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Matthias Politycki Vergiftete Liebesgrüße aus dem Jenseits

Der "Tagesspiegel" bezeichnete ihn einmal als "Grandseigneur unserer Literatur": Matthias Politycki
Der "Tagesspiegel" bezeichnete ihn einmal als "Grandseigneur unserer Literatur": Matthias Politycki
© Matthias Bothor
In seinem neuen Buch "Jenseitsnovelle" entfaltet Matthias Politycki auf engstem Raum eine intelligent konstruierte Geschichte, in der es um alles geht, was dem Leben erst die richtige Würze gibt: Liebe, Verrat und Tod.

Wie weit darf der Mensch in seine Natur eingreifen? Wo liegt die Grenze zwischen notwendigen medizinischen Operationen und Eingriffen, die das menschliche Dasein verändern? Diese Frage ist der Ausgangspunkt von Matthias Polityckis neuem Werk "Jenseitsnovelle". Dabei scheint der medizinische Eingriff hier recht harmlos zu sein: Nach jahrzehntelanger Kurzsichtigkeit hat sich der Sinologie-Dozent Hinrich Schepp die Augen lasern lassen und nimmt auf einmal seine Umwelt gestochen scharf wahr. Ein Gewinn an Lebensqualität, sollte man meinen. Doch was Schepp zu sehen bekommt, setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, an deren Ende seine Ehe, seine Selbstgewissheit, kurzum: sein bisheriges beschauliches Leben in Trümmern liegt. Denn der verheiratete Mann erblickt in einer Kaschemme die Kellnerin Dana, an der er vor allem das chinesische Schriftzeichen wahrnimmt, das sie sich auf den Hals tätowiert hat. Fortan vernachlässigt Schepp seine Ehefrau und verbringt seine Abende in der Kneipe.

Das ist aber nur eine Handlungsebene in dieser wunderbar verschachtelten und intelligent konstruierten Novelle. In Gang gesetzt wird alles an jenem Morgen, als Schepp seine Ehefrau Doro tot am Schreibtisch findet. Sie hatte gerade ein altes Manuskript von ihm korrigiert, "Marek der Säufer", in dem er die Affäre mit der Kellnerin Dana verarbeitet hat, wie Doro glaubt. Doch ist das Manuskript nicht viel älter? Und war da wirklich etwas zwischen Schepp und der Dana?

In kunstvollen Rückblenden erfährt der Leser die Liebesgeschichte zwischen Schepp und seiner Ehefrau, bei der Arnold Böcklins Gemälde "Die Toteninsel" eine wichtige Rolle spielt. Denn in diesem Bild spiegelt sich Doros feste Überzeugung, nach dem Tod gelangten alle Menschen an einen dunklen kalten See, in den die Frischverstorbenen hineinmüssen, um darin ein zweites Mal zu sterben.

Während er die Randnotizen und Bemerkungen liest, die seine Ehefrau in sein Manuskript geschrieben hat, entfaltet sich Schritt für Schritt noch eine dritte Ebene: Denn auch Doro hat ihr eigenes Geheimnis, das sie hier offenbart. Je weiter das Buch fortschreitet, desto stärker greifen die drei Handlungsstränge ineinander und steuern die Geschichte in ein furioses Finale, das mit einigen handfesten Überraschungen aufwartet und der Novelle einen gewaltigen Nachhall verleiht.

Liebe, Verrat und Tod

Auf nur 127 Seiten bringt Matthias Politycki das Kunststück fertig, ein Buch über die Themen zu schreiben, die das menschliche Leben erst interessant machen: Liebe, Verrat und Tod. So stellt Politycki neben seine großen, ausladenden Romane "Herr der Hörner" (2005) und "Weiberroman" (1997) nun ein schmales Bändchen, das trotz aller Verknappung und Verdichtung (oder vielleicht gerade deswegen) den großen Romanen in puncto Intensität in nichts nachsteht.

Parallel zu dem Buch hat der Regisseur Gregor Toerzs einen Kurzfilm gedreht, Design, Animation und Produktion stammen von dem renommierten Filmstudio weareflink. Das dreiminütige Werk verarbeitet kongenial die wichtigsten Motive der "Jenseitsnovelle" und kondensiert sie zu einem packenden Filmerlebnis. Ein Clip, der neue Maßstäbe in der Promotion von Büchern setzt.


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