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8. Juni 2011, 12:39 Uhr

Elfriede Jelinek - eine Ausnahmekünstlerin

Mit ihrer gesellschaftskritischen Collage "Winterreise" überzeugte Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek abermals die Jury der Mülheimer Theatertage. Bereits zum vierten Mal ist die Österreicherin Dramatikerin des Jahres.

Jelinek, Elfriede Jelinek, Dramatikerin des jahres, 2011, 14521

Ausgezeichnet: Für ihre "Winterreise" wurde die österreichische Autorin zum vierten Mal zur Dramatikerin des Jahres gewählt© Roland Schlager, DPA

So oft erhielt niemand sonst den Mülheimer Preis: Zum vierten Mal ist Elfriede Jelinek zur Dramatikerin des Jahres gewählt worden. Die fünfköpfige Jury der Mülheimer Theatertage entschied sich in der Nacht zum Mittwoch mit drei der fünf Stimmen für die österreichische Literaturnobelpreisträgerin. Ausgezeichnet wird Jelinek für ihre Collage "Winterreise", die sich gegen sechs Stücke anderer Dramatiker durchsetzte. Der Publikumspreis ging an Nurkan Erpulat und Jens Hillje für ihre Satire "Verrücktes Blut". Insgesamt kamen für den Dramatikerpreis 119 Stücke infrage, die in der Spielzeit 2010/2011 auf deutschsprachigen Bühnen uraufgeführt wurden.

Mit ihrer "Winterreise" lehnt sich Jelinek an Franz Schuberts und Wilhelm Müllers gleichnamigen Liederzyklus an. Sie schafft eine trostlose gesellschaftliche Kälte in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Collage beschreibt verschiedene Aspekte der Gesellschaft - von der herzlosen Reaktion der Öffentlichkeit auf die Befreiung von Natascha Kampusch über den Finanzskandal um die Hypo Alpe Adria und die Bayerische Landesbank bis zur Verelendung alter Menschen, die grausam im Stich gelassen werden.

Dabei verweist Jelinek auch auf die Position des Künstlers in einer aufs Materielle versessenen Welt. Sie vergleicht sie mit einem Bettler, an dem die Menschen achtlos vorbeigehen. Nur scheinbar stehen die Szenen unverbunden nebeneinander: Tatsächlich verwebt die Dramatikerin sie zu einem System, gegen das sich die "Winterreise" richtet.

Politische Kunst und radikaler Feminismus

Die erneute Auszeichnung Jelineks markiert den Abstand der Literaturnobelpreisträgerin zu anderen deutschsprachigen Dramatikern unserer Zeit.

Jelinek, die 1946 in Mürzzuschlag in der Steiermark geboren wurde, wuchs in Wien auf und begann schon mit 14 Jahren am Wiener Konservatorium Orgel und Blockflöte zu studieren. Später belegte sie auch Komposition als Fach. Ihre schriftstellerische Karriere begann sie mit Gedichten. Bevor Jelinek Stücke schrieb, verfasste sie Hörspiele. Auch aus dem Englischen und Französischen hat sie übersetzt. Die Österreicherin schrieb Drehbücher, Romane, literatur- und theatertheoretische Erörterungen, vor allem aber Dramen. 2004 erhielt sie den Literaturnobelpreis für ihr Gesamtwerk.

Jelinek gilt als eminent politische Künstlerin. Weil sie immer wieder an die Nazi-Vergangenheit erinnert, wurde und wird sie oft aus dem Lager der Rechten angefeindet. Zu Jelineks Roman "Die Kinder der Toten" (1995) etwa notierte die Kritikerin Sigrid Löffler: "Die Toten erwachen und leben als Untote wieder auf. (...) Dass diese Spukhaftigkeit Österreichs etwas mit seiner verdrängten Vergangenheit zu tun hat, tönt als Cantus firmus durch den ganzen Text." Diese Analyse könnte man auf Jelineks gesamtes Werk übertragen.

Einer ihrer bekanntesten Romane ist "Die Klavierspielerin" (1983). Regisseur Michael Haneke verfilmte das Buch im Jahr 2000 mit Isabelle Huppert in der Titelrolle. In der Geschichte über die Klavierlehrerin Erika Kohut, die von ihrer herrschsüchtigen Mutter zur Pianistin gedrillt wurde und unter dieser bedrückenden Kontrolle emotional und sexuell abstirbt, zeigt sich Jelineks radikaler Feminismus.

Jelinek lebt und arbeitet in Wien. Seit 1974 ist sie mit dem Komponisten Gottfried Hüngsberg verheiratet.

Ulrich Fischer, DPA
 
 
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