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"Beihilfe zum Suizid darf keine Dienstleistung sein"

Brittany Maynard litt an einem tödlichen Gehirntumor - und beendete ihr Leben selbst. Darf man den Fall verallgemeinern? Ein Medizinethiker kritisiert das heftig und erklärt, warum das gefährlich ist.

Von Lea Wolz

  Giovanni Maio ist Direktor des Instituts für Bioethik und Geschichte der Medizin der Uni Freiburg. Er hat aktuell ein Buch veröffentlicht, das sich unter anderem auch mit dem Thema Sterbehilfe befasst.

Giovanni Maio ist Direktor des Instituts für Bioethik und Geschichte der Medizin der Uni Freiburg. Er hat aktuell ein Buch veröffentlicht, das sich unter anderem auch mit dem Thema Sterbehilfe befasst.

Bei Brittany Maynard wurde Anfang dieses Jahres ein Hirntumor diagnostiziert. Die Ärzte sprachen zunächst noch von einer Lebenserwartung von etlichen Jahren, doch Mitte des Jahres änderten sie ihre Prognose: Da der Tumor aggressiv sei, gingen sie davon aus, dass der 29-Jährigen nur noch wenige Monate bis zu ihrem Tod verbleiben würden.

Da sie offenbar immer mehr unter Schmerzen litt und sich ein qualvolles Ende abzeichnete, entschied sich Brittany Maynard für Sterbehilfe und beendete ihr Leben selbstbestimmt. Aktive Sterbehilfe - also das gezielte Herbeiführen des Todes durch etwa eine Spritze - ist in den USA verboten, der ärztlich assistierte Suizid allerdings in einigen Bundesstaaten erlaubt. So können Ärzte unter strengen Auflagen unheilbar Kranken ein Medikament verschreiben, das diese dann einnehmen.

Brittany Maynard plante ihren Suizid öffentlich und setzte sich dafür ein, dass todkranke Menschen sich das Leben nehmen dürfen und dabei Hilfe bekommen. Der stern sprach mit dem Medizinethiker Giovanni Maio über das Thema.

Herr Professor Maio, was sagen Sie als Medizinethiker zu dem Fall Brittany Maynard?
Es ist wichtig, den Suizid nicht moralisch zu bewerten. Wir können im Nachhinein nicht sagen, das war richtig oder falsch. Höchst problematisch ist allerdings, dass diese Geschichte nun als eine Art Werbung für den assistierten Suizid verkauft wird. Die Videos, die ins Netz gestellt wurden, haben fast schon Aufforderungscharakter, sie gleichen Werbefilmen. Das halte ich für gefährlich. Im Grunde hat die Sterbehilfe-Organisation Compassion & Choices die Geschichte der jungen Frau für ihre Anliegen benutzt.

Die Geschichte von Brittany Maynard taugt zur Heroisierung. Die Fotos zeigen eine hübsche, junge Frau. Eine 29-Jährige, die bis zum Schluss um ihre Autonomie gekämpft hat. Nachvollziehbar, dass dies Unterstützer findet.


Es ist falsch zu sagen, Brittany Maynard hätte sich nicht töten sollen. Aber es ist zu einfach, wenn man ihren Weg als Paradelösung anpreist. Ihre Geschichte ist außergewöhnlich und nicht zu verallgemeinern. Tatsächlich geht es bei der Sterbehilfe-Debatte vor allem um Menschen, die bettlägerig sind. Um alte Menschen, die Angst haben, am Ende ihres Lebens jemandem ausgeliefert zu sein, die sich entwertet fühlen. Wir müssen uns überlegen, welche Botschaft wir ihnen übermitteln, wenn wir fordern, dass die Beihilfe zum Suizid erlaubt werden soll. Die Botschaft würde lauten: Es ist vernünftig, wenn man sich selbst tötet und die Gesellschaft trägt das mit. Im Grunde ist dieses Leben auch wirklich nichts mehr wert. Ich sehe das anders und finde, man muss alles tun, um kranken und gebrechlichen Menschen zu helfen und Schmerzen zu verhindern. Der Suizid muss etwas bleiben, das erschüttert und irritiert - und nicht etwas, das wir normalisieren oder gar unterstützen.

Ein häufig angebrachtes Argument für die Sterbehilfe ist, dass dadurch unnötiges Leiden verhindert wird.
Wir müssen alles tun, um Leiden zu verhindern. Da kann medizinisch sicher auch noch mehr geschehen. Aber Studien belegen: Die meisten Menschen haben nicht vor den Schmerzen Angst, sondern davor, dass sie anderen zur Last werden. Im Grunde ist diese Angst ein Resultat der sozialen Verhältnisse, einer bestimmten Atmosphäre, in der wir leben. Wir glauben heute, dass wir Unternehmer unserer selbst sind und das Leben immer im Griff haben müssen. Ist das nicht mehr möglich, betrachten wir alles als wertlos.

