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"Polizeiruf"-Kritik: Wenn Blut an den falschen Händen klebt

"Das Wendemanöver" hat in seinem zweiten Teil schwere Ladung im Gepäck. Während man in Magdeburg in der Vergangenheit gräbt, fährt die Rostocker Polizei ihre Mordopfer im Auto spazieren. Die "Polizeiruf"-Doppelfolge nimmt ordentlich Fahrt auf.

Von Larissa Schwedes

Man ist zwar per Sie, aber doch sehr vertraut: Im "Wendemanöver" ermitteln die Rostocker Ermittler Bukow und König mit den Kollegen aus Magdeburg zusammen.

Man ist zwar per Sie, aber doch sehr vertraut: Im "Wendemanöver" ermitteln die Rostocker Ermittler Bukow und König mit den Kollegen aus Magdeburg zusammen.

Damit er wieder ermitteln darf, hat Kommissar Bukow (Charly Hübner) eben noch seine Psychologin bestochen. Doch nun fährt er eine Runde um den Block - mit blutverschmierten Händen und einer Leiche auf dem Beifahrersitz. Dass der Rostocker Ermittler diesen Fall nicht mit Spürsinn vorantreiben, sondern ihn durch eigene Verwickelungen noch komplizierter machen wird, lässt sich schon in den ersten Minuten der "Polizeiruf"-Folge erahnen.

Die Rückblenden sind bei der verwirrend hohen Anzahl an Personen und Handlungssträngen bitter nötig, auch für Zuschauer, die schon letzten Sonntag vor dem Fernseher saßen. Das fünfköpfige Team kommt dem korrupten Seniorunternehmer Richter (Jörg Gudzuhn) nun so richtig auf die Spur: Umgehung von Waffenembargos, Transferrubelbetrug, Auftragsmorde - die Verbrechen reichen noch länger in die Vergangenheit zurück, als die deutsche Einheit alt ist.

Es scheint, als sei in den Hausregeln des Sonntagabendkrimis vorgeschrieben: Ein bisschen Liebelei muss immer sein. Kommissarin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) wandelt in Rostock seltsam verknallt durch ihren Lieblingsbioladen. Bei der Befragung macht sie sich unglaubwürdig, als sie spontan den Zeugen knutscht. Und dass die billige Anmache des Egozentrikers Pöschel (Andreas Guenther) bei der taffen Frau Brasch aus Magdeburg (Claudia Michelsen) doch noch auf fruchtbaren Boden fällt, hätte letzte Woche auch noch niemand vermutet.

Plattitüden wie diese hätte der Fall eigentlich gar nicht nötig. Denn spätestens als die Richter-Enkelin Jenny (Zoe Moore) im Container eingesperrt und eine Verfolgungsjagd durch die Republik beginnt, ist klar: In puncto Spannung schlägt Teil zwei des Regisseurs Eoin Moore seinen Vorgänger bei Weitem.

Am Ende ruft Til Schweiger an

Klingeling, in Rostock schrillt das Telefon, der Kriminalhauptkomissar nimmt ab. "Tschiller von der Kripo Hamburg ist dran. Versteht man kaum. Nuschelt." Bei diesem völlig unerwarteten Seitenhieb Richtung Til Schweiger lässt sich das Schmunzeln nur schwer verkneifen - ein Sahnehäubchen für jeden eingefleischten "Tatort"-Fan.

Dank Bukow geht der Preis für das interessanteste Ermittlergespann diesmal eindeutig nach Rostock: Selbst als der Kommissar mit Käppi und barschem Ton auf Gangster macht, spielt Charly Hübner seinen Zwiespalt zwischen dubiosem Umfeld und der guten Seite der Macht so authentisch, dass man ihm alles abkauft. Zeitweise kommt sogar Mitleid auf für den grummeligen Kauz.

Wie der Sohn, so der Vater: Bukows altem Herren (grandios: Klaus Manchen) bei der rührenden Unterstützung seines Nachfahren zuzuschauen, macht riesigen Spaß. Der Fürsorglichkeit sind keinerlei moralische Grenzen gesetzt. Wenn es sein muss, schafft er seinem Sohn auch mal eine Leiche aus dem Weg. Den stärksten Auftritt bewahrt sich der Krimi fürs Ende: Bukow senior stellt dem völlig verdatterten Kommissar Drexler (in seinem letzten Fall: Sylvester Groth) die Schrottkarre samt halb verwestem Inhalt vor die Nase: "Viel Vergnügen. Schlüssel steckt."

Stück für Stück kommen hässliche Geheimnisse ans Licht. Immer wieder muss die Familie Richter neu aushandeln: Ist Blut wirklich dicker als Wasser? Auch, wenn es um richtig dreckige Geschäfte geht? Am Ende sitzen alle drei Generationen an einem Tisch, Tränen fließen wie Sturzbäche. Ganz ohne Kitsch und Drama kommt so ein ARD-Einheitszweiteiler eben doch nicht aus.