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Italien: Staatssekretär schützt die Mafia

Ein Magazinbericht hat die Mafia-Verbindungen des Staatssekretärs im italienischen Wirtschaftsministerium aufgedeckt. Dieser soll sich seine politische Karriere mit Zugeständnissen an das organisierte Verbrechen erkauft haben. Doch noch wird Nicola Cosentino von oberster Stelle geschützt.

Von Luisa Brandl, Rom

Nicola Cosentino kann offenbar nichts erschüttern: Nachdem das Magazin "L'Espresso" in seiner aktuellen Ausgabe zum wiederholten Male die Verbindungen des Staatssekretärs im Wirtschaftsministerium zur neapolitanischen Mafia, der Camorra, offen legte, macht der Politiker der Berlusconi-Partei Forza Italia weiter wie bisher. Fünf Kronzeugen haben nach dem Bericht von "L'Espresso" in den Jahren 1996 bis April 2008 gegen den Süditaliener ausgesagt, der selbst aus einer Camorra-Hochburg stammt. Danach soll sich Cosentino seine Politikerkarriere mit Zugeständnissen an den mächtigsten Clan der Casalesi erkauft haben.

Premier spricht von "Polit-Kampagne"

Der Berlusconi-Intimus wiegelte alle Vorwürfe ab, inszenierte sich als Opfer einer Verleumdungskampagne. Sein direkter Vorgesetzter schweigt über den Fall und Regierungschef Silvio Berlusconi hält schützend seine Hand über Cosentino. "Ich habe mich persönlich davon überzeugt, dass es sich hier um eine politische Kampagne handelt und nicht um die Wahrheit", erklärte Italiens Premier.

So ähnlich hatte Berlusconi auch stets auf Mafia-Vorwürfe geantwortet, die ihn selbst betrafen. Noch im Wahlkampf hatte er einen verstorbenen Mafioso öffentlich als Helden gelobt. Dass der Fall Cosentino nun offenbar als lästige Nebensache abgetan wird, steht allerdings im Widerspruch zu den Solidaritätsbekundungen der ganzen politischen Klasse gegenüber dem von der Camorra bedrohten "Gomorrah"-Autor Roberto Saviano, der im Übrigen die Machenschaften Cosentinos selbst ins Visier genommen hatte.

Ziel: Macht der Staatsanwaltschaft eindämmen

Die Einzelheiten sind brisant genug. "Während meiner Flucht habe ich mich oft mit dem Politiker Nicola Cosentino getroffen", zitiert der " L'Espresso" aus dem Protokoll des Kronzeugen Dario De Simone. Cosentino habe den Ex-Boss im Haus eines Onkels seiner Ehefrauv ersteckt. Dort hätten die Treffen stattgefunden, es sei um die Regionalwahlen im April 1995 gegangen. "Er bat mich um Hilfe im Wahlkampf. Ich habe viel für ihn getan. Wenn ich ihn um etwas gebeten habe, hat er mir nichts abgeschlagen. Praktisch die ganze Organisation hat sich um seine Wahl gekümmert." Cosentino habe auch andere Clanmitglieder gekannt. "Einige von uns frequentierten den Club "Napoli di Casale", bei dem auch Cosentino ein- und ausging." In dieser Zeit habe er oft bei Cosentino übernachtet, ebenso wie der damals flüchtige Walter Schiavone, so De Simone.

Nach der Wahl soll der frischgebackene Regionalrat dem wegen dutzender Morde gesuchten Killer umfangreiche Zusicherungen gemacht haben. Cosentino habe De Simone laut "L'Espresso" versichert, dass er ihn im Falle seiner Verhaftung und einer Verurteilung zur Höchststrafe nach einigen Jahren wieder aus der Haft herausbekäme. "Cosentino hat mir auch berichtet, dass es mit einem Wahlsieg der Berlusconi-Koalition mit Sicherheit Straferleichterungen für Mafiosi geben würde." Sie sollen weiter über die Gesinnung einzelner Richter gesprochen haben, die sich als besonders unnachgiebig gegenüber der Camorra erwiesen hätten. "Wir kamen zu dem Ergebnis, dass eine Regierung unter Forza Italia die Arbeit dieser Richter einschränken solle, so De Simone, "insbesondere sollte die Macht der Staatsanwaltschaft von Neapel eingedämmt werden."

Zertifikat "Antimafia" verweigert

Unabhängig von De Simone berichteten dem "L'Espresso" zufolge vier weitere Kronzeugen über Cosentino. Domenico Frascogna soll ihn als den "Postboten" des obersten Bosses des Casalesi-Clans, Francesco "Sandokan" Schiavone ausgemacht haben. Cosentino soll Politiker-Kollegen die Nachrichten des berüchtigten Bosses überbracht haben. Carmine Schiavone, der Cousin von "Sandokan" gab an, er sei "einer der Kandidaten der Camorra" bei den Wahlen in der Region und in der Provinz gewesen. Michele Froncillo nannte ihn den Ansprechpartner, um öffentliche Ausschreibungen zu gewinnen. Gaetano Vassallo, Ex-Chef eines von der Camorra kontrollierten Unternehmens zur Entsorgung von Giftmüll, soll Cosentino mit der mafiafreundlichen Müllpolitik in der Region in Zusammenhang gebracht haben.

Der "L'Espresso" berichtet überdies, wie dem Familienunternehmen Cosentinos, einem Energieversorger, zunächst das Zertifikat "Antimafia" verweigert wurde. Erst als sich eine Präfektin persönlich einschaltete, bekam das Unternehmen die notwendige Bescheinigung. Cosentino, der die Partei Forza Italia in der Region Kampanien leitet, organisierte daraufhin ihre Wahl ins Parlament.