Der Holocaust ist dadurch, dass er auf 622 Seiten nur in zwei, drei Sätzen anklingt, ungeheuer erschreckend. Die Weglassung ist als Stilmittel viel wirkungsvoller, zumindest für meine Generation. Wir haben eine Müdigkeit an diesem Nerv. Ich gebe zu, dass mich nichts mehr erschreckt. Nichts. Vor allem keine Zahlen. Sechs Millionen vergaster Juden: Das ist ein völliges Abstraktum für mich. Mehr als 20 Millionen bestialisch getöteter Russen, insgesamt 55 Millionen Tote im Zweiten Weltkrieg - da versagt die Emotion, das ist nicht mehr vorstellbar.
Nein, sicher nicht. Es gäbe keine Diskussion. Ich glaube sogar, dass vonseiten des Herrn Fest ähnlich lobende Bemerkungen kämen, wie er sie über seinen Autor Jonathan Franzen gemacht hat. Selbstständiges Denken loben wir Deutsche an Autoren aus dem angloamerikanischen Raum. Doch wenn hierzulande jemand nur ein bisschen über die Grenze des Erlaubten hinausdenkt, selbst in der Belletristik - dann fällt man über ihn her.
Sie betreffen nur das Dritte Reich. Wir können über alles offen reden in Deutschland, doch wenn es um dieses Thema geht, werden bestimmte Pawlowsche Verbalreflexe abverlangt: mehr Bezug zum Grauen, Betroffenheitsgebärden, explizite Darstellung der Nazibrutalität. Doch diese Sorte Ablasszettel schreibe ich nicht. Es können Verbrechen nicht vergeben oder relativiert werden dadurch, dass man sie aus Rücksicht auf politische Korrektheit immer wieder darstellt und nacherzählt. Ich glaube, dass es wichtig ist, das Dritte Reich unter dem Blickwinkel der Verführung und Verblendung zu sehen.
Ich möchte das Private durchleuchtet haben, so wie ich es in meinem Buch getan habe. Mich interessiert die Psychologie von Wissenschaftskarrieristen, die nichts mit den hohen Militärs zu tun hatten. Ich will ja gerade nicht, dass das Dritte Reich oder die Lehren, die man daraus ziehen könnte, durch die hergebrachte Art von Aufarbeitung immer mehr in Vergessenheit gerät. Denn ich glaube nicht, dass die Bilder, die wir bisher kannten, ausreichen, um das Phänomen Drittes Reich mit all seinen Schrecken nachfühlbar zu machen.
Ich benutze die Pornografie als poetische Metapher, um das Phänomen vollständig zu erfassen. Ich zeige den Intimitätsverlust und die Perversion, die der Faschismus beinhaltet. Ich glaube, dass ich das auf meine Art besser mache als etwa der ZDF-Filmemacher Guido Knopp, der einfach nur den Militarismus abfeiert. Mich befremden diese Bilder, ich schaue sie mir an und denke: Die marschieren an mir vorbei.
Ich nehme es in Kauf, wenn man mir nachweisen sollte, dass ich falsch liege. Es ist wichtig, dass sich jemand traut, eigene Gedanken zum Weltgeschehen zu formulieren, und zwar jemand, der einen deutschen Pass hat und Sätze formuliert, die nicht hundertprozentig konform sind. Meinetwegen soll die deutsche Öffentlichkeit ihren Stab über mich brechen - aber erst, wenn der Roman erschienen ist. Doch wir müssen in der Lage sein zu sagen: Das Dritte Reich war mehr als Stalingrad und Auschwitz. Es gibt so viele Ebenen, die unterbelichtet sind. Das war ja für mich das Absurde an diesem Fund: Pornos im Dritten Reich!
Es hat mich irritiert, dass Pornos gedreht wurden unter einem Regime, das Sexualität total unterdrückte. Nur wenige wussten, dass es solche Filme gab. Ich war beim Bundesfilmarchiv - die kann es nicht geben, hieß es dort. Man wusste von Filmen, die Goebbels selbst in Auftrag gegeben hatte, Nackedei-Filme, wie der Herr vom Archiv es nannte. Er fragte noch nach: Sie meinen mit Penetration? Ich habe sehr viel über die Filme recherchiert, habe eine Darstellerin im Altersheim besucht und immer mehr Details herausgefunden.
Das ist nicht bewiesen, doch alle Indizien sprechen dafür. Und Soldaten des Afrikacorps haben mir bestätigt, dass die Berber ihnen für Nacktpostkarten Trinkwasser, Treibstoff, ja sogar tunesischen Wein besorgt haben. Für die Filme gab es auch ein anderes Publikum. In Deutschland traf sich allerlei junge Naziprominenz am Starnberger See und in Berchtesgaden, feierte dekadente Partys und hörte Swing. Diese Leute waren nur mit sich und ihrer Selbstverwirklichung beschäftigt, ihrem Streben nach Glück, das in diesem System immer perverser wurde.
Vielleicht stellt sich ja am Ende der Debatte heraus, dass ich im Grunde ein bis in die Tiefe meines Wesens verletzter Moralist bin, der mit aller Kraft zurückschlägt.
Interview: Oliver Link