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"Polizeiruf 110"-Wiederholung: Härter, schneller, realitätsnäher - das Debüt von Claudia Michelsen und Sylvester Groth

Die ARD wiederholt das rasante "Polizeiruf"-Debüt von Claudia Michelsen und Sylvester Groth - ein radikaler Gegenentwurf zum beschaulichen Halle-Krimi, den dieses Team abgelöst hat.


"Polizeiruf 110"

Die neuen "Polizeiruf"-Ermittler Hauptkommsissar Jochen Drexler (Sylvester Groth), Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und der "verlorene Sohn" Andi (Vincent Redetzki, v.r.)

ARD

Gleich zu Beginn des Debüts sehen wir die Ermittlerin, wie sie mehrere Wodkas herunterstürzt und dann einen Typen abschleppen will. Dann wird sie zu einem Tatort gerufen, und schon sitzt die stark alkoholisierte Beamtin auf dem Motorrad und jagt mit einem Affenzahn durch Magdeburg - und lässt sich dabei auch von steilen Treppen nicht aufhalten.

Sind wir hier wirklich im MDR-"Polizeiruf", jenem beschaulichen Sonntagabendkrimi, bei dem kurz zuvor noch die best ager Schmücke (Jaecki Schwarz) und Schneider (Wolfgang Winkler) im gemächlichen Tempo durch Halle stolzierten, frei nach dem Motto: Wir sind hier auf der Arbeit, nicht auf der Flucht?

Radikaler Neustart für den "Polizeiruf"

Tatsächlich hat sich der Sender 2013 zu einem radikalen Neustart entschlossen. Schneller, härter und deutlich realitätsbezogener sind die Fälle des neuen Teams. Man wolle auch politische Themen angehen, sagt Redakteur Wolfgang Voigt. Den Standort Halle verlässt der "Polizeiruf", hier habe man schon an jeder Ecke gedreht. Stattdessen ermittelt das neue Team aus Magdeburg, "eine Stadt mit unglaublicher Widersprüchlichkeit", so Voigt. Dazu holte der MDR ein renommiertes Team: Regisseur Friedemann Fromm ("Weissensee") hat zusammen mit seinem Bruder Christoph auch das Drehbuch geschrieben.

Gleich im ersten Fall demonstriert der neue "Polizeiruf", wie ernst ihm der neue Realitätsbezug ist: Der Mord an einem Asylbewerber führt die Ermittler ins rechte Milieu. "Der verlorene Sohn" heißt die Folge, und dabei handelt es sich um den Filius der rasenden Ermittlerin. Über diesen Handlungsstrang erfahren wir einiges über die Vorgeschichte der Ermittlerin Doreen Brasch. Die war früher Punkerin, lehnte das System ab, hatte wechselnde Liebesbeziehungen und wurde schon mit 17 schwanger.

Ihr Kollege Jochen Drexler (Sylvester Groth) ist das Gegenteil dieser lebenslustigen und unkonventionellen Ermittlerin. Von seinen Kollegen wird er nur "Paragrafen-Drexler" genannt, weil er stets überpenibel auf die Einhaltung der Regeln achtet und nie den Dienstweg verlässt. Was er von seiner Kollegin hält, sagt er ihr gleich ins Gesicht: "Ich will ja nicht mehr Zeit mit Ihnen verbringen als notwendig." Und auch duzen ist nicht sein Stil: "Ich bevorzuge das Sie."

"Impotenz macht frei"

So reizvoll der Kontrast der beiden Kommissare ist - richtig harmonieren wollen die beiden zunächst noch nicht. Dazu fehlt die gemeinsame Basis. Doch im Laufe der Ermittlungen nähern sie sich einander an. Gegen Ende tauschen die beiden schon richtig gute Sprüche aus: "Salat macht impotent", schleudert Brasch ihrem Grünzeug knabbernden Kollegen entgegen, worauf dieser entgegnet: "Impotenz macht frei."

10 Fakten zum Tatort, die Sie noch nicht kannten

Der Fall selbst kann dagegen nicht restlos überzeugen. Zu oft hat man schon in Filmen die wütende Ost-Jugend gesehen (als Schauspieler meist dabei: Antonio Wannek, der auch hier wieder mitspielt), die über einen aalglatten Anwalt verfügen, der sie raushaut. Bald gibt es noch eine zweite Leiche: Einer der jugendlichen Neonazis wird tot aufgefunden. Er hat den ersten Mord gefilmt und musste aus dem Weg geschafft werden. Braschs Sohn gerät unter Tatverdacht, seine Mutter wird vom Fall entbunden. Jedoch nicht auf Dauer: In den nächsten "Polizeiruf"-Folgen ist sie wieder mit dabei.

Das Debüt des Magdeburger "Polizeiruf"-Teams wurde am 13. Oktober 2013 ausgestrahlt. Die ARD wiederholt den Film am Freitag, 3. April 2020, um 22.15 Uhr.

Lesen Sie hier ein Interview mit Sylvester Groth: