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Polizeiruf-Kritik Eine DDR-Geschichte ohne Ost-West-Kitsch

Vier Ermittler sehen mehr als zwei: Für den 25 Jahre Einheit-Polizeiruf arbeiten die Magdeburger Ermittler mit dem Team aus Rostock zusammen.
Vier Ermittler sehen mehr als zwei: Für den 25 Jahre Einheit-Polizeiruf arbeiten die Magdeburger Ermittler mit dem Team aus Rostock zusammen.
© NDR/Christine Schroeder
Null Stasi und kein einziger Trabi: Dass man spannende DDR-Geschichten auch ohne Ost-West-Kitsch erzählen kann, zeigt die ARD im ersten Teil der Polizeiruf-Doppelfolge "Das Wendemanöver" zum Einheitsjubiläum.
Von Larissa Schwedes

Lodernde Flammen im Magdeburger Familienunternehmen. Die Frau des Juniorchefs erstickt im Brandanschlag. Nur wenige Stunden später gibt es auch in Rostock ein Todesopfer zu vermelden: einen Wirtschaftsprüfer, im eigenen Hotelzimmer erschossen.

Ein Wirtschaftsbetrug kurz nach der Wende ist der Ausgangspunkt dieses hochkomplizierten Falls. Der historische Hintergrund: Als im Juli 1990 alle ehemaligen DDR-Betriebe der Treuhandanstalt untergeordnet wurden, gab es viel Geld und wenig Kontrolle - der perfekte Nährboden für Kriminalität. Der Stoff passt zum Jubiläum, ohne Klischees zu bedienen. Oder wie der verdächtige Kai Förster (Thomas Fränzel) richtig zusammenfasst: "Es geht hier nicht um Ossis und Wessis, sondern um oben und unten."

Zwei mal zwei macht vier

Der Zuschauer ahnt es, doch die Rostocker Ermittler Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und ihr Mitarbeiter Anton Pöschel (Andreas Guenther) haben den Geistesblitz erst zur Halbzeit der Folge: Die beiden Todesfälle hängen zusammen. Nicht nur hatten die Toten eine Affäre, auch zwischen den Lebenden an der Ostsee und der Elbe gibt es so manche Verschwörung.

Schneller kommen die Magdeburger Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Jochen Drexler (in seinem letzten Fall: Sylvester Groth) darauf zwar auch nicht. Trotzdem lassen sie ihre Kollegen aus dem Norden blass aussehen: Brasch ist souveräner und sympathischer als König. Doch der wahre Held des Polizeirufs ist Drexler.

Drexler ist der Mann des Abends

Mit mürrischer, manchmal sogar furchteinflößender Miene ist der Kommissar meist im Alleingang unterwegs und beileibe kein Sympathieträger. Doch seine enge Verstrickung mit dem Brandleger und Ex-Knacki Ferdinand Frey (Cornelius Obonya) zieht den Zuschauer in den Bann, vom skurrilen Verhör in der Umkleidekabine bis hin zur überraschenden Bettszene. Frey kitzelt in Drexler eine Seite hervor, die man bisher nicht für möglich gehalten hätte: Der harte Hund kann auch weich. Und liebevoll.

Noch vor dem ersten Frühstückskaffee ist er aber wieder der Alte: direkt und kühl, ganz ohne Schnörkel. Mit maschinenhaft wirkender Pflichtschuldigkeit berichtet er Kollegin Brasch von seinem Verdacht, dass Frey der Täter sein könnte. Gewissenhaft übt der Ermittler seinen Beruf aus, der Privatmensch Drexler kämpft derweil gegen die ungewohnt hochkochenden Emotionen an. Fesselnd anzusehen!

Abendsport fürs Gehirn

Wer sich allerdings am Sonntagabend nur zurücklehnen und berieseln lassen will, sollte Abstand nehmen. Ständige Ortswechsel, vereinzelte Rückblenden, viele Akteure und die Verbrechen aus der DDR-Zeit können schon mal für Verwirrung sorgen. Wer die erste Stunde lang den Überblick behält, wird mit Spannung belohnt. In den letzten 20 Minuten nimmt der Fall deutlich Fahrt auf, die Kommissare jagen ihre Verfolgten durch Magdeburg, Schüsse fallen und der Plot verdichtet sich.

Der Cliffhanger fehlt dem ersten Teil der Doppelfolge definitiv nicht. Der Anschlag auf den ins Abseits geratenen Rostocker Kommissar Bukow (Charly Hübner) und seinen dubiosen Beifahrer in letzter Minute hinterlässt ein großes Fragezeichen. Und das ist nicht das einzige: Ist Kai Förster wirklich unschuldig? Läuft noch etwas zwischen Brasch und Pöschel? Wird Drexler seine Liebelei zum Verhängnis? Und natürlich: Wer hat denn nun den Wirtschaftsprüfer erschossen?

Genug Stoff für ein zweites "Wendemanöver" - dieses folgt am 4. Oktober um 20.15 Uhr im Ersten.


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