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HSV bleibt in der Bundesliga: Dino-Liebe mit Leiden

27 Punkte, 0:0, 1:1. Nie zuvor hat sich ein Verein den Klassenerhalt in der Bundesliga derart errumpelt. Der Dino HSV kriecht auf allen Vieren ins Ziel. Und mit ihm stern.de-Autor Ingo Scheel.

Bevor es in das Licht hineingeht, in das weiße Licht, in dem das Jetzt erlischt und das Hier endet, legt sich tatsächlich die Filmspule ein. Szenen laufen vor dem inneren Auge ab. Momentaufnahmen, Blitzlichter, entferntes Stimmengemurmel, Schritte auf der klatschnassen Aschebahn. Irgendwann 1976. Holsteinstadion zu Kiel. Ich stehe an der meterhohen Bande. Der Hamburger SV trägt sein Freundschaftsspiel gegen Rapid Wien in meiner Stadt aus. Es gießt wie aus Eimern. Der Spieler, für den ich da bin: Rudi Kargus. Ich bin seit kurzem Towart in der 2. Knaben von SV Ellerbek. Kargus ist mein Held. Wer aber sitzt auf der Bank? Statt seiner spielt Ersatzmann Kovacic. Ich verbringe 60, 70 Minuten mit Wuttränen in den Augen an der Bande. Bis der Ball mir in die Arme springt, ich ihn dem heranrauschenden Schorsch Volkert entgegenwerfe, der so etwas wie "Danke" murmelt. Und mir den Abend rettet. Der HSV verliert 0:1. Egal.

Anno 2014 sind es keine Freundschaftsspiele, die der HSV verliert. Es sind schlicht fast alle Spiele. Die letzten fünf Spieltage der Saison, als Nürnberg und Braunschweig immer wieder verlieren, zieht das Team mit. Und verliert auch. Am Ende stolpert der Dino, sein Aussterben vor Augen, in die Relegation. Das Hinspiel gegen Greuther Fürth endet 0:0, im Rückspiel macht Lasogga die Führung. Das Team setzt sich kurz danach zur Ruhe. Fürth macht den Ausgleich und drückt. Das Ende ist nah. Das Licht wird weiß und weißer, die Bilder sind wieder da.

Flashback...

Den Titel 1979 erlebe ich bei Onkel Hartmut und Tante Traute vor der Röhre. Tantchen hat Spaghetti gemacht, mit ganzen Champignons in der Sauce, Onkel Hartmut lässt ein Holsten Export springen. Ich knie auf dem Flokati in der guten Stube. So feiert man Titel. Mein erstes Bundesligaspiel im Stadion sehe ich 1980 in Berlin. Mein bester Freund Ralf und ich auf Sportfahrt. Jugendherberge Nähe Gesundbrunnen, unten im Hause eine Diskothek namens "Halloballallo". Am Ku'damm kaufe ich Platten von Hansaplast und Elvis Costello. Später wollen wir uns in eine Peepshow schleichen, aber der Laden hat zu. Im Olympiastadion essen wir Bratwurst und sehen sechs HSV-Tore: Hieronymus, zweimal Reimann, Jakobs, Keegan und Milewski knipsen.

Minipli und Volksparkstadion

Beim Landesmeister-Titel 1983 schauen wir tatsächlich nur mit einem Auge hin. Mein portabler s/w-Fernseher ist winzig, dafür hab ich einen riesigen Flipperautomaten, ein Original aus der Daddelhalle, in meinem Zimmer stehen. Das Teil macht einen Mörderkrach, wir stoppen kurz, als Magath netzt. Wenden uns dann wieder Paderborner Export in Snobbie-Flaschen zu, den Extra-Bällen und den Freispielen. Und der neuen Maxi von Tears for Fears. Es hätte uns jemand sagen sollen, dass demnächst Schicht ist mit den Titeln. Für Jahrzehnte. Ich hätte sicher aufmerksamer zugeguckt. Die 80er laufen fußballtechnisch aus dem Ruder. Meine Fußballschuhe hängen am Nagel. Rudi Kargus ist beim HSV Geschichte. Uli Stein schwingt sich zum würdigen Ersatz auf. Und ist auch bald wieder weg. In einer Nachtwache im Zivildienst sehe ich seinen Haken ans Kinn von Jürgen Wegmann. Sattes Ding.

Anfang der 90er kommen wir gegen Bayern München zu spät ins Stadion. Wir suchen noch nach unseren Plätzen, da netzt Armin Eck für die Raute. 1:0. Der Endstand. Abends geht’s zu Helge Schneider in die Fabrik. Auf der Rückfahrt nach Kiel sitzen wir im Womo hinten drin und rauchen Kräuterzigaretten. Kurz danach sitzt Rudi Kargus am Rothenbaum neben mir. Stich gegen Edberg oder so ähnlich. Kargus trägt immer noch Minipli. Ich überlege ihn anzusprechen und lasse es schließlich bleiben. Der Rest der Dekade im Volksparkstadion: Haribo Colorado. Hareico Stadionwurst. Die Skins oben links unterm Tribünendach. 17.000 gegen Bochum. Tristesse gegen Frankfurt. Randale im Derby. Wir flüchten in Gebüsche. Vor HSV-Fans.

"Spielst du jetzt bei HSV?"

1999 ist mein Patenkind kurz davor, zu Dortmund oder Bayern abzudriften. Wir müssen was tun, sagt sein Vater. Max und ich gehen in die neue Arena, das Dach ist noch nicht drauf. Der Hamburger SV schon. Und wie gut. 5:1 gegen Hertha BSC. Das Kind ist gerettet. Das 4:4 gegen Juve sehe ich in kompletter Länge im Stehen. In meinem Wohnzimmer wohlgemerkt. Beim Tritt gegen den Türrahmen verstauche ich mir den Fuß. Und sonst? Rafi hin, Rafi weg. Werder-Wochen, Trainerwechsel. Wer blinzelt, hat schwupps einen verpasst. In der Saison der Leiden, also - in dieser Saison der Leiden - sehe ich zwei Spiele im Stadion. 4:0 gegen Braunschweig. 2:1 gegen Leverkusen. Welch trügerische Süße. An den anderen Spieltagen trage ich schon nachmittags in der Wohnung ein Trikot. "Spielst du jetzt bei HSV?", fragt mich meine Tochter. Ich beiß mir in die Backe und gehe schnell ins andere Zimmer. Das Kind soll meine Tränen nicht sehen.

Für die Relegation gegen Fürth werden andere Saiten aufgezogen. Beim Hinspiel hat Leidensgenosse Michael Tickets für eine Loge abgestaubt. Pannfisch und Schampus. Dann Bier. Dann wieder Schampus. Und mehr Bier. Nützt nichts. Neben uns steht Bernd Wehmeyer hinter der Scheibe. Fummel schaut das ganze Spiel allein und scheint ununterbrochen Selbstgespräche zu führen. Oder ist es das Knirschen seiner Zähne? Für das Rückspiel ziehe ich mich in den nüchternen Ruch der Redaktion zurück. Links und vor mir Werder-Fans, rechts St. Pauli. Irgendwo nebenan scheint das Fernsehbild früher da zu sein. Jemand jubelt schon, als ich noch zittere. Ende, Gelände. 27 Punkte. 0:0. 1:1. Der Dino hat überlebt. Ich hole mir ein abgelaufenes Becks aus dem Kühlschrank im Druckerraum. Nützt nix. Muss sein. Prost. Auf HSVplus.

Von Ingo Scheel

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