Angenommen, ein Todkranker denkt nicht an andere, sondern in erster Linie an sich selbst. Er will sich das Leiden ersparen. Können Sie das nachvollziehen?


Ich kann verstehen, dass ein kranker Mensch Angst hat vor dem, was auf ihn zukommt. Ärzte sollten diese Ängste ernst nehmen. Doch wir müssen uns grundsätzlich fragen: Wozu ist Medizin da? Aus meiner Sicht ist es ihre Aufgabe, Leiden zu lindern. Jemandem zum Tod zu verhelfen, ist keine Therapie. Die Alternative zur aktiven Sterbehilfe ist ja nicht Leben um jeden Preis. Es ist möglich, frühzeitig auf Therapien zu verzichten, damit ein Mensch in Ruhe sterben kann. Aus der Palliativmedizin wissen wir, dass Patienten am Anfang große Angst haben. Aber je mehr man sich um sie kümmert und eine Beziehung zu ihnen aufbaut, desto gelassener können sie dem Ende begegnen.

Sollten unheilbar kranke Menschen das Recht haben, ihr Leben selbstbestimmt zu beenden?


Jeder Mensch hat das Recht, sein Lebensende selbst zu bestimmen - in der Weise, dass er Maßnahmen ablehnen kann, die er nicht möchte. Es darf auch keine Kultur der Bevormundung geben. Zugleich sollte man aber anerkennen, dass die Menschen, die ihrem Leben selbst ein Ende setzen wollen, häufig in einer ambivalenten Situation darüber nachdenken. Daher wechselt auch mitunter der Entschluss, was auch bei Brittany Maynard zu beobachten war. Diese Menschen wollen nicht primär sterben, sondern die Situation ändern, in der sie sich befinden. Daher müssen wir schauen, was wir dazu beitragen können. Beihilfe zum Suizid darf kein Dienstleistungsangebot sein.

Wie ist die aktuelle Rechtslage in Deutschland? Was ist erlaubt - und wo zieht der Staat bis jetzt Grenzen?


Die aktive Sterbehilfe - das direkte Herbeiführen des Todes etwa durch eine Spritze - ist nicht erlaubt. Aber die Beihilfe zur Selbsttötung - zum Beispiel dadurch, dass der Sterbewillige Tabletten zur Verfügung gestellt bekommt - ist zugleich nirgends verboten. Die Bundesärztekammer sagt zwar, dass die Beihilfe nicht mit dem ärztlichen Selbstverständnis in Einklang zu bringen ist. Das steht auch in der Berufsordnung, aber nicht alle Landesärztekammern haben das übernommen. In der Ärzteschaft gibt es daher unterschiedliche Auffassungen darüber, ob die Beihilfe zum Suizid vertretbar ist, es ist eine Grauzone.

Bringt ein Mensch mit Depressionen sich um, wird dies oftmals als sinnloses Aufgeben gewertet, das hätte verhindert werden können. Bei Brittany Maynard hingegen wird darauf mit Verständnis reagiert. Wann rechtfertigt ein Leiden einen solchen Schritt? Und lässt sich das überhaupt festlegen?


Es ist verständlich, dass sich viele Menschen mit der jungen Frau identifizieren können. Doch ihr und allen Kranken muss man verdeutlichen, dass man etwas gegen die Schmerzen tun kann. Und dass es keine entwürdigende Situation ist, auf die Hilfe Dritter angewiesen zu sein. Das sind wir unser ganzes Leben lang. Man muss dem Kranken einen Wert und eine Bedeutung geben.

Aber setzt das alles nicht voraus, dass wir Leid als etwas zum Leben Zugehöriges anerkennen?


Das Abkürzen ist das Credo unserer Zeit: Wir machen etwas auf die schnellere Methode, denn die langsamere kommt uns ineffizient vor - und ergebnisoffen. Der handhabbare und machbare Tod ist das, was wir heute vorziehen, weil wir wirtschaftlich denken. Es geht mir dabei nicht darum, das Leiden zu glorifizieren oder zu verharmlosen. Kein Mensch möchte leiden. Aber woran leiden kranke Menschen? An dem drohenden Autonomieverlust? Dann muss man soziale Verhältnisse schaffen, die es ihnen ermöglichen, immer noch autonom zu bleiben. In unserer Gesellschaft sterben die Menschen oftmals unter grausigen Bedingungen in Altersheimen. Viele sagen: So möchte ich nicht enden. Das verstehe ich. Statt die Beihilfe zur Selbsttötung zu legalisieren, sollten wir vielmehr in eine menschliche Pflege der kranken und alten Menschen investieren.

