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"Wetten, dass ..?" vs. "Das Supertalent" Das Show-Duell um den Samstagabend


Thomas Gottschalk und Dieter Bohlen kämpften um die Gunst der TV-Zuschauer. Bei der jungen Zielgruppe lag "Das Supertalent" klar vor "Wetten, dass ..?" Wer war insgesamt König des Abends und wer der Narr? Für unsere Autoren Katharina Miklis und Ingo Scheel waren die Grenzen fließend.

Früher regierten Joachim Fuchsberger und Hans-Joachim Kulenkampff den Samstagabend, doch die Zeiten sind längst passé. Inzwischen steigen Thomas Gottschalk und Dieter Bohlen um die Gunst der Zuschauer in den Ring. Wo damals harmlose Witze und Spiele für Unterhaltung sorgten, gehen heutige Shows bis an die Grenzen des guten Geschmacks - und manchmal auch darüber hinaus. Die Fersehzuschauer in der Altersgruppe 14 bis 49 Jahre haben einen klaren Sieger mit ihrer Fernbedienung gewählt: "Das Supertalent" hatte im Schnitt 4,15 Millionen Zuschauer, "Wetten, dass ..?" lediglich 2,96 Millionen. Insgesamt konnte der ZDF-Dinosaurer allerdings den Gesamtsieg einfahren: 9,5 Millionen haben sich die Gottschalk-Show angeschaut, bei RTL sahen 7,19 Millionen zu.

Auch die stern.de-Autoren Katharina Miklis und Ingo Scheel verbrachten den Abend vor der Glotze und haben sich "Wetten, dass ..?" und "Das Supertalent" angeschaut. War es ein TV-Krieg der Spitzenklasse oder verschwimmen langsam die Grenzen zwischen öffentlich-rechtlichem und Privatfernsehen?

"Wetten, dass ..?": Ein Moderator geht baden

Thomas Gottschalk im TV-Krieg. Nach anderthalb Stunden kapituliert er. Aber nicht gegen Dieter Bohlen. Thomas Gottschalk hängt nur mit Badehose bekleidet am Beckenrand des Olympia-Schwimmbeckens in München und ringt nach Luft. "Ich habe die Kontrolle über die Veranstaltung verloren." Laute Buhrufe übertönen seine Japser. Das Publikum ist außer sich: Christine Neubauer will ihre Wettschulden nicht einlösen und vom 7,5-Meter-Brett springen. Und das obwohl Gottschalk es ihr schon vorgemacht hat. Die Schauspielerin verdirbt die Show und steigt nach langem Zaudern wieder hinab - Gottschalk muss es ausbaden.

Es ist die 190. Folge von "Wetten dass ..?" und direkt in der ersten Folge nach der Sommerpause muss sich Thomas Gottschalk mit Quotenkonkurrent Bohlen messen. "Es ist ja schon fast eine Konkurrenz des sozialen Milieus" hatte Thomas Gottschalk im Vorfeld des großen Showduells am Samstagabend gespottet. Und den großen Qualitätsunterschied zwischen "Wetten dass ..?" und Dieter Bohlens "Supertalent" betont. Deswegen wolle man sich bei der Traditionssendung des ZDF auf alte Stärken konzentrieren.

Und dazu gehört belangloses Palaver auf dem Sofa. Daran mangelte es in der Münchener Show weiß Gott nicht. Zunächst zeigten sich die Comedians Michael Mittermaier und Bülent Ceylan weder lustig noch unterhaltsam. Dabei hatte sich Gottschalk gerade von dem Bayern und dem Türken erhofft, seine folgende These zu untermauern: "Diese Sendung ist das beste Beispiel für gelungene Integration: Vor dem Fernseher sitzen Südtiroler und Ostfriesen." Garantiert eine Lesbe sei im Programm, und Assistentin Michelle Hunziker eine "voll integrierte ausländische Arbeitnehmerin". Denn ein bisschen Sarrazin muss auch in "Wetten, dass ..?" sein. Ausgerechnet der Türke konnte sich aber auf dem Sofa ganz und gar nicht integrieren und wurde schnell aufs Oktoberfest abgeschoben.

