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29. April 2008, 10:41 Uhr

Haus der bezaubernden Talente

Sie malen Kreise, bauen Flugzeuge aus Pappe oder konstruieren irrwitzige Hochhaus-Modelle - die Künstler im Frankfurter "Atelier Goldstein" sind gefragt, ihre Arbeiten in renommierten Galerien und Museen zu sehen. Eines haben sie, bei aller Unterschiedlichkeit, gemein: Sie sind geistig behindert. Von Almut F. Kasper

Herausragende künstlerische Talente arbeiten im Atelier Goldstein - so auch Birgit Ziegert. Ihre Werke haben eine unmissverständliche Formensprache© Plamen Bontchev/ Coleman+Schmitt/ Jovis Verlag

Lang und öde zieht sich die stark befahrene Hanauer Landstraße in Frankfurt/Main über sieben Kilometer in Richtung Offenbach. Wo die Ostendstraße einmündet, steht, zwischen Autocentern, Möbelhäusern und Outlet-Stores, ein trister grauer Büroblock aus den achtziger Jahren. Hinter dessen Mauern versteckt sich für 15 außergewöhnliche Menschen das Paradies.

Im ersten Geschoss des ehemaligen "Baumann-Hauses" passiert Unglaubliches. Hier entsteht Kunst, und zwar eine ganz besondere: 15 geistig behinderte Maler, Zeichner und Plastiker arbeiten im "Atelier Goldstein", Männer und Frauen mit Down-Syndrom, Autismus oder anderen Störungen. Doch das ist völlig uninteressant, nebensächlich. Wirklich interessant ist nur die Tatsache, dass die hier schaffenden Menschen alle etwas gemeinsam haben: herausragende künstlerische Talente. So absurde Schubkasten-Begriffe wie "Behinderten-Kunst" oder "Outsider Art" sind hier - noch mehr als anderswo - völlig deplatziert und unangebracht. Im "Atelier Goldstein" geht es nur um eines: um qualitativ hochwertige Kunst. Wer kein Talent hat, hat hier nichts zu suchen.

Dafür sorgt Christiane Cuticchio. Sie hat langjährige Erfahrung und nutzt ihren "Kennerblick", um versteckte Begabungen zu entdecken. Die ehemalige Bühnenbildnerin ist Initiatorin und künstlerische Leiterin des "Atelier Goldstein". Ihr und ihrem Team ist es zu verdanken, dass Menschen, die sonst gesellschaftlich am Rande stehen, einen Ort gefunden haben, an dem sie die Chance erhalten, ihr gesamtes künstlerisches Potenzial zu entfalten. Deren Bilder und Objekte werden immer wieder mit großem Erfolg in der Öffentlichkeit gezeigt. Nicht auf Weihnachtsmärkten oder Stadtteilfesten, sondern in renommierten Galerien und Museen. Die Kunstszene ist längst hellhörig geworden. Inzwischen reißen sich Sammler um die Werke, die hier entstehen.

Viermal in der Woche, immer gegen 13 Uhr, macht sich der hauseigene Zivildienstleistende auf den Weg und holt die Männer und Frauen aus ihren sozialen Einrichtungen ab, in denen sie leben und leichter Arbeit nachgehen müssen. Bringt sie in den ersten Stock des Hauses Hanauer Landstraße 220, wo sie auf 250 Quadratmetern eine Oase der Schaffenskraft gefunden haben.

Es riecht nach Farbe, Klebstoff und Schweiß

Ein langer Büroflur, von dem rechts und links die Ateliers der Künstler abgehen. Überall liegt und steht Material herum, Farbtöpfe, Pinsel. Schnell griffbereit, wenn etwas dringend gebraucht wird. Fertige Leinwände sind an die Wand gelehnt. Es riecht nach Farbe, Klebstoff und Schweiß. In den schlichten Büroräumen hat jeder Künstler seinen Arbeitsplatz. Lange Tische, bequeme Stühle. Es herrscht eine lebendige Atmosphäre, in der es vor Energie nur so sprüht. Aus dem einen Zimmer dröhnt Costa Cordalis, aus dem anderen plärrt Scooter. Zwischendurch raschelt und knistert es, wenn Material bearbeitet wird. In anderen Räumen wird gemurmelt, gebrummelt oder einfach nur konzentriert geschwiegen.

Die Idee wurde schon vor Jahren geboren. Als der Künstler und bekannte Ausstellungsmacher Harald Szeemann 1972 zur "documenta 5" die Psychiatriezelle des "geisteskranken" Malers Adolf Wölfli nachbauen ließ, waren viele junge Künstler wie elektrisiert. Und setzten sich mit der Begrifflichkeit und Einordnung der Kunst behinderter Menschen auseinander. Auch die Gründer des "Atelier Goldstein" - allen voran Christiane Cuticchio. Das Ergebnis ihrer Überlegungen war ernüchternd. Die Unfähigkeit der Öffentlichkeit, mit solchem "Anderssein" umzugehen, war - und ist immer noch - erschreckend. Man wollte Abhilfe schaffen und ausgewählten Künstlern mit ihren naturgegebenen Defiziten Unterstützung und Hilfe bieten. 2001 war es endlich soweit.

"Hier kann nicht mehr einfach von Behinderung gesprochen werden"

Nach vielen mühsamen Gesprächen war es gelungen, den Geschäftsführer der Frankfurter Lebenshilfe e. V., Günter Bausewein, von der einmaligen Idee zu überzeugen, sich finanziell am "Atelier Goldstein" zu beteiligen. "Das, was im Atelier Goldstein als Kunstprojekt begann, ist durch die Beobachtung der Arbeitsweisen der Künstler zu einer Infragestellung des Begriffs Behinderung geworden", sagt Christiane Cuticchio. "Mit guten Gewissen kann hier nicht mehr einfach von Behinderung gesprochen werden."

Wer lernt hier von wem?

Das "Atelier Goldstein" ist definitiv keine therapeutische Einrichtung, in der Menschen mit Behinderung "beschäftigt" werden. Wer das glaubt, hat nichts verstanden. Das Atelier ist ein Ort der Kreativität, in dem Talente geboren, hervorgehoben und, wenn nötig, auch gefördert werden. Die Begabungen der Künstler stehen dabei im Mittelpunkt. Die arbeiten hier sichtlich begeistert und entspannt - ohne Vorurteile, ohne Neid und Missgunst. Weil sie diese Eigenschaften gar nicht kennen. Gott sei Dank. Dass die Künstler professionell unterstützt werden und in dem hier gebotenen Freiraum ihren ureigenen Stil entwickeln können, ist nur die eine Seite der Medaille - die andere: Wer lernt hier von wem? Tagtäglich stellt sich Christiane Cuticchio diese Frage. Und ist immer wieder erstaunt darüber, was sie von den "Goldstein"-Künstlern an Wissen vermittelt bekommt. Wenn man die Atelierleiterin nach der Andersartigkeit dieser Kunst befragt, muss man mit einer schroffen Antwort rechnen: "Ich verachte es, wenn jemand von Behinderten-Kunst spricht. Es gibt keine charakteristische Kunst von Behinderten - genauso wenig wie es Kunst von Diabetikern gibt." Und Mitleid kann sich hier jeder sparen. Die Künstler haben es verdient, ernst genommen zu werden.

Das Buch

Das Buch "Atelier Goldstein Künstler", herausgegeben von Gabi Schirrmacher und Christian Sälzer. Deutsch/englisch, 240 Seiten mit 450 farbigen und 20 Schwarz-weiß-Abbildungen, Format: 21,5 x 27 cm, 35 Euro. Jovis Verlag, Berlin.

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