Bei Brittany Maynard haben ihr die Ärzte nur noch wenige Monate zu leben gegeben. Rechtfertigt eine solche Diagnose den Schritt, das Leben zu beenden? Immerhin hat es immer wieder Fälle gegeben, bei denen die Lebenserwartung überraschend länger war als zuvor angenommen.


Ich halte es generell für ein Unding, wenn Ärzte in solchen Lagen unvorsichtig mit Zahlen hantieren. Ich finde, sie müssen bescheiden bleiben mit dem, was sich über die Zukunft sagen lässt. Und dennoch kommt dem Arzt eine enorm wichtige Rolle zu: Er ist der erste, der mit einem Patienten über einen solchen Zustand spricht. Wenn er dann mehrere Optionen gleichsam aus dem Portfolio zieht - Palliativmedizin oder assistierter Suizid - ist das eine falsche Botschaft. Er muss verdeutlichen, was dem Kranken bevorsteht, aber auch welche Potenziale noch immer da sind und dass nicht alle Möglichkeiten des Lebens durch einen unheilbaren Tumor verwirkt sind.

Nach einer aktuellen Allensbach-Umfrage spricht sich eine Mehrheit der Deutschen dafür aus, die aktive Sterbehilfe für unheilbar kranke Menschen zu erlauben. Die Akzeptanz ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Wie erklären Sie sich das?


Die Akzeptanz war immer schon sehr hoch, was damit zusammenhängt, dass die Menschen Angst vor dem Sterben haben und sich zumindest die Möglichkeit des assistierten Suizids offenhalten wollen. Es wird allerdings verkannt, dass unsere Gesellschaft sich ab dem Moment verändert, ab dem man die Beihilfe zur Selbsttötung legalisiert als eine normale Option anbietet. Wenn Gesetz wird, was eigentlich nur für den Extremfall gedacht war, ist es nicht mehr selbstverständlich, dass man sich um alte und kranke Menschen kümmert. Je mehr wir in eine Gesellschaft hineinschlittern, in der das Leben grundsätzlich abwählbar ist und die Lebenszeit in der Gebrechlichkeit als überflüssige Lebenszeit wahrgenommen wird, desto normaler wird auch folgender Gedanke: sich für das frühzeitige Sterben zu entscheiden, um anderen etwas zu ersparen.

Was wäre aus Ihrer Sicht ein guter Tod? Und wie können wir ihn Menschen ermöglichen, die todkrank sind?


Es ist wichtig, dass der Mensch als wertvoller Mensch stirbt. Dass er Bedeutung hat, auch wenn er gebrechlich ist und im Bett liegt. An dieser Anerkennung mangelt es. Wir müssen mehr in Pflege investieren, damit Pflegekräfte nicht nur waschen, sondern auch Beziehungen zu den Menschen aufbauen können. Im Grunde ist ein würdiges Sterben ein Sterben in Beziehungen.

Was leistet die Palliativmedizin? Reicht das aus?


Die Palliativmedizin kann sehr viel leisten, da sie ganzheitlich betreut und Schmerzminderung in ihrem Mittelpunkt steht. Wir machen allerdings einen großen Fehler, wenn wir glauben, dass die Palliativmedizin allein die Antwort auf alle diese Fragen sein kann. Das ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft.

Jeder Mensch wünscht sich einen würdevollen Tod. Wie kann ich selbst vorsorgen?


Das Wichtigste ist, mit den nächsten Angehörigen über diese Fragen zu sprechen. Nicht nur auf Formulare zu setzen, sondern klar festzulegen, wer Betreuer sein und die Vollmacht erhalten soll. Die schwierigen Fragen, die am Lebensende auftauchen können, sind nicht alle vorhersehbar. Wir können nicht sagen, in welche Situationen wir eventuell kommen. Was soll bei der nächsten Lungenentzündung passieren - behandeln oder nicht? In einer Patientenverfügung lassen sich nicht alle Eventualitäten festschreiben, auch hier müssen wir in Beziehungen investieren. Ich rate jedem, die Person zu benennen, die im Dialog mit dem Team im Ernstfall sicherstellt, dass nur das getan wird, was für einen selbst annehmbar und sinnvoll ist.

2015 soll der Bundestag über ein Verbot oder eine Regulierung der Beihilfe zum Suizid entscheiden. Wird die Debatte darüber offen genug geführt?


Ja, sie wird offen geführt, aber immer auch mit rhetorischen Mitteln. Das ist das Problem. Brittany Maynard ist ein Beispiel dafür, wie man mit der Vorführung von Extremen eine allgemeine Regel begründen will. Wir müssen in der Debatte allerdings mehr über die alten und kranken Menschen in den Heimen sprechen und uns weniger auf extreme Beispiele fokussieren. Wir sollten nicht so tun, als würde die Herausforderung des guten Sterbens allein durch eine rechtliche Verankerung des assistierten Suizids gelöst.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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