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Buchauszug

Wo ist heute Heimat? Über einen missbrauchten, aber wichtigen Begriff

Der Begriff der Heimat ist oft polemisch missbraucht worden. Der Schriftsteller Matthias Politycki bereist seit Jahrzehnten die Welt - und stellt mit Erschrecken fest, dass wir drauf und dran sind, unsere neue Heimat Europa aufs Spiel zu setzen.

Von Matthias Politycki

Matthias Politycki

Der Schriftsteller Matthias Politycki hat ein persönliches Buch über das Reisen geschrieben - und beschäftigt sich darin auch mit der Frage nach der Heimat.

Und dann sind wir wieder daheim. Ist es nicht erstaunlich, wie reibungslos hier alles funktioniert – werden wir uns vielleicht fragen, wenn wir aus Incredible !ndia kommen. Keine Ratten zwischen den Gepäckstücken, mit dem Taxifahrer muß man nicht um den Fahrpreis feilschen, niemand behelligt uns mit: "Where you go? Where you from?" Oder aber es fällt uns als erstes auf, wie langsam die Rolltreppen laufen. Und wie chaotisch alles andere – jedenfalls wenn wir aus Südkorea zurückkehren. Wie vermüllt alles ist, voller Grafiti, heruntergewirtschaftet, indisch.

"Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen ", schreibt Fontane. Das eine Mal werden wir aufatmen, das andre Mal werden wir … ebenfalls aufatmen, wenngleich verhaltener. Es ist und bleibt nun mal unsre Heimat, in die wir gerade heil zurückgekehrt sind, darüber sind wir erleichtert. Auch wenn wir uns bis zur Paßkontrolle als Weltreisende gefühlt haben sollten, die überall zu Hause sind. Nun sind wir wieder Deutsche und in Deutschland zu Hause. Schlimm? Manch einer findet jetzt alles "schrecklich deutsch", sieht überall nur schlechtgelaunte Menschen, wundert sich ostentativ, daß es gerade nicht regnet.

Eric, der seine Heimat ganz klar in Gent sieht, findet es dort nach Rückkehr aus dem Ausland schrecklich flämisch: "Wenn ich nach Hause komme, empfinde ich die Ruhe in den Straßen wie eine Totenstille. Überall sehe ich nur geschlossene Türen." Konsul Walder hat Deutschland früher gehaßt, mittlerweile hat er's wenigstens zu schätzen gelernt, auch wenn er am liebsten ewig weiterreisen würde. Indra freut sich überhaupt nicht auf zu Hause, ausgenommen die Freunde, die sie dort hat. Fast alle sind sie traurig bei der Rückkehr, machen gleich neue Reisepläne.

Was mich betrifft, so freue ich mich jedes Mal, wieder daheim zu sein. Wenn ich eine Zeitlang die Mühsal des Alltags in einem andern Land am eignen Leib erlebt habe, bin ich dankbar, in wohlgeordnete Strukturen zurückkehren zu dürfen. Heimkehren ist mit dem Akt des Rückflugs freilich nicht getan. Ich komme mit einem anderen Blick zurück nach Hause, mit einer anderen Einstellung, erlebe mein tägliches Einerlei eine Zeitlang als Fremder – und genieße es. Reisen macht nicht unbedingt glücklicher, zufriedener macht es auf alle Fälle. Erzählt man von seinen Erlebnissen, fällt das Resümee von Mal zu Mal präziser aus. Reisen ist nicht immer schön.

Gereist sein schon. Man hat zwar nicht alles geschafft, was man sich vorgenommen hatte, man hat es auch nicht stets so geschafft, wie man's sich gewünscht hätte, zumindest aber hat man vieles geschafft. Hat man je eine Reise unternommen, deren Bilanz eindeutig negativ zu ziehen war?

Oder war sie nicht vielmehr so mißglückt, daß es schon wieder als besondere Erfahrung gelten konnte? Schlimmstenfalls hat man "das Beste daraus gemacht", ein paar herbe Einsichten gewonnen, gelernt. Reisen macht nicht unbedingt glücklicher, erfüllter macht es auf alle Fälle.

Achill fremdelt ein paar Tage, wenn er nach Hause zurückgekehrt ist, er baut sein Zelt noch mal im eigenen Garten auf und verbringt darin ein paar Nächte. All die Dynamik, von der die vergangenen Wochen geprägt waren, läuft nun ins Leere, es ist vorbei. Für immer. Wir leiden an der Melancholie dessen, der seine Aufgabe erfüllt hat. Während wir Trauerarbeit leisten, verhandeln wir mit uns selbst über unser Lebenskonzept, verrechnen die Verlockungen der Fremde gegen die Geborgenheiten der Heimat und stellen fest, daß es auch eine Sehnsucht nach dem Vertrauten gibt.

Nach kleinen Ritualen, halbautomatischen Handgriffen, beiläufigen Begegnungen. Reisen macht nicht unbedingt glücklicher, demütiger macht es auf alle Fälle.


