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"Polizeiruf 110" Sylvester Groth über das deutsche Filmgeschäft: "Wie man hier arbeitet, ist ziemlich verkommen"

Im neuen Magdeburger "Polizeiruf 110" spielt Sylvester Groth den wortkargen Hauptkommsissar Jochen Drexler
Im neuen Magdeburger "Polizeiruf 110" spielt Sylvester Groth den wortkargen Hauptkommsissar Jochen Drexler
© MDR/Julia Terjung
Bislang ist er nur wenigen bekannt. Das wird sich änden: Im neuen "Polizeiruf" spielt Sylvester Groth den Ermittler. Er nimmt kein Blatt vor den Mund - und nennt das deutsche Filmgeschäft "verkommen".
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In Zeiten, da der "Tatort" zunehmend über den Einsatz von Stars und Promis an den Mann gebracht wird - in Hamburg verballert Til Schweiger ein Rekordbudget, in Weimar ermitteln mit Christian Ulmen und Nora Tschirner zwei Ex-MTV-Moderatoren -, leistet sich der MDR in diesem Herbst einen seltenen Luxus: Er setzt auf Fachpersonal. Schauspieler, die nicht jede zweite Woche in irgendeiner Talkshow sitzen oder sich bei "Wetten, dass ..?" auf dem Sofa herumlümmeln. Sondern die sich ausschließlich über ihre Schauspielkunst für die Rolle qualifizieren. Das gilt für den neuen Erfurt-"Tatort", der ab dem 3. November drei junge Talente auf Streife schickt. Und in besonderem Maße für das neue "Polizeiruf 110"-Team, das am Sonntag in Magdeburg erstmals auf Sendung geht.

Mit Claudia Michelsen und Sylvester Groth hat der Sender zwei exzellente Mimen gefunden, für die Kunst zuallererst von Können kommt - und nicht von Prominenz. Deshalb kann Groth bislang noch ungestört im Café sitzen oder unerkannt zum Bäcker gehen."Ich hab ja den Schauspielerberuf gelernt. Wenn ich das nicht hätte, dann müsste ich das Private mehr öffnen. So läuft das Geschäft heute", erklärt Sylvester Groth im stern.de-Gespräch sein Berufsverständnis. "Wenn man nichts kann, muss man als man selber auftreten. Das muss ja nicht sein. Die Leute sollen sich meine Sachen ansehen, die ich gearbeitet habe, und darüber kann ich mich definieren."

Der MDR kann sich glücklich schätzen, Groth für ein festes Engagement im "Polizeiruf" gewonnen zu haben. Denn er ist anspruchsvoll, was die Auswahl seine Rollen angeht. Er hat nämlich konkrete Vorstellungen, wie sie ausgestaltet sein soll. Man kann seinen Ansatz als puristisch bezeichnen: "Mich interessiert beim Krimi der Fall am meisten, nicht der Ermittler. Soll der jetzt ein Holzbein haben oder einäugig sein? Das sind so Einfälle, die nicht weit tragen", so Groth. "Ich möchte eine Figur spielen, die sich total zurücknimmt, die nichts von sich zeigt. Ich möchte Interesse wecken, ohne die Figur völlig hinzulegen. Sie ganz pur und knapp und verschlossen zu lassen. Der Fall muss aufgelöst werden, nicht die Figur."

Der neue "Polizeiruf 110": Keine Mätzchen, viel Ermittlerarbeit

Keine Mätzchen, dafür viel Ermittlerarbeit, genau so kann man den Magdeburger "Polizeiruf" beschreiben. Entsprechend zurückgenommen ist Groths Figur geraten. Sein Hauptkommissar Jochen Drexler gibt privat gar nichts von sich preis. Was nicht heißt, dass er als Figur uninteressant ist. Im Gegenteil. Er hat seinen eigenen Charme. Er ist meist mürrisch, ein Ordnungsfanatiker und achtet pingelig auf die Einhaltung der Vorschriften. Klar, dass so jemand bei den Kollegen nicht sonderlich beliebt ist. Damit bildet er den idealen Kontrast zu seiner Co-Ermittlerin Doreen Brasch (Claudia Michelsen), ein echter Kumpeltyp: trinkfest, zupackend und auch noch attraktiv.

Während Drexler dem Zuschauer in der ersten Folge verschlossen bleibt, Groth also das Geheimnis seiner Figur hütet, erfahren wir über seine Kollegin Brasch dagegen sehr viel Persönliches - allerdings unmittelbar mit dem Fall verknüpft. Denn ein Mordfall führt die beiden Kommissare in die Magdeburger Neonazi-Szene. Und dort mischt Braschs Sohn an vorderster Front mit.

Die Tendenz, dass in den Sonntagabendkrimis das Privatleben der Ermittler immer stärker in den Vordergrund tritt, ist schon oft beklagt worden. Groth hat eine plausible Erklärung, warum des Kommissars Katze, Kind und Kegel oftmals wichtiger sind als die Aufklärung des Falls: "Die Crux ist: Das, was in den 'Tatorten' und 'Polizeirufen' gemacht wird, wird leider nicht mehr in den Spielfilmen gemacht. Es wird ja viel weniger produziert als noch vor Jahren", so Groth. "Deswegen packen Autoren und auch Schauspieler ihre Sehnsüchte in diese Rollen. Wo es eigentlich nicht hingehört. Deswegen sind diese Marotten so geblüht und vielfältig geworden, weil jeder sich verwirklichen kann. Das kann schief gehen, das kann funktionieren. Das kann extrem erfolgreich sein, wie die zwei in Münster."

