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Interview

Bayern-Coach Carlo Ancelotti: "Ich möchte als Trainer nicht über den Spielern stehen"

Am Abend spielt der FC Bayern beim FC Schalke. Der neue Bayern-Coach Carlo Ancelotti ist ein Gegenentwurf zu Pep Guardiola: ein sinnenfroher Mensch, der die Nähe seiner Profis sucht. Nur sollte man seine Vertraulichkeit nicht mit Schwäche verwechseln. Wer so arm aufwächst, weiß, was Härte ist. Das stern-Interview.

Von Giuseppe Di Grazia

Carlo Ancelotti beim FC Bayern München: "Es ist immer einfacher, Weltklassespieler zu trainieren."

Carlo Ancelotti beim FC Bayern München: "Es ist immer einfacher, Weltklassespieler zu trainieren."

Herr Ancelotti, Sie sind einer der erfolgreichsten Trainer der Welt, aber einer mit einem sehr ungewöhnlichen Führungsstil.

Wirklich?

Na ja, in Ihrem Buch* schreiben Sie: „Ich vertraue auf die Menschen, auf meine Beziehung zu ihnen. Autorität erhält ein Chef durch Respekt und Vertrauen und nicht durch Angst.“ Die meisten Ihrer Kollegen setzen auf Gehorsam und manche auch auf Angst.

Ich glaube, dass man das wird, was man selbst erfahren hat. Ich hatte von früh an Lehrer, Trainer, die mich mit ruhiger Hand geführt haben. Aber vor allem wurde mein Charakter von meinem Vater geprägt. Auch er hat mich nie gezwungen, etwas zu tun, was ich nicht wollte.

Aber Sie hatten doch auch Schleifer als Trainer. Wie haben Sie da reagiert?

Natürlich hatte ich auch mal Trainer, die zu mir sagten: Mach das, weil ich das will. Nur: Wenn ich nicht davon überzeugt bin, dann werde ich das nie richtig machen. Ein Trainer, wie jede Führungsperson, hat eine große Macht, aber er sollte sie nie einsetzen, um Spieler zu ängstigen. Er sollte die Spieler damit überzeugen.

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Auch Ihren Spielern hier beim FC Bayern haben Sie gleich vertraut. Am ersten Tag haben Sie ihnen in Bezug auf die Taktik gesagt: Ich habe meine Vorstellungen, aber ich muss sie nicht durchdrücken, das Wichtigste ist, dass ihr euch wohlfühlt.

Ja, so mache ich das. Ich schaue mir die Spieler an, entwickle eine Idee, schlage sie vor, und wenn die Spieler einverstanden sind – gut. Wenn nicht, dann suchen wir einen anderen Weg. Es gibt bei Bayern viele Leute, die eine Menge Erfahrung haben, die mir helfen können.

Spieler denken vor allem an sich. Nutzen sie den ruhigen Führungsstil nicht aus?

Nein. Weil sie schnell kapieren, dass sie meine ruhige Art nicht mit Schwäche verwechseln dürfen. Es gibt einige Punkte, auf die ich nie verzichten würde: Ich möchte absoluten Respekt, der Teamgeist steht über allem. Wenn sich einer meiner Spieler nicht respektvoll verhält, dann greife ich hart durch.

Bei PSG in Paris riefen Sie die Spieler einmal aus dem Restaurant an, spät am Abend, und Sie haben sich wenig später zu ihnen gesellt. Sie gehen auch gelegentlich mal mit einem Ihrer Spieler aus ...

David Beckham habe ich einmal ins Cocchi nach Parma gebracht. Fantastisches Restaurant. Weltberühmt ...

Und hier beim FC Bayern?

Da habe ich bisher den gesamten Trainer- und Betreuerstab in ein Steakhouse eingeladen, während unserer Sommertour in den USA. Das war ein geselliger Abend mit gutem Rotwein. Die Spieler werde ich bald ausführen.

Wohin?

Zu unserem Sternekoch hier, Alfons Schuhbeck.

