Gegenentwurf zum klassischen Buchverlag

7. Oktober 2010, 11:04 Uhr

Literaturportale im Internet bringen Texte direkt zum Leser. Autoren können ganz ohne Verlag ihre Werke veröffentlichen. Verlage nutzen solche Plattformen, um neue Autoren zu finden. Die "community" ist Autor und Leser, Lektor und Kritiker zugleich.

Mit Papierfliegern wirbt Droemer Knaur auf der Frankfurter Buchmesse für das jüngste Kind der Verlagsgruppe: neobooks, eine Literaturplattform im Internet, auf der Autoren kostenlos ihre Texte veröffentlichen können. Die Münchner sind das erste große Verlagshaus, das auf einen Zug aufspringt, der bisher vor allem im verlegerischen Untergrund verkehrte.

Denn Autorenportale wie der keinVerlag.de (Motto: "lebendig.unabhängig.kostenlos") verstehen sich eher als Gegenentwurf zum klassischen Buchverlag, den die überwiegende Zahl der Schreibenden vor allem von den Ablehnungsschreiben kennt. Die Buchmesse hat in diesem Jahr zum ersten Mal für solche Anbieter einen Gemeinschaftsstand organisiert. Für Projektleiterin Caroline Vogel sind Literaturportale in erster Linie "ein spannendes Experimentierfeld für Autoren". Verlage sähen solche Portale nicht als Konkurrenz, eher als Bereicherung - sie fänden damit Zugang zu den alternativen Literaturszenen der Poetry Slams und Internet-Blogs.

"Solche Portale funktionieren wie eine Art "myspace" für Bücher", erklärt der Jacob Nomus, der zwei Romane beim Autorenportal BookRix veröffentlicht hat. Bevor die Bücher in Druck gingen, haben andere Mitglieder der Plattform ihm beim Schreiben geholfen: "10 000 Leute haben mein Profil angesehen, 7000 haben meinen Roman gelesen und 1000 haben dazu Kommentare abgegeben", berichtet der Autor.

epubli (Motto: "Selbst ist der Verlag") ist nicht nur eine Plattform für "selfpublishing", sondern bietet zugleich "print on demand". Die Autoren können ihre Texte also nicht nur online publizieren, sondern auch beliebig viele Exemplare drucken lassen. Für 19 Euro bekommt man sogar eine ISBN-Nummer. "Wir wollen möglichst viele der Mittelsmänner ausschalten, die sich seit Erfindung des Buchdrucks zwischen den Autor und den Leser gequetscht haben", erklärt Geschäftsführer Jörg Dörnemann.

"Wir grasen solche Portale systematisch ab", sagt Andrea Reiser, die für die Literaturzeitschrift eXperimenta arbeitet. "Wenn uns Texte gefallen, schreiben wir die Autoren an und fragen sie, ob sie bei uns veröffentlichen wollen." Auch Buchverlage interessieren sich durchaus für diese Szene, wie man am Engagement von Droemer Knaur sieht. "Für uns ist das eine neue Form der Akquise", meint Ina Fuchshuber, die Leiterin von neobooks (Slogan: "Wir entdecken die Bestseller von morgen"). Im Internet publizierten viele Autoren, "an die wir als Verlag gar nicht mehr rankommen".

Gerade junge, hippe, trendige Schriftsteller kämen oft gar nicht mehr auf die Idee, ein gedrucktes Manuskript an einen Verlag zu schicken. neobooks sei der Versuch, "dorthin zu gehen, wo die Autoren der Zukunft zu finden sind" und das sei eben das Internet. Verlage nutzen solche Portale auch, um die Marktchancen für Printexemplare auszuloten: Wie beim Mini-Verlag EPIDU (Motto: "Wir machen Autoren") bestimmen auch bei neobooks die Leser das Verlagsprogramm mit. Die Leser bewerten die von den Autoren angebotenen Texte - die Sieger werden am Ende real gedruckt oder zumindest als E-Book verlegt.

Die "community" solcher Portale ist Leser, Lektor, Kritiker und Autor in einem. Die Mitglieder bewerten ihre Texte nicht nur gegenseitig - manchmal schreiben sie auch gemeinsam daran weiter. "Poiesipedia" ist gerade drei Tage alt und daher noch ein Online- Baby. Mit Hilfe der Leser/Autoren soll eine "fantastische Enzyklopädie" aus erfunden Einträgen entstehen, eine Art poetischer Gegenentwurf zu Wikipedia.

Der Papierflieger von neobooks passt gut: Ob Autoren, die Literaturportale als Startbahn nutzen, literarisch abheben oder auf dem Bauch landen - das entscheiden nicht mehr allein Verlage, sondern immer häufiger auch die Leser.

Kultur


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