Seit seinem Bestseller "Gomorrha" ist der italienische Journalist und Mafia-Experte Roberto Saviano Todesdrohungen ausgesetzt und lebt unter Polizeischutz. stern-Autor Stephan Maus traf Saviano unter konspirativen Umständen und sprach mit ihm über das Leben im Verborgenen und darüber, warum auch Mafiosi Menschen sind.

Seit der Veröffentlichung seines Enthüllungsbuches "Gomorrha" steht Roberto Saviano auf der Todesliste der Mafia© Alessandro Bianchi/Reuters
Eine enge Einbahnstraße in Neapel. Wie wütende Wespen knattern Motorroller vorüber. Langsam schiebt sich die silberne Kühlerhaube eines Jaguars aus einer Seitenstraße ins Bild. Verdunkelte Scheiben. Eine zweite Limousine folgt. Auf den Autodächern abnehmbare Blaulichter. Mit geschmeidigen Bewegungen gleiten Bodyguards auf die Straße. Aufmerksam suchen sie die Umgebung ab. So sieht das also aus, wenn jemand in Italien die höchste Sicherheitsstufe hat.
Aus der hinteren Limousine steigt jetzt ein schmächtiger Mann. Der Schriftsteller Roberto Saviano. Die Bodyguards nehmen den 29-Jährigen in ihre Mitte. Die Gruppe eilt in Richtung Hotel, wo unser konspiratives Gespräch stattfinden soll.
Ich lebe nicht in der Obsession, umgebracht zu werden. Ich habe nicht wirklich Angst davor. Obwohl ich ihr natürlicher Feind bin. Das Buch hat ihnen riesige Kapitalmengen entzogen. Sie haben durch mich viel Business verloren. Aber ich glaube nicht, dass sie mich so schnell umbringen werden. Bevor ich Todesangst haben sollte, werden sie erst einmal meinen Ruf ruinieren. Sie werden alles daran setzen, um meine Glaubwürdigkeit zu zerstören. Was mich schmerzt ist, dass sie mein Leben schon zerstört haben. Ich kann kein normales Leben mehr führen. Und das liegt nicht nur am Polizeischutz. Ich kann kein Haus mehr besitzen, keine Wohnung. Kann nicht mal zwei Tage am selben Ort sein. So viel Macht haben sie jetzt schon über mich.

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Nein.
Aus zwei Gründen: Erstens ist meine Familie nicht mehr da. Mein Bruder lebt in Norditalien, meine Eltern sind aus meinem Geburtsort Casal di Principe weggezogen. Zweitens habe ich sie sehr früh wissen lassen, dass sich meine Familie auf Grund des Buches von mir entfernt hat. Außerdem ist es historisch betrachtet so, dass die Camorra niemals die Familienangehörigen ihrer Feinde ins Visier nimmt. Falcones Schwester hatte keinen Polizeischutz, Borsellinos Schwestern auch nicht.
Die Familienmitglieder ihrer Partner nehmen sie schon ins Visier. Aber nicht die ihrer Feinde, weil sie dadurch die Macht des Wortes ihrer Feinde nur noch steigern würden.
Natürlich. Es ist ja nicht so, dass das eine völlig andere Welt ist. Eigentlich sind die meisten Mafiosi, die ich getroffen habe, angenehme, sympathische Menschen. Als ich zum Beispiel unter Polizeischutz bei einem Prozess aussagte, haben sich die Camorra-Typen in ihrem Käfig wie kleine Kinder über mich lustig gemacht. Darüber, wie klein ich bin. Dass ich keine Haare habe. Sie haben sich über blöde Details amüsiert. Spielerischer Umgang ist ihnen nicht fremd. Zum Beispiel hat ein Richter einmal einen Pentito gefragt, ob die Todessentenz gegen mich aufgehoben werden könne. Er hat geantwortet: "Aufgehoben? Nein. Aufgeschoben vielleicht."
Nachdem ich bekannter wurde, ist natürlich nichts mehr passiert. Aber am Anfang, als ich begonnen habe, in kleineren Zeitungen zu publizieren, gab es Kontakte. Sie haben zwar kein direktes Angebot gemacht - sie halten sich ja für so mächtig, dass sie das nicht nötig haben -, aber sie haben mich gefragt, was sie mir denn getan hätten, dass ich auf diese Weise reagiere. Die Frau eines bekannten Camorra-Bosses hat dann öffentlich die Frage gestellt: "Was haben wir getan? Haben wir seine Freundin vergewaltigt?" Das ist ihre Mentalität. Es ist für sie unvorstellbar, dass jemand etwas gegen einen anderen haben könnte, wenn er nicht direkt angegangen worden ist.

Saviano lebt heute unter Polizeischutz an einem unbekannten Ort. stern-Autor Stephan Maus konnte ihn nur unter konspirativen Bedingungen treffen© Salvatore Laporta/AP
Sehr viele. Aber da ich aus einer bürgerlichen Familie komme, sind die meisten nicht in die unteren Grade eingetreten. Sie sind Manager bei den verschiedenen Clans.
Ich war jetzt seit zwei Jahren nicht mehr dort. Ich war ungefähr ein Jahr nach Veröffentlichung des Buches da. Das war eine offizielle Veranstaltung. Und ich hatte eigentlich erwartet, dass mir eine gewisse Gleichgültigkeit entgegen gebracht werden würde. Stattdessen wurde ich mit sehr starken Gesten konfrontiert. Ich bin mit dem Auto durchgefahren, und sämtliche Fenster wurden zugemacht. Die Rollläden der Geschäfte wurden heruntergelassen und man hat versucht, die Leute von mir fern zu halten. Und der Vater des Camorra-Bosses Francesco Schiavone, genannt Sandokan, hat mich vor laufenden Kameras beschimpft. Das ist ein Ort, den ich nie wieder werde besuchen können.
Ich habe keinen direkten Kontakt mehr zu Mitgliedern der Camorra. Aber ich weiß von den Ermittlungen her, dass ein guter Teil der Camorra kein Interesse daran hat, mich umzubringen. Denen wäre am liebsten, wenn mir keine Glaubwürdigkeit mehr geschenkt würde. Und ich einfach verschwände. Wie überall gibt es auch hier Falken und Tauben. Insgesamt muss man allerdings sagen, dass mir nicht wirklich Respekt gezollt wird. Ich bin nicht das Gegenteil von ihnen. Ich bin kein Richter, kein Polizist. Die werden wenigstens respektiert. Mich aber sehen sie als einen Verräter an. Für sie bin ich ein Spekulant. Jemand, der andere verrät, um sich damit Ruhm zu erkaufen. Das schreiben sie dann auf die Hauswände. Oder es wird ein Sarg mit meinem Namen drauf gezeichnet. Ich bin Abschaum für sie.