Andere Trainer halten Distanz zu ihren Spielern, erst recht außerhalb der Arbeitszeiten. Warum machen Sie das anders?

Weil ich eine gute Beziehung zu den Spielern aufbauen möchte. Mir gefällt die Vorstellung nicht, dass ich als Trainer über den Spielern stehe. Und ich möchte auch nicht unter ihnen stehen. Natürlich könnte ich aufgrund meiner Position und Macht anordnen: Morgen früh um sechs Uhr wird trainiert! Die Spieler würden tuscheln, der Typ ist verrückt geworden, doch keiner könnte etwas dagegen sagen – aber so möchte ich nicht mit meinen Spielern umgehen. Mit ihnen auch einmal abends essen zu gehen, ein paar Gläser Wein zu trinken, das alles führt dazu, dass Barrieren abgebaut werden. Die Spieler sind dann entspannter. In so einer Atmosphäre trauen sie sich mehr zu sagen, als wenn ich sie in meinem Büro spreche. Wenn einem das Training nicht gefällt, dann darf er das ruhig sagen.

Dieser Umgang muss es doch einem Trainer schwerer machen, einem Spieler zu sagen: Du sitzt auf der Bank.

Nein. Die Frage, wer spielt und wer nicht, ist doch eh das wichtigste und schwierigste Thema zwischen Spieler und Trainer. Keiner meiner Spieler kann davon ausgehen, dass er aufgestellt wird, nur weil ich mit ihm essen war. Ich respektiere meine Spieler, und ich erwarte von ihnen, dass sie meine Entscheidungen und meine Rolle respektieren. Egal, ob sie spielen oder nicht. Bisher habe ich das auch immer so hinbekommen, weil ich mit allen rede und versuche, ihnen die Hoffnung zu geben, dass sie schon noch zu ihren Einsätzen kommen werden.
Sie haben beim FC Bayern auch wieder eingeführt, dass die Spieler nach dem Nachmittagstraining gemeinsam essen. Haben die nicht gemurrt? Sie sind es ja sonst gewohnt, selbst über ihre Freizeit zu entscheiden.
Nein. Gerade diese Nähe stärkt den Zusammenhalt unter den Spielern und auch zwischen dem Team und mir. Das haben sie verstanden.

In Ihrem Buch loben Sie Stars wie Beckham, Ibrahimovic oder Ronaldo. Diese Spieler nennen Sie sogar einen Freund. Wie haben Sie solche egozentrischen Stars gezähmt?

Es ist immer einfacher, Weltklassespieler zu trainieren. Bei Ronaldo oder Ibrahimovic beispielsweise passen öffentliches Image und Verhalten gegenüber mir oder der Mannschaft nicht zusammen. Beide Spieler sind absolute Siegertypen, beide arbeiten härter als die meisten anderen. Und beide geben auch immer alles für die Mannschaft.

Auch weil Sie ihnen so viele Freiheiten lassen?

Glaub schon. Es ist mir gelungen, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie mir vertrauen können. Das gilt im Übrigen für alle meine Spieler. Ich höre mir ihre Probleme an, auch die privaten. Ihre Probleme sind auch meine Probleme. Wenn ich einem Spieler helfe, helfe ich auch der Mannschaft und mir.

Das gute Verhältnis zu den Spielern hat Sie nicht vor Rauswürfen bewahrt. Klubbosse wie Abramowitsch bei Chelsea oder Pérez in Madrid haben Sie beim ersten Anzeichen einer Krise gefeuert. Sie hatten Sie geholt, weil Sie so eine ruhige Art haben – warfen Ihnen dann aber vor, dass Sie zu nett sind.

Stimmt, dann wurde mir gesagt: Du musst härter werden, musst die Peitsche knallen lassen, kein Zuckerbrot mehr. Und ich habe stets geantwortet: Nein, das mache ich nicht, da müsst ihr euch einen anderen suchen.

Welcher Klubboss war denn der schwierigste?

