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10. September 2009, 14:05 Uhr

Qualm-Orgien unter Öko-Kriegern

Erst wanderte das Wort "Kettenraucher" ins Englische, dann auch noch der "Passivraucher" - in der Lehnübersetzung "secondhand smoking". Daraus leitete sich jüngst der medizinische Begriff "third hand smoke" ab. Von Sven Siedenberg

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Man spricht Deutsch, Sprachkolumne, Sven Siedenberg

Besserwisser, Katzenjammer oder Gemütlichkeit - diese deutschen Wörter kennt man auch im Ausland© Heyne

Haste mal Feuer?", fragte mich mein englischer Freund Harry mit schief im Mundwinkel hängender Zigarette.
"Sorry", antwortete ich. "Darf's stattdessen ein Kaugummi sein?"

Der Kettenraucher hält das nervöse Hervornesteln einer Zigarette, das verkrampfte Festhalten zwischen gelben Fingern und das unappetitliche Dauerröcheln ja für sexy. Verbissen kämpft er für sein Gewohnheitsrecht, die Nichtraucher vergiften und als Spaßbremse verunglimpfen zu dürfen. In Deutschland kämpft er besonders verbissen.

Doch auch die selbstverliebten Italiener und die lebenslustigen Franzosen, die mit Serge Gainsbourg einen Kettenraucher zum Nationalheiligen haben, gehen zum Rauchen ohne Murren vor die Tür. Und sogar die Amerikaner, immerhin Bewohner eines Landes, in dem Kettenraucher sich zu Opfern stilisieren und wegen ihrer Sucht die Tabakfirmen verklagen, haben das ehemalige Marlboro-Country in ein Nichtraucherparadies verwandelt.

Jetzt gucken sich die einen wehmütig die alten Qualm-Orgien mit Humphrey Bogart an, die Serie "Mad Men" und die Cartoons mit Dauerpaffer Lucky Luke, der unter dem Druck amerikanischer Trickfilmstudios in den 1980er Jahren von seiner Nikotinsucht zwangskuriert wurde, was die Weltgesundheitsorganisation mit einer Medaille honorierte.

Die anderen wundern sich über Altkanzler Helmut Schmidt, diesen Angestellten des Weltgeistes aus "Good old Germany", der gerne Moralpredigten hält und auch nach mehreren Herzinfarkten und Herzoperationen sein Recht auf Selbstzerstörung störrisch verteidigt.

Begleitet von qualmenden Fabrikschloten und dampfenden Lokomotiven wanderte das deutsche Wort "Kettenraucher", die maximale Steigerung des Gelegenheitsrauchers, in den 1880er Jahren ins Englische, in den Lehnübersetzungen "chain-smoker", "chain-smoking" und "chain-smoke". Jüngst hat sich zum Kettenraucher auch der Passivraucher ("passive smoker") dazugesellt.

Rauchfreie Zone der Öko-Amis

"Ihr seid doch alle Öko-Krieger und Gesundheitsfanatiker", schimpfte Harry und kaute auf seiner staubtrockenen, unangezündeten Zigarette.
"Du spielst darauf an", sagte ich, "dass wir die erste Nation waren, die Katalysatoren in Autos eingebaut und mit der Wiederverwertung des Abfalls begonnen hat. Dann drangen während der 1970er und 1980er die gesundheitlichen Risiken des Passivrauchens auch bei euch ins öffentliche Bewusstsein und schon habt ihr die Vokabel aus dem Deutschen übernommen - als Lehnübersetzung 'passive smoking', neben 'passive smoker' und 'secondhand smoking'."

Und kaum hatten Kalifornien und New York besonders fortschrittliche Gesetze zum Schutz der Nichtraucher erlassen - rauchfreie Restaurants, rauchfreie Parks, rauchfreie Strände -, kursierte bereits ein neues Schlagwort unter Medizinern: Der sogenannte "Third hand smoke" bezeichnet die giftigen Stoffe, die der Tabakrauch in Haaren und Kleidern zurücklässt.

"Haste mal ein Kaugummi?", fragte Harry.

"Kettenraucher" kennt man im Englischen und Italienischen

Zur Person

Zur Person Sven Siedenberg lebt und arbeitet als Journalist und Autor in München. Seine Glossen, Kritiken, Reportagen, Porträts und Essays sind unter anderem im Spiegel, stern, Focus sowie in der Zeit, Süddeutschen Zeitung, Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung erschienen. Er hat an zahlreichen Anthologien mitgewirkt und bereits einige Bücher geschrieben, sein neuestes "Besservisser beim Kaffeeklatsching" ist im Heyne Verlag erschienen.

Von Sven Siedenberg
KOMMENTARE (2 von 2)
 
Necros (17.09.2009, 13:59 Uhr)
Oh Gott...
Jetzt erreicht das Überlegenheits- / PC-Gesäusel gegenüber Rauchern sogar den linguistischen Bereich. Peinlich!
bikersplace (17.09.2009, 13:02 Uhr)
Naja - Recherche ist alles
wie alle anderen Artikel halt auch, oberflächlich.... In Teilen der USA waren Katalysatoren schon seit 1974 Pflicht, in Deutschland erst ab 1989.
Aber ich schreibs mal, auch wenn ich jetzt als Besserwisser da stehe :-)
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