Konkurrenz in Sachen Sex

Rausgeflogen war zuletzt Katy Perry, und zwar aus der amerikanischen "Sesamstraße", wo man ihre freizügige Perfomance nicht zu schätzen wusste. Für Gottschalk ließ ihr Pailetten-bestickter Badeanzug gerade genug Stoff übrig, um Bohlen in Sachen Sex Konkurrenz zu machen. Ungewohnt züchtig wirkte die Sängerin dann später im Dirndl, das am Ende fast alle von Gottschalks Frauen trugen. Schließlich galt es, dem 200. Oktoberfest zu huldigen. Nur wenige Shows waren so regional geprägt wie die 190. Gottschalk ist Bayer, und so war es ihm ein innneres Oktoberfest, den neuen bayerischen Dirndl-Kult zu pflegen. Sonst hätte das ewige Vollweib Christine Neubauer kaum ihre eigene Kollektion vorstellen dürfen, die außerhalb Münchens wohl nur wenige Zuschauer interessiert. Einzig die dauerquasselnde, affektiert auftretende Hollywood-Actrice Milla Jovovich striff sich keine Tracht über. Stattdessen plapperte sie aus, dass Kollege Orlando Bloom wegen Frau und Kind zuhause geblieben war und nicht, wie der Gastgeber dem Publikum hatte weiß machen wollen, aufgrund eines ominösen Nachdrehs.

Wetten gab es auch noch. Eine war so bizarr, dass sie sich mit den Höhepunkten aus 30 Jahren "Wetten, dass ..?" messen kann. Ein junger Mann aus dem Allgäu machte mit Genick und Achsel Geräusche, die ganze Sätze darstellen sollten. Seinem Kumpel gelang es tatsächlich, das Geknarze und Geflatsche zu dechiffrieren. Das absurde Körperalphabet machte den Allgäuer zurecht zum Wettkönig des Abends.

Furzgeräusche und viel nackte Haut - vielleicht schleichen sich doch mehr "Supertalent"-Elemente in die ZDF-Sendung, als Gottschalk lieb sein dürfte. Oder nimmt er es der Quote zuliebe gar billigend in Kauf? Das würde auch erklären, warum RTL-Comedyfrau Cindy aus Marzahn zum pointenlosen Running Gag der Sendung geworden ist. Beim ZDF bewirbt sie sich per Videobotschaften um Hunzikers Stelle, später blödelt sie im Anschluss an "Das Supertalent" auf RTL, während zeitgleich noch Gottschalks Sendung läuft. Die Grenzen zwischen großer öffentlich-rechtlicher Samstagabendunterhaltung und Privatfernsehgejuxe sind fließend. Von TV-Krieg keine Spur.

Von Katharina Miklis

"Das Supertalent": Auf Rollschuhen in die Hölle

Früher stieg Hans-Joachim Kulenkampff nach langem Fernsehsamstag in einen Mantel, den ihm Butler Martin Jente am Schluss von "Einer wird gewinnen" hinhielt. Eine Spitze von Jente, die Retour vom Kuli, eine letzte Pointe. Abspann. Ab ins Bett. Anno 2010 würde man nach der großen Samstagabend-Show allzu bereitwillig in eine Zwangsjacke schlüpfen, ganz egal, wer sie einem anbietet. Jedenfalls dann, wenn man "Das Supertalent" hinter sich gebracht hat. RTLs Freakshow ging nach dem Topquoten-Start der Vorwoche selbstbewusst gegen "Wetten, dass ..?" ins Rennen und das aufgebotene Ensemble der Eigenheiten hatte es in sich.

Willy Pringnitz eröffnet den Reigen mit einer derart schlechten Jacko-Performance, dass Bohlen beim nächsten "DSDS"-Versuch von Menderes vielleicht sogar die Recall-Karte zieht. Sechs Songs hat der bleiche Mann parat. Einer davon reicht, um Bruce Darnells zartes Händchen auf den Buzzer klopfen zu lassen und das Verdikt zu verkünden: "Das war beschischen". Kurzes Durchatmen, denn schon folgen Simon und Julian, die Akkordeon-Zwillinge. Auf den ersten Blick ganz entzückend. Als die Steppkes jedoch gemeinsam mit einer Stimme sprechen, muss man zwangsläufig an die unheimlichen Zwillinge aus Stephen Kings "Shining" denken. Niedlich geht irgendwie anders, auch wenn die "Bayernpolka" der beiden als schmissige Reminiszenz ans Oktoberfest durchgeht.

