Jährlich wählt die altehrwürdige Schwedische Akademie den Gewinner des Literaturnobelpreises aus. Der Vorsitzende dieser geheimnisvollen Loge, Horace Engdahl, ist der mächtigste Literaturrichter der Welt. Von Stephan Maus

"Der Baseballschläger ist eine Warnung an Besucher." Horace Engdahl an seinem Alltagsschreibtisch© Felix Brüggemann
Sie sind uns dicht am Leib. Sie lauschen überall. Sie versuchen, unsere Firewall zu durchbrechen. Jeden Tag." Da draußen lauert der Feind. Hier drinnen, in der Stockholmer Alten Börse, einem goldverzierten Rokoko- Palais aus dem 18. Jahrhundert, nur wenige Schritte vom klotzigen Königspalast entfernt, muss man zusammenhalten. Dafür sorgt Horace Engdahl. Er ist der Vorsitzende der Schwedischen Akademie, die seit 1786 aus 18 Mitgliedern besteht. Ausschließlich Schweden. Ein Mitglied ist im Juli verstorben, zwei nehmen nach brutalen Machtkämpfen nicht mehr an den wöchentlichen Sitzungen teil. Trotzdem nennt man sie nur "De Aderton", "Die Achtzehn". Das klingt nach Logenbruderschaft, und genau das ist es: In streng geheimen Diskussionen und Abstimmungen bestimmen "De Aderton" alljährlich den Gewinner des Literaturnobelpreises. "Es gibt nur einen Schutz für die Unabhängigkeit und Integrität der Akademie, und das ist Geheimhaltung", sagt Engdahl, Akademiemitglied Nummer 17, in gestochenem Deutsch - er hat Kleist und Schlegel übersetzt. Sein Prunkbüro hat Stil: Kristalllüster, dicker Teppich auf Parkett und neben dem mächtigen Repräsentationstisch mit silbernem Tintenfass und Gänsekiel noch ein kleinerer Schreibtisch wie ein flinkes Beiboot. Nur Engdahls Bürostuhl ist von der funktionalen Hässlichkeit eines Pilotensessels. Der Vorsitzende würde sich wohl als Kampfpilot verstehen: "Mein Schreibtisch ist so eine Art Kampflager."
In einer Ecke steht ein Baseballschläger: "Eine Warnung an Besucher." Er sagt das mit einem Schmunzeln - einem kaum merklichen. Und beim Fototermin wirkt er so ungemütlich, dass man ihn gern aus der Reichweite dieses Prügels manövrieren würde. Aber der 58- Jährige nimmt nur ungern Anweisungen entgegen. Bei wortlosen Betätigungen wie Posieren oder Sitzen wirkt Engdahl hoffärtig - hier scheinen nur altertümelnde Worte dem Akademiker gerecht zu werden. Im Zwiegespräch hingegen entwickelt er beträchtlichen Charme. Und vor großem Publikum ist er unwiderstehlich. Engdahl spricht leise, um sich Aufmerksamkeit zu sichern. Bei so viel Geheimniskrämerei darf man sich nicht wundern, wenn man die Neugierde anheizt: Selbst als gemäßigt investigativer Kulturjournalist packt einen im Machtzentrum der Weltliteratur schnell das Boulevardfieber. Verschlagen lauert man auf einen unbeobachteten Moment. Und plötzlich dreht man unter den missbilligenden Blicken der sieben Marmorbüsten von Engdahls Vorgängern den Filzstempel um, den Nummer 17 zum Trockentupfen seiner Tintenkorrespondenz benutzt. Mit glühenden Ohren träumt man von verräterischer Spiegelschrift, die den nächsten Laureaten verkündet: nohcnyP samohT, remörtsnarT samoT, sinodA. Aber aus dem Filz orakeln nur abstrakte Tintenkleckse. Engdahl, ehemaliger Intelligence Officer der schwedischen Armee, hinterlässt keine Spuren. Nicht einmal spiegelverkehrte.
