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Anwalt im Interview: Was Krebspatienten bei Alternativtherapien beachten sollten

Krebspatienten können frei entscheiden, sich ausschließlich alternativmedizinisch behandeln zu lassen. Wächst der Krebs, sind Schadensersatzansprüche oft schwer durchzusetzen. Ein Anwalt klärt auf.

Tim Neelmeier ist Anwalt in der auf Medizinrecht spezialisierten Anwaltskanzlei Ulsenheimer und Friedrich.

Tim Neelmeier ist Anwalt in der auf Medizinrecht spezialisierten Anwaltskanzlei Ulsenheimer und Friedrich.

Herr Neelmeier, eine Operation bei Krebs im Frühstadium kann lebensrettend sein. Machen sich Alternativmediziner strafbar, wenn sie trotz bester Heilungsaussichten davon abraten?
Grundsätzlich ja, aber der Teufel steckt im juristischen Detail. Drei Personengruppen sind zu unterscheiden: Wer als "Wunder- oder Geistheiler" auftritt, betreibt ein Gewerbe und muss seine Kunden lediglich deutlich darauf hinweisen, dass die angebotene Behandlung eine ärztliche Therapie nicht ersetzen kann. Die Ausübung von Heilkunde ist hingegen dadurch gekennzeichnet, dass sie medizinische Fachkenntnisse erfordert und Gesundheitsschäden verursachen kann. Sie ist deshalb nach deutschem Recht Ärzten und Heilpraktikern vorbehalten.

Was muss ein Arzt beachten, wenn er Krebs alternativmedizinisch behandeln will?
Falls er sich aufgrund der vorliegenden Befunde noch kein umfassendes Bild von der Krankheit machen kann, muss er die Patientin an einen Onkologen überweisen, damit Befunderhebung und Diagnostik nach aktuellen onkologischen Standards erfolgen kann. Falls schon alle Befunde da sind, muss er über die zur Wahl stehenden Behandlungsmethoden aufklären und dabei auf wesentlich unterschiedliche Chancen und Risiken alternativer Heilmethoden hinweisen.

Und wann macht er sich strafbar?
In rechtlicher Hinsicht kommt es insbesondere auf den Kausalitätsnachweis an. Behandlungsfehler sind in Deutschland straflos, solange nicht der sichere Nachweis gelingt, dass der Patient gerade aufgrund dieses Fehlers einen Schaden erlitten hat. Die Staatsanwaltschaft muss also bei Verdacht auf fahrlässige Tötung zunächst einen Sachverständigen mit der Frage beauftragen, ob der jeweilige Patient bei schulmedizinischer Behandlung sicher überlebt hätte.

Dieser Nachweis ist bei Krebs oft schwer zu führen....
Genau. Es wird umso schwieriger, je später im Krankheitsverlauf der Alternativmediziner aufgesucht worden ist. In Ihrer Reportage war die Patientin in Wahrheit glücklicherweise gesund, so dass die von Ihnen geschilderten Fälle keine strafrechtlichen, sondern allenfalls berufsrechtliche Konsequenzen haben könnten.

Viele Alternativmediziner betonten die Eigenverantwortung der Patientin und lassen sich dies auch unterschreiben. Welchen rechtlichen Hintergrund hat das?
Das müssen Sie die jeweiligen Mediziner selbst fragen. Denn wie schon erwähnt, können sie sich nicht freizeichnen von der Pflicht zu standardgerechter Diagnostik und Alternativenaufklärung. Wenn der Patient allerdings korrekt aufgeklärt ist, dann steht es ihm letztendlich frei, sich in Kenntnis aller damit verbundenen erhöhten Risiken für eine alternative Behandlungsmethode zu entscheiden. Wer als Arzt bereit ist, vom Facharztstandard abzuweichen, der tut gut daran, sich einen solchen Entschluss des Patienten mitsamt der vorangehenden Aufklärungsinhalte unterschreiben zu lassen.

Und eine solche Unterschrift bedeutet einen Blankoscheck für den Arzt?
Nein. Die Grenze der einwilligungsfähigen Behandlungen wird durch das Merkmal der Sittenwidrigkeit bestimmt. Was die Gerichte im Einzelfall als sittenwidrig ansehen, lässt sich nicht völlig sicher vorhersagen. In der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs hat sich in den vergangenen Jahren das Merkmal der "konkreten Lebensgefahr" als Dreh- und Angelpunkt herauskristallisiert. Einwilligungen sind spätestens dann unwirksam, wenn der Krebs bereits in einer lebensbedrohlichen Weise fortgeschritten ist, eine schulmedizinische Behandlung jedoch erfolgversprechend wäre.

Unterliegen Heilpraktiker anderen Beschränkungen als approbierte Ärzte?
Auch Heilpraktiker üben Heilkunde aus und bedürfen daher der behördlichen Erlaubnis zur Berufsübung. Auch für sie gilt, dass sie sich nur dann auf den Willen ihrer Patienten zu alternativmedizinischer Behandlung berufen können, wenn diese über Diagnose und Therapieoptionen Bescheid wissen, also aufgeklärt worden sind. So hat der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg vor wenigen Jahren den Entzug einer Heilpraktikererlaubnis gebilligt, weil der Betreffende seiner Patientin von dringend notwendiger ärztlicher Hilfe abriet trotz offensichtlich katastrophalem Verlauf einer metastasierenden Brustkrebserkrankung.

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Interview: Bernhard Albrecht
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