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Im Dschungel der Wunderheiler

Was raten Alternativmediziner Krebs-Patienten, deren Krankheit durch eine einfache Operation heilbar wäre? Der stern hat 20 Heilpraktiker und Ärzte besucht - mit erschütterndem Ergebnis.

Von Bernhard Albrecht

  Autor Bernhard Albrecht und Schauspielerin Katja, die vorgibt, Brustkrebs zu haben, warten auf eine Beratung.

Autor Bernhard Albrecht und Schauspielerin Katja, die vorgibt, Brustkrebs zu haben, warten auf eine Beratung.

Die Praxis von Dr. med. John Switzer hat nichts mit dem gemein, was man sich unter einer Arztpraxis vorstellt. Eine Sprechstundenhilfe, ganz in rot und mit Goldketten behängt, sitzt in einem Kabäuschen, das mit Postern zugeklebt ist: "Wildkräuter-Jahreskalender", "quantec - Medizin aus der Zukunft". Im engen Wartezimmer herrscht Durcheinander, auf dem Boden stapeln sich Pakete mit Gemüsemixern, in der Ecke steht ein Schrank voller Aktenordner, leicht zugänglich für neugierige Blicke, ebenso wie die Rechnungen, die am Fensterbrett gesammelt werden.

Wir sind hier, weil Switzer uns in einer Frage beraten soll, die über Leben und Tod entscheiden kann: Ja oder nein zu einer Brustkrebs-Operation. Switzer, spezialisiert auf Homöopathie und Ayurveda, ist Nummer fünf auf einer Liste mit 20 Heilpraktikern und alternativmedizinisch tätigen Ärzten, die von sich behaupten, auf Krebs spezialisiert zu sein. Wir haben sie auf einer Reise durch Deutschland getestet. Meine Begleiterin heißt Katja und ist eine Schauspielerin. Für dieses Rechercheprojekt treten wir als Paar auf.

Katja ist nicht wirklich krank. Ihre Befunde stammen von einer anderen Patientin, bei der ein kleiner, jedoch sehr aggressiver Tumor in der Brust entdeckt wurde. Ein auf Brustkrebs spezialisierter Facharzt würde zwei Dinge daraus lesen. Erstens: Diese Frau muss sofort operiert werden, sonst riskiert sie ihren baldigen Tod. Zweitens: Mit optimaler schulmedizinischer Therapie liegen ihre Chancen bei mehr als 95 Prozent, auch nach zehn Jahren noch krebsfrei zu sein. Wir stellen allen Therapeuten die gleichen Fragen: Können sie die Befunde lesen? Wie stehen sie zu Schulmedizin und Operation? Welche Therapien schlagen sie vor?

Switzer ist ein Mann um die 50, groß und schlank, er spricht Deutsch mit charmantem amerikanischen Akzent. Unseren Befund überfliegt er nur kurz, dann mustert er Katja über den Oberrand seiner Lesebrille. "Sie haben den Tumor geärgert, indem Sie eine Probe daraus haben entnehmen lassen", sagt er. "Wenn Sie meine Schwester wären, hätte ich Ihnen das nicht geraten." Denn so steige das Risiko, dass der Krebs im Körper streue. Deshalb sei auch die Operation so gefährlich. Katjas Krebs beurteilt Switzer als wenig gefährlich, er sei "eingekapselt", könne also nicht in den Körper streuen. Damit liegt er falsch. Er hätte genauer lesen sollen, im Befund eines Instituts für Pathologie steht "invasiv", was bedeutet: Der Krebs wächst ins Gewebe und streut.