(lacht) Ich habe alle respektiert, sie haben mich alle wertgeschätzt. Aber am Ende ist es ihr gutes Recht, mich zu feuern, wenn sie mit mir nicht mehr zufrieden sind. Natürlich muss ich sie über meine Vorstellungen unterrichten, ihnen auch mal Rechenschaft ablegen. Sie können mich für meine Entscheidungen gern kritisieren, aber ich weiß wie kein anderer, wie die Spieler sich fühlen, was welcher Spieler gerade durchmacht. Und ich bin sicher, dass sich keiner im Verein mehr Gedanken über die Aufstellung macht als ich. Ich bevorzuge eher ein gutes Verhältnis zu den Spielern, die für mich auf dem Platz stehen, als zu Präsidenten.

Pérez, Abramowitsch, Berlusconi, das sind alles reiche Männer, die sich einen Fußballklub gönnen, aber nie selbst Fußballer waren. Hier beim FC Bayern hingegen haben Sie es mit ehemaligen Weltklassespielern wie Rummenigge und Hoeneß zu tun. Erleichtert dies die Arbeit?

Klar, das ist eine neue Erfahrung. Obwohl ... Berlusconi sagte von sich immer, dass er auch Fußballer gewesen sei ... Mit Karl-Heinz Rummenigge muss ich manche Sachen noch nicht einmal ansprechen, wir verstehen uns so. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass man im Fußball vieles planen kann, nur nicht das Ergebnis.

Abramowitsch von Chelsea hält es mittlerweile für einen Fehler, Sie gefeuert zu haben. Im vergangenen Dezember bat er Didier Drogba und Andrij Schewtschenko, zwei Ihrer ehemaligen Chelsea-Spieler, Sie zu einer Rückkehr zu überreden. Warum haben Sie nicht zugesagt? Sie mögen doch London so sehr.

Ich werde hier nicht sagen, welche Spieler mich angerufen haben, aber ja, es stimmt. Ich hatte allerdings kurz davor Karl-Heinz Rummenigge mein Wort gegeben, dass ich zu Bayern komme. Ich habe mein Wort gehalten. Und darüber bin ich glücklich.

Auch beim FC Bayern erwarten alle von Ihnen Titel, vor allem den Gewinn der Champions League. Ihr Vorgänger Pep Guardiola schien genervt von diesen Ansprüchen. Sie dagegen wirken entspannt. Wie halten Sie den Druck von sich fern?

Ich möchte wie der Verein diese Erfolge. Ich arbeite mit der Mannschaft hart dafür. Alles andere kann ich nicht beeinflussen. Vielleicht mit dieser Haltung. Auch das habe ich von meinem Vater abgeschaut.

Was haben Sie sonst gelernt in Ihrem Elternhaus?

Disziplin und eine starke Arbeitsmoral. Wir waren sehr arm. Bauern. Wir arbeiteten sehr hart, vor allem mein Vater und mein Großvater: von morgens um vier Uhr bis manchmal abends um acht Uhr. Wir hatten zehn Kühe, um Milch und Parmesankäse zu produzieren. Die mussten gemolken werden. Auch sonntags, da konnte ich nicht einfach freimachen, meinen besten Anzug anziehen und ausgehen, sondern da musste ich melken. Geld verdienten wir vor allem mit dem Käse und ein bisschen mit Weinbau. Nur: Das dauerte ein Jahr, bis der Käse reif war für den Verkauf. Mein Vater hatte deshalb unsere Finanzen stets fest im Auge. Man weiß, dass man reich ist, wenn man nicht mehr so genau weiß, wie viel man auf dem Bankkonto hat; mein Vater wusste bis auf die Lira genau, was wir hatten.

Mittlerweile besitzen Sie Häuser und Wohnungen in mehreren Städten, in London und in Vancouver, wo Sie mit Ihrer kanadischen Frau im vergangenen Jahr Ihr Sabbatical verbracht haben. Wo fühlen Sie sich heute zu Hause?

