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Schnaps: Klar! Kurz! Knallt! – Warum Korn zu Recht eine Renaissance feiert

Lange unter dem Tisch gehandelt wird aus der einstigen Bückware plötzlich ein urbaner Klassiker: Korn ist zurück in den Gläsern. Dabei war der knackige Klare unter den Kurzen nie wirklich weg. Ein promillehaltiges Erinnerungsstück.

Von Ingo Scheel

Eine Frau trinkt einen klaren Schnaps

Einst das Lieblingsgetränk einer ganzen Generation, inzwischen als vermeintlicher Billigfusel verschmäht: Korn. Nun soll er eine Renaissance feiern.

Picture Alliance

Es gibt so E-Mails, da erschließt sich die wahre Bedeutung erst im zweiten, dritten Überfliegen der Zeilen. "Hast du nicht Lust, für uns etwas über Korn zu schreiben?", erreicht mich da die Anfrage aus der Redaktion. "Korn?", denk ich. Klar! Also, nicht "klar" im Sinne von farblos, sondern "klar" im Sinne von: Na logisch. Aber lassen wir das. Ich denke, es wird klar, was ich meine. Korn also. Die Redaktion fragt an und kennt natürlich ihre Pappenheimer. Dschungelcamp. Bachelor. Bachelorette. Mailt doch mal den an. Korn ist zurück. Müsste man mal was drüber machen. Fragt doch mal den Scheel. Sei es drum.

Und es ist ja nicht so, dass da nicht umgehend die Erinnerungsglöckchen ganz hibbelig klingeln. Als Steppke ist Korn für mich vor allem etwas, das es vor den Senioren zu verstecken gilt. Wenn Opa vom Kegeln nach Hause kommt und die nassesten Küsse der Welt verteilt, hat Omma den Oldesloer vorsorglich in Backaroma-Behältnissen, Apollinaris-Flaschen oder hinter der Buchreihe in der Schrankwand versteckt. Nützt alles nichts, Opa Heinz ist Überzeugungstrinker, irgendwann wird Omchen weich. Es gibt noch ein paar Kurze, Omma bekommt noch ein Küsschen oder zehn und wir gucken alle zusammen "Väter der Klamotte".

Ingo Scheel und sein Opa, 1978

Opa Heinz und meine Wenigkeit, 1978. Er war Überzeugungstrinker.

Während Opa auf Oldesloer schwört, Doppelkorn natürlich, brennt sich mir vornehmlich eine Fernsehwerbung für das Kornkurrenz-Produkt Doornkaat in mein Grundschüler-Hirn. In Großaufnahme wird da ein Schnapsglas gezeigt, aus einem Flaschenhals ergießt sich der Korn bis kurz vor den Rand, immer weiter, aber weder wird das Glas randvoll noch läuft es über. Es wird in einer Art Loop gekippt und gekippt und gekippt – das Schnapsglas jedoch ist immer optimal gefüllt. Welch Symbolkraft, welche metaphysische Tiefe. Andernorts wird uns mit Chantré und Düschardeng frankophiles Laissez-Sauf am Kamin vorgegaukelt, aber das ist natürlich alles Mumpitz. Der große Klare führt ein stilles, ein souveränes Regiment. Der Norden klart auf. Und nicht nur der.

Wir feierten Korn-Ouzo-Tequila-Abende – "K.O.T."

Nach den vorjugendlichen Augenzeugen-Erlebnissen mehren sich in den Wirren der Pubertät die Erfahrungen aus nächster Nähe. Auf Punk-Treffs nippen wir aus Karlsquell-Dosen das obere Drittel ab und füllen mit Korn auf. Dem Knallen zugeneigte Lehrer an meiner Schule lagern Korn-Vorräte in den gekachelten Schränken des Chemiesaals. Im Underground-Club unserer Stadt werden Korn-Ouzo-Tequila-Abende gefeiert, "K.O.T." das marketingtechnisch durchaus gewagte Kürzel für diese im ewigen Erinnerungsnebel verschwundenen Abende. Dabei ist die Worthälfte "K-o" nicht nur untertrügerischer Vorbote späterer Geisteszustände, nein, sie taugt auch vorzüglich zum Verbau von Kneipen-Kürzeln: Fako (Fanta-Korn). Koko (Kola-Korn). Kobra (Korn-Brause). Und für die Exoten gibt es den unvergessenen Dithmarscher Sunrise.

Korn als solcher ist – sieht man einmal von seinem Wirkungsgrad ab – dabei von so zurückhaltendem Charakter, so geschmacklos, konturlos, pragmatisch-promillig, das viel mehr Raum bleibt für die eigene Fantasie als bei den aromatisch überladenen Konkurrenzprodukten in Likörnähe. Korn regt an. Und es sind vornehmlich die sparsam industrialisierten Landstriche, die von jeher diese schlichte Schönheit des Wirkungstrinkens zelebrieren, die heuer eine Art urbane Renaissance erlebt.

Einst gab Korn den Ton an

Einst existierten ganze Landstriche, in denen es weder Gin noch irgendetwas anderes aus dem -Segment gab. In der Adventszeit schmückte man dort die Bäume im Vorgarten mit leeren Kornfläschchen, Blumensträuße zierten leergetrunkene Strothmann-Flaschen. In Fockbek bauten zwei hiesige Kornaisseure die Rendsburger Hochbrücke aus Kornflaschen nach. In einigen Orten gab es in den Wochen vor dem Fest der Liebe zuweilen Korn-Rationierung – Höchstabgabe eine Sechser-Kiste pro Person. Ganze Großfamilien wurden in Korn-Kohorten aufgeteilt, um den ausreichenden Füllpegel des heimischen Kornspeichers für die Zeit zwischen den Jahren sicherzustellen. Andernorts baute man sich der Einfachheit halber, wie vor Jahren in Tellingstedt dokumentiert, gleich den Weihnachtsbaum aus Kornflaschen in den Vorgarten.

Schlicht! Schickert! Schönes Ding!

Nun also die Renaissance eines nie wirklich Weggewesenen. Allein Heinz Strunks Erfolgsroman "Der Goldene Handschuh" und dessen Huldigung des Fako dürfte das Bruttosozialprodukt in den Kornkammern des Nordens spürbar in die Höhe getrieben haben. Aber nicht nur dort, wo immer schon dem Klaren zugesprochen wurde, schenkt man vermehrt nach. Auch in den Hipsterbars der Nation hat man Korn wiederentdeckt, preisen Bartender mit Dutt und Slimfit-Schürze die Vorzüge des großen Klaren: Schlicht! Schickert! Schönes Ding! Dabei brechen sich auch hier die postmodernen Auswüchse Bahn und versuchen sich an Updates für Craft-Käufer. Die Sehnsucht nach dem Einfachen erfüllen aber immer noch die Traditionalisten unter den Körnern am besten.

Keine Getränkebezeichnungen, die wie Decknamen für russische Spione klingen, nach Kopulation an fremden Gestaden oder Kneipennamen von "Goodbye Deutschland!"-Kandidaten. Nein, die Kraft liegt in der Kürze, vier Buchstaben, unmissverständlich wie auf Fingerknöchel tätowiert: K-O-R-N. Korn. Ist klar.

(Danke an Sven Herwig für Recherche-Unterstützung, der nächste Korn geht auf mich!)


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