Weißer Hochmut, schwarze Brutalität: die Schriftstellerin Doris Lessing gab dem stern vor vier Jahren ein Interview und sprach über das Chaos in ihrer alten Heimat Simbabwe und den Schick des Kommunismus.

Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing in ihrem Haus in London. Die Aufnahme entstand 1994© Getty Images
Seit mindestens 25 Jahren ist Doris Lessing auch in Deutschland berühmt. Ihr Roman "Das goldene Notizbuch" galt als Fibel der Frauenbewegung. Das hält die Autorin bis heute für ein Missverständnis. Denn Feministin war sie nie. Die große Dame der englischen Literatur wurde 1919 in Persien geboren und wuchs in Südrhodesien auf, heute Simbabwe. Ihr Buch "Ein süßer Traum" ist keine Autobiografie, "weil verletzliche Menschen gekränkt sein könnten". Es ist dennoch ein Buch über die Jahre, die sie kennt: über die wunderbaren unschuldigen 60er in London, über charmante rücksichtslose Kommunisten, über "fette Katzen" in Afrika, über verhängnisvolle Utopien. Doris Lessing hat zahlreiche Literaturpreise bekommen. Sie lebt in London in einem Häuschen mit vielen Büchern und einem verwilderten Garten.
Nein. Das ist Afrika. Das ist wirklich Afrika in all seiner Brutalität. Aber die Weißen haben da aufgrund ihrer Geschichte kein Recht auf Hochmut. Als die Weißen kamen, wurden die Schwarzen von der weißen Kultur überrollt. Als die Weißen gingen, haben sie die Schwarzen nicht vorbereitet auf Dinge wie Regierung, Verwaltung, Demokratie. Es gibt in Afrika keine Tradition der Demokratie, wie wir sie kennen. Afrikanische Tradition ist, einen starken Führer zu haben, der alles regelt. Aber ich weiß nicht, weshalb diese Länder so brutale Leute hervorbringen wie Amin in Uganda, Taylor in Liberia, Mugabe in Simbabwe. Ich glaube, das weiß niemand.
Gute Idee. Gehen Sie hin und sagen Sie das den Leuten.
Keine Ahnung. Eine dieser fetten korrupten Katzen aus seinem Hofstaat vermutlich. Es könnte sogar noch schlimmer werden. Das Land, das Mugabe den mehr als 5000 weißen Farmern gerade genommen hat, ist ja nicht an die Armen gegangen, sondern an die korrupten Katzen in ihren Mercedessen.
Ja. In Simbabwe stirbt eine ganze Generation. Ich habe Freunde, die stehen jede Woche an einem Grab. Niemand sagt, der Tote sei an Aids gestorben. Es ist immer Tuberkulose. Es gibt kaum Aufklärung.
Das stimmt nicht für Uganda. Für andere Länder schon. In Simbabwe gibt es Hunderttausende Aids-Waisen. Es gibt Großmütter, die 20 Kinder versorgen. Die Kinder verhungern. Hier muss die internationale Gemeinschaft helfen.
Ja. Ein weiterer Fehler sind die Prestige-objekte der Regierung. Man braucht im Busch keine Luxuskliniken und Luxuswaisenhäuser. Man braucht viele einfache kleine Hospitäler mit Krankenschwestern und Hilfen für die Großmütter und Waisen. Warum helft ihr nicht den Kindern? Das Geld geht viel zu häufig in Pomp-Projekte. Die braucht in Simbabwe niemand.
Absolut. Sie haben so wenige. Ich schicke manchmal Bücher hin, aber unterwegs werden die meisten gestohlen. Die Postboten wollen auch lesen. Es gibt keine Europäer, die so verrückt sind nach Büchern wie die Afrikaner.
Nicht nur damit. Mit jeder Utopie. Ich mag keine Utopien. Sie enden meist in Konzentrationslagern. Ich mag auch keine politische Korrektheit. Die ist ein Kind des Kommunismus. "Wenn du nicht für mich bist, bist du gegen mich." Sagt auch Bush. Das ist ein alter kommunistischer Spruch.
Meine Güte, das ist 50 Jahre her. Alle meine Londoner Freunde waren Kommunisten! Aber die Leute mögen es, wenn jemand Kommunist war, das scheint etwas Faszinierendes zu haben.
Da gibt es viele Gerüchte - er ist entweder von Afrikanern oder vom KGB erschossen worden. Ich weiß es nicht.
Es war bei den Kommunisten einfach üblich, dass alle anderen Faschisten genannt wurden. Kürzlich habe ich einen Brief von einem alten Genossen bekommen. Der fragte: Waren wir wirklich so schlimm? Dabei saßen sie noch als alte Männer zusammen und brachten Toasts auf den Genossen Joe aus, auf Stalin.
Auch das war damals normal. Die Kommunisten haben alles für selbstverständlich genommen, was Oma Julia und Mama Frances...
...nur zum Teil, also was die damals geboten haben. Die 60er hatten einfach diesen Glamour von Großzügigkeit. Es war ein verrücktes Jahrzehnt. Nicht so gierig wie die 80er.
Auch das war normal. Vor der Tür stand einer mit seinem Schlafsack und sagte, ich komme aus Kanada und bin ein Freund von Ihrem Sohn. Kann ich hier wohnen? Oder ein Mädchen hatte Ärger mit den Eltern und zog einfach bei uns ein, für Monate, und wurde verköstigt. Das war üblich, nicht nur bei uns.
Alle. Alle Kinder in meinem Buch, die afrikanischen und die europäischen, sind vom Krieg beschädigt. Wir merken gar nicht, wie sehr wir vom Krieg brutalisiert werden. Die Völker bleiben traumatisiert, und wir vergessen es. In Deutschland hab ich mal eine Frau getroffen, die sagte, der vergangene Krieg bedeute nichts für ihr Leben. Dann stellte sich heraus, die Familie wurde ausgebombt, und der Vater starb dabei. Das hat dieses Kriegskind komplett ausgeblendet. Aber vielleicht ist das sogar gut so.
Interview: Gerda-Marie Schönfeld