Heimat als etwas Statisches gibt es nicht

Trotzdem wird man von Reise zu Reise ein bißchen fremder in seiner Welt. Und das liegt nicht allein daran, daß der Charakter im Lauf der Jahre eine andere Tiefenstruktur gewinnt, als wenn er sich stets nur im selben Umfeld hätte behaupten müssen. Es liegt auch am Umfeld selbst. Heimat als etwas Statisches gibt es nicht, sie erscheint nur so, wenn wir uns parallel zu ihrer Entwicklung permanent mitentwickeln.

Tun wir’s nicht oder nur bedingt, weil wir uns über gewisse Zeitspannen in anderen Ländern aufhalten, merken wir die Veränderungen deutlicher. Irgendwann fühlen wir, daß wir hier zwar hin-, aber nicht mehr hundertprozentig dazugehören. Ein paar weitere Jahre später fragen wir uns, ob es wirklich noch unsre Heimat ist, die wir zu Hause vorfinden. Oder eine neue Heimat, in die andere, Jüngere, gerade fraglos hineinwachsen.

Schon immer habe ich Deutschland als Teil einer Europäischen Union gesehen. Wenn ich mich gern als Deutscher bekannt habe, so war das untrennbar verbunden mit einer Vision von Europa, die hoffentlich noch zu meinen Lebzeiten auf die Vereinigten Staaten von Europa hinauslaufen würde. So sehr fühlte ich mich als Europäer, daß ich meine deutschen Wurzeln für selbstverständlich nahm, der Rede beziehungsweise des Nachdenkens nicht weiter wert. Das hat sich in jüngster Zeit geändert. War ich jahrzehntelang nur auf Lesereisen durch Deutschland unterwegs gewesen, nahm ich nun die eine oder andere Gelegenheit wahr, innerhalb Deutschlands zu reisen, also um der schieren Reise willen.

Es ist verhältnismäßig leicht, Reize und Besonderheiten eines Landes in den Blick zu bekommen, sofern sie sich in prächtigen Kontrastfarben präsentieren. Bei Reisen in die Dritte Welt kann man nur gewinnen. Bei Reisen in Deutschland kann man auch verlieren, Illusionen über sich und seine Landsleute zum Beispiel. Es ist viel schwerer, gerecht zu bleiben, wenn man über ein Ärgernis oder eine Enttäuschung nicht gleich wieder mit Sandstrand, Dschungel oder Wüste hinweggetröstet wird. Während ich im Oldenburger Land unterwegs war oder auf dem Grünen Band, der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, fragte ich mich, wonach ich eigentlich Ausschau halten sollte, schließlich war mir alles vertraut. So schien es zumindest.

Für einen Dr. Black, der von Kalifornien aus in die Welt sieht und reist, ist Deutschland inzwischen wirklich fremd geworden. Was ich als ganz normal empfinde, ist für ihn auf den ersten Blick exotisch: "In manchen bayerischen Dörfern denkst du, du bist in Disneyland, die Einwohner sehen aus wie kostümierte Schauspieler zur Belustigung der Touristen. Wie kann man im täglichen Leben nur so rumlaufen?" Häufig hatte ich im Verlauf meines Lebens gehört, daß sich Deutschland nicht von seinen Städten, sondern nur von seinen Provinzen aus begreifen läßt. Nun sah ich es.

Sah, wie bunt es mittlerweile dort geworden war, nämlich nicht nur in Bezug auf Gastronomie, sondern auf Straßen- und Erscheinungsbild generell. Weil meine Eindrücke nicht gleich von den nächsten Eindrücken überlagert wurden, sah ich es genauer als in Hamburg oder München, wo ich es zwar täglich wahrgenommen hatte, allerdings nur in den speziellen Ausschnitten, die mich interessierten, der Rest war für mich nichts als Großstadttapete gewesen. Tatsächlich verglich ich meine Eindrücke aus der deutschen Provinz aber gar nicht mit denen aus deutschen Städten, sondern mit denen aus anderen Provinzen, die ich bereist hatte. Ich kannte das Patchwork verschiedener Kulturen ganz gut aus diversen Weltgegenden und ahnte, daß es also auch in Deutschland keineswegs auf Multikulti hinauslief, sondern auf ein kultiviertes Nebeneinander, immerhin.


Wegmarke auf dem Weg zu einem neuen Europa

Zwar hatte ich andernorts erlebt, wie leicht dies Nebeneinander in ein Gegeneinander umschlagen kann, in Haß und Gewalt, trotzdem war ich der Überzeugung, daß es in einer solch selbstkritischen Gesellschaft wie der deutschen kaum passieren würde. Bis hierhin war ich mit meiner neuen Heimat im Reinen und sah alles, was von außen zu ihr dazugekommen war, als Gewinn an, als Wegmarke auf dem Weg zu einem neuen Europa.