Rückkehr in die alte Heimat

Für Sylvester Groth ist die neue Rolle eine Rückkehr in seine frühere Heimat. Er wurde 1958 in Jerichow geboren, keine 40 Kilometer von Magdeburg entfernt. Groth wuchs in der DDR auf, studierte an der "Ernst Busch"-Schauspielschule, spielte an Bühnen in Schwerin, Dresden und Berlin. Mitte der 80er Jahre setzte er sich in den Westen ab und spielte auch dort vor allem Theater. Doch schon in der DDR hatte er erste Filmrollen, in der BRD spielte er 1985 einen der grauen Herren in "Momo". Weitere große Rollen hatte er 1993 in "Stalingrad". In Dani Levys "Mein Führer" verkörperte er Joseph Goebbels. Die gleiche Rolle bekleidete er in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" - und sorgte damit international für Aufsehen.

Die Arbeit mit Quentin Tarantino hat Groth nachhaltig begeistert: Bei dem gehe es allein ums Künstlerische und um nichts anderes, das sei der Unterschied zu Deutschland, sagte er vor einigen Monaten im Magazin "Cicero". Was die Frage aufwirft, ob es in Deutschland nicht ums Künstlerische geht. "Nein, überhaupt nicht. Das ist in den Hintergrund gerückt", sagt Groth stern.de, und wirkt fast ein wenig überrascht über diese Frage. "Die Art und Weise, wie man hier arbeitet, ist ziemlich verkommen. Es geht viel zu wenig darum, einen tollen Film zu machen, sondern es irgendwie hinzukriegen. Es ist unprofessioneller. Weil es zusammengewürfelter ist und es irgendwie hinhauen muss."

Das sei keine Frage des Geldes, sondern des respektvollen Umgangs. "Das ist der Unterschied: In den USA wird alles auf die Arbeit am Set fokussiert und alles getan, dass die Leute sich wohlfühlen und in eine Arbeitsstimmung kommen. Man braucht als Schauspieler einen Ort, wo man sich zurückziehen kann. Das gilt hier schon als kapriziös. Es muss ja kein Wohnwagen sein. Eine Garderobe mit Liege, Tisch und Stuhl reicht schon."

"Man kommt offen und wund an den Set"

In Deutschland sei es dagegen schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren: "Du kommst am Set an, bist fremd, und sollst dein Herz aufmachen, deine Seele zeigen. Da stehen nur fremde Leute am ersten Drehtag rum. Das ist schwer, wenn das nicht geschützt wird. Das kann nicht nur der Regisseur sein. Dafür ist ein Stab drum herum da. Der Schauspieler ist das Wichtigste. Ohne den Schauspieler haben die anderen auch keinen Job."

Mit Starallüren hat das nichts zu tun. Vielmehr entspricht sein Wunsch nach besonderer Behandlung am Set seinem Verständnis von gutem Handwerk: "Ich muss mich einbringen mit meinem Körper und meiner Seele. Wenn das nicht respektiert wird, werden Schauspieler schwierig. Dann heißt es, sie sind zickig. Was ich nicht glaube, kein Schauspieler, der seinen Beruf ernsthaft ausübt, ist zickig." Groth geht es um etwas anderes, um die Grundlagen seiner Kunst: "Man muss sich aber irgendwie schützen. Man kommt offen und wund an den Set, und dann muss man wieder zumachen, weil man nicht geschützt wird. Dadurch sieht man dann viel Mittelmaß. Weil man sich nicht öffnen kann. Es wird dann ein Job, ein Beruf wie jeder andere. Es ist aber kein Beruf wie jeder andere."

"Es hängt immer dieser blöde Goethe drüber"

Immerhin hat Groth im "Polizeiruf" professionelle Mitstreiter. Regie führt Friedemann Fromm ("Weissensee"), der zusammen mit seinem Bruder Christoph auch für das Drehbuch verantwortlich ist. Auch wenn das neue Team noch Luft nach oben hat, weil der erste Fall streckenweise ein wenig klischeehaft geraten ist, so ist der Magdeburger "Polizeiruf" schon jetzt eine Bereicherung für die deutsche Fernsehlandschaft. Für Sylvester Groth könnte das Engagement bei der populären Krimireihe aber auch einen negativen Beigeschmack haben: Es könnte dazu führen, dass er auch beim breiten Publikum berühmt wird. Dann ist es mit der Anonymität vorbei.

Andererseits: Die Hauptrolle in einem Sonntagabendkrimi ist im deutschen Fernsehen der Gipfel, viel mehr kann da eigentlich nicht kommen. Groth hat dennoch einen Wunsch. Er würde gerne mal eine richtig gute Komödie spielen, Unterhaltung mit ein bisschen Tiefgang. Leider seien diese Rollen sehr selten: Viele Filmemacher wollten immer für die Ewigkeit produzieren, das sei falsch. "Goethe, es hängt immer dieser blöde Goethe drüber, die Schwergewichtigkeit, die wir in unserem Wesen haben, leider."

Das Debüt des Magdeburger "Polizeiruf"-Teams wurde am 13. Oktober 2013 ausgestrahlt. Die ARD wiederholt den Film am Freitag, 3. April 2020, um 22.15 Uhr.


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