nicht, müsste man sie erfinden? Für all die Patienten, die von ihr offenbar profitieren?

Das kann nicht die Lösung sein. Denn damit würde man den Glauben an Magie stärken. Und das kann gefährlich werden, denn dann ist der Schritt hin zu gefährlichen Scharlatan-Methoden, die angeblich Krebs oder andere lebensgefährliche Erkrankungen heilen, nur noch sehr kurz. 

Kommentare (2)

  • stern-Moderation
    Wir schließen die Kommentare für heute. Vielen Dank für Ihr Interesse. /sdn
  • Matthias Somma
    Matthias Somma
    Dieses Thema schwappt ja alle paar Jahre wieder hoch und wurde eigentlich schon von Hitler beantwortet, der in ausführlichen Studien jegliche Wirkung widerlegt hat. Das eigentliche Problem beginnt in dem Moment, in dem man ernsthafte Krankheiten wie Krebs mit Kügelchen heilen möchte. (Einfach mal "steve jobs alternative medizin" suchen).
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