Belafontes wunderlicher Cousin

Schlag auf Schlag geht es weiter. Harry Belafontes wunderlicher Cousin lacht wie Krümelmonster, hüpft wie Küblböck und besingt die Verflossene in Zimbabwe. Seine Stimmlage, irgendwo kurz vor Hundepfeifen-Frequenz, dürfte den ersten Schwung Zuschauer zu Tommy Gottschalk getrieben haben. Wer bei RTL bleibt, sieht einen Turmspringer, der aus sieben Meter Höhe in ein Plantschbecken plumpst. Und den kleinen, wirklich niedlichen und gar nicht unheimlichen Olendo, der schlicht und ergreifend nichts vorführen will. Und das auch durchzieht.

Durchziehen ist auch das Credo von Thomas Teige. Der muskelbepackte Hamburger fantasiert entschlossen von "Bruchtests", die er vorführen will. Auf Deutsch heißt das, Frau van der Vaart durchschaut es sofort - er haut schlicht und ergreifend Sachen kaputt. Steine, Bretter, Klötze. Das kracht so ansteckend, dass Sylvie selbst es auch probieren will. Doch ein Backstein ist eben kein Buzzer und so haut sich die Fußballerfrau derart den Handballen kaputt, dass der Notarztwagen kommen muss. Die Sanis untersuchen akribisch, Sylvie schluchzt ein wenig, gebrochen ist aber nichts. Für einen gelben Schein ist das natürlich zuwenig und so muss sie wieder zurück in die Sendung, den Fortgang der Talente-Resterampe miterdulden.

Die "pakistanische Britney Spears"

Andrea und Brigitte zerpfeifen ein Lied von Baccara. Jürgen hat 'nen Schäferhund, der besser rechnet als das Herrchen Hochdeutsch spricht. Und Ausdruckstänzer Ammar aus Lübeck macht nur noch sprachlos, als er sich selbst als "pakistanische Britney Spears" bezeichnet. Nicht zu vergessen Takeshi aus München: Er ist gekommen, um zu singen und nicht nur RTL2-Zuschauer wissen: Wo "Takeshi" draufsteht, ist Hysterie und Wahnsinn drin. Der Wahlbayer macht da keine Ausnahme und schmettert eine nervenzerfräsende Version von AC/DCs "Hell‘s Bells". Die Pellegrinis turnen als Chippendales und selbst die Grazie von Akrobatin Emila hält Bohlen nicht von prekärstem Chauvinismus ab: "Sonst legen sich Frauen, die so geil aussehen wie Du, immer nur hin und machen gar nichts mehr."

Kurz vor Ende der Show dann der ersehnte Paul-Potts-Moment: Michael Hollerbusch guckt unglaublich traurig, ist unglaublich dick und kann unglaublich toll singen. Wenn man denn Joe Cocker mag. Dessen "You are so beautiful" singt der 30-Jährige, trotz Ti-äitsch an der falschen Stelle, so anrührend, dass es in den Augen der Zuschauer ganz glasig wird vor lauter Rührung. Song vorbei, das Doppelkinn bebt. Applaus. Zeitlupe. "Music was my first Love" vom Band. So werden Werbespots für T-Mobile gemacht. Da kann selbst der burschikose Bohlen nicht an sich halten und würde am liebsten eine Zugabe hören. Dafür ist jedoch keine Zeit mehr, schließlich muss Till noch seine Rollschuh-Kunststücke vorführen. Und Stephen Cheno, im letzten Jahr schon in Grund und Boden gepfiffen, will noch einmal Hitlerbärtchen und Bauchspeck präsentieren. Seine Performance heißt "Flugente", fürs Finale reicht es auch diesmal nicht. Abspann. Durchatmen. Im Anschluss bölkt Cindy aus Marzahn durchs Bild. Im ZDF überzieht Gottschalk, unrasiert und mit offenkundig selbst zugefügtem Haarschnitt. Wo bleibt die Jacke?

Von Ingo Scheel

Von Katharina Miklis und Ingo Scheel

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