Ayurveda-Kur statt Operation

Statt zur Operation rät Switzer zu einer einwöchigen Ayurveda-Kur in einem Hotel am Ort, in dem er Zimmer gemietet hat. Die Ernährung müsse sofort umgestellt werden, künftig solle Katja jeden Tag Wildkräuter am Wegesrand sammeln und sich daraus Smoothies mixen. Dazu ein bisschen Homöopathie, ein paar Nahrungsergänzungsmittel aus den USA, die praktischerweise gleich in der Praxis käuflich zu erwerben sind. So könne der Krebs besiegt werden. Kräutersammeln und Mixen kosteten zwei Stunden jeden Tag, aber der Aufwand lohne sich, sagt Switzer. So habe er damals, vor sieben Jahren, auch Ralf Brosius geheilt, der mit Lungenkrebs im Endstadium zu ihm gekommen sei.

Heilungsmythen – wir haben viele davon gehört auf unserer Reise durch die wundersame Welt der Alternativmedizin. In manchen Fällen hakte ich genauer nach, wollte wissen, ob wir mit den Geheilten sprechen konnten. Die meisten Therapeuten machten dann Rückzieher, sagten, sie wüssten die Namen nicht oder hätten keine Kontaktdaten mehr. Nicht so Switzer.

Seinen früheren Patient Ralf Brosius kann jeder finden, denn Brosius hat einen Bestseller über seinen Weg zur Heilung geschrieben vom "metastasierenden Lungenkrebs im Endstadium". So wie sein Arzt vertreibt auch er Nahrungsergänzungsmittel und Gemüsemixer, hält Vorträge, tingelt durch Talkshows wie Menschen bei Maischberger. Ein drahtiger Mann, dem die Vitalität und Energie nur so aus den Augen sprüht. Kaum vorstellbar, dass er gleichsam schon auf dem Sterbebett lag, der Körper übersät mit Tochtergeschwülsten. Wenn es stimmt, würde das meine oft kritische Haltung zur Alternativmedizin ins Wanken bringen. Es wäre ein Wunder.

Doch oft halten angebliche Wunderheilungen einer genauen Überprüfung nicht stand, weiß ich vom Facharzt für Krebsmedizin Herbert Kappauf, der mehr als zwanzig Jahre das Phänomen der Spontanheilungen erforschte und auch einen Bestseller geschrieben hat, den ich auf unserer Recherchereise in den Regalen vieler Alternativmediziner fand: "Wunder sind möglich". Heute, viele Jahre später, weicht Kappauf allen Journalistenanfragen aus und bekommt nahezu täglich Anfragen von verzweifelten Krebspatienten. "Sie kennen nur den Titel des Buches, aber leider nicht den Inhalt – und haben völlig unrealistische Vorstellungen davon, was ich auszurichten vermag." Kappauf zufolge sind Heilungen, die sich nicht durch erwiesenermaßen wirksame Therapien erklären lassen, ein äußerst seltenes Ereignis, bei den meisten Krebsarten treten sie in weniger als einem von 100.000 Fällen auf.

Mit diesem Wissen habe ich mich entschieden, den Fall Ralf Brosius überprüfen zu lassen und – weil ich selbst in der Praxis bekannt bin – die Wissenschaftsjournalistin Christiane Hawranek gebeten, dies zu übernehmen. Sie hat zumindest eines mit Dr. John Switzer gemein: eine erkennbar kritische Haltung zu den üblen Machenschaften der Pharmaindustrie. Beide würden sich gut verstehen. Wurde also Ralf Brosius, wie er selbst behauptet, durch Wildkräuter von Krebs geheilt? Das Ergebnis von Hawraneks Recherchen finden Sie hier.

Ich habe alles ernst genommen, was mir die Therapeuten erzählten, bin vielen Spuren hinterhergegangen. Auch habe ich nachgeforscht, ob es stimmt, dass Krebsoperationen gefährlich sind und das Tumorwachstum erst recht befeuern. Es stimmt! Manchmal! Aber Switzer irrt trotzdem!

Aus der Ausgabe 28/2014 des stern. Darin auch: Das erschütternde Ergebnis unseres Tests an 20 Alternativmedizinern.

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