Schwierige Frage. Ich habe ja in vielen Städten gelebt. Paris, Mailand, Madrid. In Vancouver habe ich mich wirklich sehr wohl gefühlt. Eine unglaublich schöne, grüne Stadt, alles sauber und ordentlich. Nur der Regen … London hat mich sehr geprägt. Und nun München, ich mochte die Stadt sofort. Aber im Herzen bleibe ich natürlich Italiener.

Für einen Trainer, der so viel mit den Spielern redet, ist die Sprache sehr wichtig. Sie haben Englisch gelernt, Spanisch, Französisch, nun Deutsch. Wie läuft es?

Es ist die schwierigste Sprache, wegen der Grammatik. Und in meinem Alter fällt es einem auch nicht leichter. Englisch war für mich einfacher, meine Frau Mariann ist Kanadierin. Sie ist sehr begabt mit Sprachen: Sie spricht Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, ihre Eltern sind Spanier. Jetzt lernt sie mit mir zusammen hier in München Deutsch, das hilft mir.

Auf Pressekonferenzen wechseln Sie nach wenigen Minuten ins Englische. In welcher Sprache reden Sie mit den Spielern?

Das Training erkläre ich auf Deutsch, andere Sachen auf Englisch. Auch, weil in der Mannschaft nicht alle Deutsch verstehen. Englisch ist da die gemeinsame Sprache. Aber mit den spanischen Spielern rede ich Spanisch, mit Rafinha, Vidal, die in Italien gespielt haben, Italienisch, auch mit Ribéry.

Ribéry schenken Sie viele Freiheiten, haben ihn durch Ihr Vertrauen wieder stark gemacht, aber: Als er in einem Freundschaftsspiel in den USA seinem Gegner nach einem Foul den Ellbogen ins Gesicht schlug, sollen Sie ihn auch getadelt haben.

Nein, das stimmt nicht. Ich war lediglich besorgt, weil er sich nicht so klug verhalten hatte. Ich habe ihm im ruhigen Ton gesagt, dass er das nicht machen darf, er schwächt damit das Team, weil er wegen so einer Sache vom Platz fliegen könnte.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie ins Italienische verfallen, wenn Sie auf Spieler sauer sind.

Das sprudelt dann nur so aus mir raus. Wenn du Emotionen zeigst, dann tust du das eben in deiner Landessprache. Die Spieler verstehen mich in so einem Moment auch so, da können sich alle sicher sein.

Fluchen Sie dann auch?

Nein, niemals. Fluchen passt nicht zu meinem Charakter und meiner katholischen Erziehung.

Sie unterscheiden Vereine in zwei Kategorien, Vereine wie der patriarchisch geführte AC Mailand sind für Sie wie eine Familie, Vereine wie der Fiat-Klub Juventus Turin dagegen wie Unternehmen. Zu welcher gehört der FC Bayern?

Bayern ist wie eine Familie, ganz klar, das habe ich schon nach ganz wenigen Tagen hier verstanden. Angefangen von der Klubspitze bis hin zu den Spielern und Angestellten, alle zeigen sich sehr familiär. So, nun muss ich mich umziehen, ich bin gleich zum Abendessen verabredet.

Mit einem Spieler?

Nein, mit unserem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge.

Stimmt es, dass der Feinschmecker Ancelotti nicht mehr alles essen darf?

Trotz meiner Liebe zur guten Küche achte ich verstärkt darauf, was ich esse. Ich habe vor zwei Jahren Arthritis bekommen, deshalb habe ich mich mit der makrobiotischen Ernährung beschäftigt. Ich vermeide rotes Fleisch, ich achte darauf, es nicht zu übertreiben mit Nahrungsmitteln mit zu hohem Säuregehalt, wie zum Beispiel Milcherzeugnissen. Und ich muss sagen: Nach sechs Monaten sind die Schmerzen verschwunden.

Und jetzt?

Und jetzt gönne ich mir natürlich wieder mal ab und zu meinen geliebten Mozzarella.


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Interview: Giuseppe Di Grazia

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