Er hat die Sicherheitsvorkehrungen der Akademie sogar noch verschärft: Keine unverschlüsselten Kandidatennamen in E-Mails, Beratungsunterlagen werden nach jeder Sitzung vernichtet, und in der U-Bahn dürfen Bücher nur mit Tarnumschlägen gelesen werden, damit die Öffentlichkeit aus der Lektüre der stadtbekannten Akademiker keine Rückschlüsse ziehen kann. Wie fühlt man sich als mächtigster Literaturrichter der Welt? "Es gibt im Bereich des Geistes keine andere Macht als die anerkannte." Bei Machtfragen läuft Engdahl zu staatsmännischer Hochform auf. In solchen Momenten neigt er zur Maxime, seine Spezialität, wie er mit seinem Aphorismenband "Meteorer" bewiesen hat. Zeigt man nicht sofort begeistertes Einverständnis mit seinen Weisheiten, wird er ungeduldig: "Verstehen Sie den Gedanken? In anderen Bereichen gibt es Macht durch Druck und Zwang. Nicht in der Akademie. Ihre Position resultiert aus ihren anerkannten Beschlüssen." Natürlich weiß auch er, dass die Akademie ihre Macht eben nicht aus ihren Beschlüssen gewinnen kann, denn die sind jedes Jahr umstritten. Gleich der erste Nobelpreisträger war ein Skandal: Als die alten Herren der Akademie 1901 den Preis an Sully Prudhomme und nicht an Leo Tolstoi vergaben, schickten 42 schwedische Schriftsteller und Künstler, unter ihnen auch August Strindberg und Selma Lagerlöf, eine öffentliche Solidaritätsadresse an den Russen. Seitdem schlägt die Wahl der Stockholmer Mandarine regelmäßig Skandalwellen. Der schwedische Kritiker Mats Gellerfelt fasst zusammen: "Der ideale Kandidat ist momentan wohl eine lesbische Asiatin."

Engdahls Stuhl aus dem 18. Jahrhundert, bezogen mit hellblauer Seide. Die Rückenlehnen zeigen die Nummer des jeweiligen Mitgliedes in römischen Goldziffern© Felix Brüggemann
Und der Schriftsteller Eckhard Henscheid beschreibt das Nobelpreisphänomen als "säkularen Massenwahn samt Rückfall in den dunkelsten Mythos". Nein, nicht so sehr ihrem glücklichen Händchen bei der Wahl der Preisträger verdankt die Akademie ihre Autorität, sondern einem komfortablen Vermögen von geschätzten 100 Millionen Euro, zu denen jährlich noch 1,1 Millionen Euro aus der Nobelstiftung kommen, die als Preisgeld ausgelobt werden. Diesen Reichtum veredeln die Achtzehn mit einem geradezu mythischen Glanz, der ihr von jahrhundertealten Riten, einem beinahe mafiösen Clanbewusstsein und absoluter Verschwiegenheit verliehen wird. Indem Alfred Nobel das Auswahlverfahren für seinen Literaturpreis der Schwedischen Akademie überließ, versah er ihn mit aristokratischem Prestige. Der wichtigste Literaturpreis der Welt erscheint wie der Traum eines Gelehrten aus dem 18. Jahrhundert. Dieser Traum wird so pfleglich poliert wie die sakralen Geräte der Akademie: Kelche, Medaillen, Tintenfässer. Ihre Riten wurden von ihrem königlichen Stifter, dem burlesken Theaternarren Gustav III., in einem Ordnungsbuch festgelegt. Diese szenischen Regieanweisungen werden noch heute minutiös befolgt. Gustav wurde 1792 auf einem Maskenball in der Oper ermordet, seine akademische Kulturmaskerade überlebte. Der Monarch nahm sich die Pariser Académie française als Vorbild für seine Literaturloge.
Noch immer schweben die französischen "Unsterblichen" den Schweden als Modell vor. "Ich beneide die Franzosen um ihre schönen Schwerter, die sie am Gürtel tragen", sagt Akademiemitglied und Lyriker Kjell Espmark - durchaus mit Selbstironie. Die ihn allerdings nicht daran hindert, stolz auf all den akademischen Pomp zu sein. Den gibt es zur Genüge. Seinen Höhepunkt findet er am 20. Dezember, wenn die Akademie ihre Jahresversammlung unter den wohlwollenden Augen ihres Schutzherrn, des schwedischen Königs, zelebriert. Dann thronen die königlichen Kulturhüter in ihren alten Kostümen im Großen Festsaal des alten Börshuset. Ein imposantes Arrangement: 18 Stühle aus dem 18. Jahrhundert, bezogen mit hellblauer Seide. Die Rückenlehnen zeigen die Nummer des jeweiligen Mitgliedes in römischen Goldziffern. Vor jedem Platz stehen nur ein Wasserglas und eine Kerze - eine brennende vor jedem lebenden Mitglied, eine erloschene vor den verwaisten Plätzen der im vergangenen Jahr verstorbenen. Lorbeerkränze allüberall: in Sitzflächen gestickt, in Armlehnen geschnitzt, in Türstürze gebeitelt. "An diesem Tag sind wir die Schauspieler des Königs", sagt Engdahl. Doch auch der gewöhnliche Akademiealltag strahlt aristokratische Würde aus. Jedes Mitglied hat sein Amt auf Lebenszeit inne. Niemand kann aus eigenen Stücken austreten. Nur im Todesfall beruft die Akademie ein neues Mitglied. Die Wahl wird vom schwedischen König bestätigt.