Dann kam ein herrlicher Sommerabend im Münchner Seehaus-Biergarten und mit ihm, als ich die zweite Runde Bier holte, eine vollverschleierte Frau. Sie trug schwer an einem mit Speis und Trank beladenen Tablett, einige Schritte voraus ging demonstrativ unbeteiligt ein Bürschlein, offensichtlich ihr Mann. Auf der arabischen Halbinsel hatte ich schon viele Niqab-Trägerinnen gesehen und war den Anblick gewohnt. Auch München selbst war in den Sommermonaten voll von ihnen. Diese hier versetzte mir einen Stich. Gern wäre ich ihr wenigstens beim Tragen des Tabletts beigesprungen, doch das hätte ihr Mann als ungehörige Kontaktaufnahme interpretiert. Jäh spürte ich die ganze Aussichtslosigkeit der Hoffnung, daß sich beide Kulturen je zu solch unbeschwertem Einvernehmen finden würden, wie es in einem bayerischen Biergarten Programm ist.

Die Freunde, mit denen ich zusammensaß, empfanden es ähnlich. Wir versicherten einander, im Prinzip nichts gegen vollverschleierte Frauen zu haben, aber ... An diesem Abend wurde mir klar, daß mich all meine Reisen nicht zum Weltbürger gemacht haben. Daß ich die Verschiedenheit an Gesellschafts- und Lebensformen auf der ganzen Welt genieße, doch nur deshalb, weil ich in meine eigene zurückkehren kann. Ich war, bin und bleibe Europäer. Das noch einmal in letzter Konsequenz zu begreifen, wurde ich durch eine im Grunde belanglose Begegnung mit arabischen Touristen veranlaßt, an denen ich in Münchens Geschäftsstraßen gedankenlos vorübergegangen wäre. Nicht jedoch in einem Biergarten, also dort, wo in Bayern so etwas wie die öffentlich kultivierte Privatsphäre beginnt. Einen Biergarten, der für seine Weltoffenheit nicht nur von Einheimischen, sondern von der ganzen Welt geliebt wird, wollte ich nur ungern mit jemandem teilen, der das heiter Ungezwungene des Ortes so offensichtlich konterkarierte.


Das Brexit-Votum ist erst der Anfang

Mittlerweile hat sich die Lage drastisch geändert, wer heutzutage über Fremde spricht, meint alles andere als gelegentliche Biergartenbesucher. Und auch der Begriff der Heimat hat eine zweifelhafte Renaissance erfahren. In jüngster Vergangenheit ist er so oft polemisch mißbraucht und emotional aufgeheizt worden, daß er zum zweiten Mal in der jüngeren deutschen Geschichte seine Unschuld zu verlieren droht. Noch vor wenigen Jahren war Heimat etwas so Selbstverständliches, daß keiner groß darüber nachgedacht hätte.

Im Gegenteil, traditionelle Heimatverbundenheit wie etwa in Oberbayern galt den meisten als hinterwäldlerisch. Heimat war einfach da und würde immer da sein, gern auch in erweiterter Form, als europäische Heimat, und das war gut so. Doch inzwischen ist sie keine Selbstverständlichkeit mehr. Die einen befürchten, daß sie ihnen sukzessive entzogen wird und sie selbst heimatlos werden. Die andern wollen den Begriff Heimat für jeden öffnen, der seine tatsächliche Heimat verloren oder verlassen hat. Während die einen den Heimatbegriff allzusehr verengen und provinziell halten wollen, weiten ihn die anderen allzusehr aus und unterziehen ihn dadurch einer extremen Belastungsprobe. Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in ... ach, in fast allen europäischen Ländern. Wir sind drauf und dran, unsre über Jahrzehnte zusammengewachsene neue Heimat Europa aufs Spiel zu setzen.

Selbstverständlich gebieten es Herz und Verstand, Europa weiterhin nicht nur weltoffen nach innen aufzubauen, sondern über seine Grenzen hinaus. Wer es für alle öffnet, ohne Ansehen der Person und der Motive, die ihn zu uns geführt haben, der macht sich zwar beliebt in der ganzen Welt, verrät jedoch seine europäischen Nachbarn und die gemeinsame europäische Idee. Das Brexit-Votum in Großbritannien ist erst der Anfang, Deutschland wird auch weiterhin der Hauptschuldige sein, wenn seine europäischen Nachbarn nicht mehr länger mittragen wollen, was wir besserwisserisch vorgeben. Wer von der ganzen Welt geliebt werden will, verliert seine engsten Freunde, wer glaubt, die Ängste seiner kleineren Nachbarn pauschal stigmatisieren zu dürfen, frönt der Arroganz des Stärkeren. Möglicherweise wird es ausgerechnet die Hybris der Deutschen sein, an der Europa als unser aller Heimat zerbricht.

Das hier publizierte Kapitel entstammt dem Buch "Schrecklich schön und weit und wild: Warum wir reisen und was wir dabei denken" von Matthias Politycki. Es ist bei Hoffmann und Campe erschienen und kostet 16,99 Euro. Zur Homepage des Verlags


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