Jeden Donnerstag um fünf treffen sich die Achtzehn. Man redet sich mit förmlichen Titeln an, was in Schweden beinahe komisch wirkt und der Versammlung feierliches Flair verleiht. Es herrschen feste Sitzordnung und strenges Protokoll. Jeder Beschluss wird vom Direktor mit dem Schlag eines Silberhämmerchens besiegelt, in dessen Griff der Wahlspruch der Akademie eingraviert ist: "Snille och Smak", "Geist und Geschmack". Dieses Motto findet sich auch auf der Silbermünze im Wert von 20 Euro, die jedes Akademiemitglied als einzigen Lohn am Ende einer Sitzung erhält. Nur der Vorsitzende bezieht ein Gehalt. Um sich dessen würdig zu erweisen, hat er sich den motivierenden Wahlspruch sogar auf seine Pappvorlagemappe prägen lassen, in der er ausgedruckte E-Mails aufbewahrt. Abgestimmt wird in der Akademie per Stimmzettel, die in einem 200 Jahre alten Silberkrug eingesammelt werden. Auf allen Stühlen im Versammlungsraum liegen orthopädische Sitzkissen: Das Durchschnittsalter der Akademie beträgt 71 Jahre. Die Mitglieder sind Schriftsteller, Kritiker, Linguisten, ein Jurist und ein Sinologe. Nur fünf Frauen finden sich unter ihnen. Grund genug für Engdahls Frau, die Logenbruderschaft einen "geriatrischen Herrenklub" zu nennen. Engdahl hat früher als Kritiker für die Tagespresse gearbeitet. Damals war er arm. Als Anhänger moderner französischer Literaturtheorie arbeitete er an der Aufweichung des klassischen Literaturkanons. Heute wohnt er in einem prächtigen Stadtpalais in der Altstadt und regiert im Zentrum einer Institution, die alljährlich den besten Schriftsteller der Welt kürt. Widerspruch? Engdahl knöpft sich das Jackett zu und drückt den Rücken durch: "Ein schroffer sogar. Aber der junge Engdahl war ja kein Bombenwerfer. Er war vielleicht subversiv. Und sehr antiautoritär. Aber er hat immer die alten Symbole geliebt."
Engdahl flicht seine Worte mit Bedacht in das Ticken einer goldenen Pendüle, als wollte er diesem schmucklosen Ticktack mithilfe seiner gedrechselten Sätze denselben Pomp verleihen, den auch die Standuhr ausstrahlt. Sie ist ein Geschenk Gustav des III., und wenn sie an einem Donnerstagmittag im Oktober ein Uhr schlägt, wird Engdahl die hohe Flügeltür zum Festsaal öffnen und in fünf Sprachen den Nobelpreisträger verkünden. Feierlich werden Goldleisten, lackierte Lorbeerreliefs und Kristalllüster im Blitzlichtgewitter der Weltpresse funkeln. Wie fühlt sich dieser Moment an? "Es ist eine reine Freude. Ich weiß ja etwas, das alle im Festsaal wissen wollen. Das ist fast ein Rausch. Die Aufmerksamkeit, die auf mich gerichtet ist, wenn ich die Tür öffne, ist unvergleichlich. Ich muss zugeben, ich genieße diese Aufmerksamkeit." So klingt die Freude eines Mannes, der seine Akademie gewöhnlich im Geheimen leiten muss. Die Auslese der Nobelpreiskandidaten ist ein langer Prozess, dessen inszenierte Sorgfalt zu seiner Glaubwürdigkeit beiträgt. Bis zum 1. Februar sammelt die Akademie Kandidatenvorschläge aus aller Welt. Aus Deutschland kommen mit die meisten Empfehlungen. Vorschlagsberechtigt sind Literaturprofessoren, Akademien und ehemalige Preisträger. Von Marcel Reich-Ranicki weiß man, dass er ein Fax mit seinem Favoriten schickt.
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Ausgabe 40/2007